Die meisten Menschen tragen viel zu häufig unpassende Schuhe. Findet Heinz Rudolf Kunze. Aber bei Kunze kann man seine Schuhe ausziehen. Oder vielmehr bei Pupsi, dem Ich-Erzähler von „Pupsi“, einem der Texte in Kunzes neuem Buch, „Gebrauchsgegenstand“, einer üppigen Sammlung von Texten, entstanden zwischen 2019 und 2025.
Bei Pupsi darf man so ziemlich alles. „Fressen Sie mit den Fingern, verwüsten Sie meine Inneneinrichtung, fallen Sie über meine Frau her. Keiner soll am Ende eines unvergeßlichen Abends sagen, er sei bei Pupsi nicht auf seine Kosten gekommen.“ Kunze, 69, schreibt unvergesslich mit ß, die Rechtschreibreform will es anders, aber in seinem Buch kann Kunze schreiben, wie er will. Wenn es um Sprache geht, kennt der Autor keine Verwandten. Sprache ist seine Freiheit. Da lässt er sich nicht reinreden, von niemandem. Kunze ist Autor. Musiker natürlich, aber auch als solcher vor allem Autor. Herr seiner Texte. Und als solcher will Sprache raus aus ihm. Drängelnd, wie es scheint. Wo sich andere mit dem Formulieren, mit dem Reimen und Phrasieren quälen, quillt es förmlich aus Heinz Rudolf Kunze raus. Immer schon. Er schreibt und schreibt und schreibt. Mit der Hand übrigens, wie er gleich in seinem ersten Text erklärt, „denn nur da, wo man mit der Hand war, war man wirklich“. Er wisse ja nicht, wie es andere Leute machen, „die tippen, anstatt mit der Hand zu schreiben, die also kein Gefühl für Sprache haben können, höchstens ein Fingerkuppengefühl und das reicht nicht“. Jedenfalls nicht für Kunze, und der hat ja auch „nie behauptet, modern zu sein“.
Das Cover von „Gebrauchsgegenstand“ ziert eine Handgranate in Gehirnform, was zusammen mit dem Titel suggeriert, dass es Kunze bange ist um den allgemeinen Zustand des Verstandes. Und ja, es geht, oft in scharfen Worten, um eine Art Volksverdummung, die für ihn aufgezogen zu sein scheint, um Erdkundelehrerinnen, die Rostock ins Erzgebirge verlegen, und grundsätzlich um Bildungsferne, „idiotisch ausgebildete Lehrer“. Kunze macht sich Sorgen um die Demokratie in diesem Deutschland, an dem er sich so oft und gern abgearbeitet hat.
Und, einmal in Fahrt gekommen, teilt er im Rundumschlag aus. Gegen die „jungen Lactoseallergiker“, die sich beim Thema Wehrdienst denken: „Stimmt denn da die Work-Death-Balance noch?“ Gegen die „Genderscheiße“, die man in seinen Augen tatsächlich nur braucht, „um Gott zu beschreiben“. Sein Feldzug gegen Wokeness, den er seit einigen Jahren betreibt, gegen Sprachverwahrlosung, Gesinnungseifer und politische Heuchelei, wie es im Klappentext heißt, findet quer durch die Textsammlung, nicht chronologisch, sondern titelalphabetisch sortiert, seinen Niederschlag. Und da die politische Nachrichtenlage sich derzeit ungebremst zu beschleunigen scheint, kann man fünf Jahre alte Texte wie den über Angela Merkel auf ihren Gilt-das-noch-Faktor abklopfen. „Jetzt ist Angela Merkel weg, und die CDU hat keinen Kopf mehr, nicht mal ein Gesicht.“
Und: „Deutschland muss aufwachen, ohne daß der rechte Rand DEUTSCHLAND ERWACHE brüllt.“ Fünf Jahre her.
Der hintersinnige Humor, der in seinen Songs schweren Themen oft Leichtigkeit verleiht, weicht in seinen Texten häufig einer Wut, manchmal auch einer in Sarkasmus gewandeten Verzweiflung. Ein Trostbuch soll es nicht sein, heißt es, sondern ein Denkangebot. Für manche vermutlich eher ein Streitangebot. Aber auch das wäre demokratisch.
In Texten wie „Weiße Fahne“ blitzt die feine Klinge dann aber doch auf: Eine Unterhaltung zwischen dem kriegsführenden „Herrn Diktator“ und jemandem, der Frieden will und fragt: „Warum haben Sie uns angegriffen?“ Antwort: „Weil mich keiner daran hindert. Weil ich es kann.“ Geschrieben 2025. Mittlerweile auf mehrere Kriege anwendbar.
Info: Heinz Rudolf Kunze: