Jede Kiste enthält 14 Kinderbücher, zudem hat die Stadt eine Empfehlungsliste mit 65 Büchern zum Thema Vielfalt ausgegeben. Dazu zählen Titel wie „Kleidung ist für alle da!“, „Julian ist eine Meerjungfrau“ und „Prinzessin Pfiffigunde“ über eine Prinzessin, die lieber Motorrad fährt, als einen Prinzen zu heiraten. Die Bücher thematisieren teils offensiv, teils subtil verschiedene Familienkonstellationen und Geschlechterrollen.
Im Fokus stehen zwar queere Themen wie Kinder mit zwei Müttern oder Jungs, die gern Tutu tragen. Doch die Bücher sollen laut Stadt auch andere Formen der Vielfalt abbilden – etwa Menschen mit unterschiedlichen Hautfarben, Kinder mit und ohne Behinderung. Jede Kiste hat die Stadt rund 270 Euro gekostet, finanziert aus Restmitteln aus dem Haushalt.
Nicht alle Eltern fänden das Vorgehen in den städtischen Kitas gut, sagt Munke. „Da kommt auch mal Kritik, warum wir das in dem Alter schon thematisieren“, berichtet sie. Dem entgegnet die Bereichsleiterin, dass es in jeder hannoverschen Kita Regenbogenfamilien mit gleichgeschlechtlichen Eltern gebe. „Das ist ein Beitrag zur Inklusion, wir wollen Ausgrenzung vermeiden“, sagt sie. Dabei gehe es nicht um eine Frühsexualisierung, sondern um eine altersgerechte Darstellung der Wirklichkeit.
Yildiz Kilinc leitet die Kita am Vinnhorster Weg und freut sich über die Bücherkiste. „Wir sind in unserer Literatur schon gut aufgestellt, aber so bekommt das Thema noch mal einen besonderen Stellenwert“, sagt sie. Kinder seien grundsätzlich viel offener als Erwachsene – daher sei es umso wichtiger, ihnen schon im jungen Alter das Thema Vielfalt näherzubringen. Angesichts steigender Gewaltkriminalität gegen queere Menschen, auch von jugendlichen Tätern, sei es eine elementare Aufgabe, in der Kita präventiv gegenzuwirken. Juliane Steeger, Beauftragte für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt bei der Stadt, hat selbst erlebt, was ein offener Umgang in Kitas bewegt. Als ihre Partnerin und sie die gemeinsame Tochter in der Kita am Vinnhorster Weg anmeldeten, seien sie die erste Regenbogenfamilie gewesen und herzlich empfangen worden. Auch als Steegers Mutter an einem Hirntumor erkrankte, habe die Kita das Thema gut mit der Tochter aufgearbeitet, etwa mit dem Buch „Der Kobold in Papas Kopf“. „Da habe ich noch mal gemerkt, wie sehr das Medium Buch helfen kann“, sagt sie.
Die Bücherkisten sind nicht der erste Schritt der Stadt zu mehr Vielfalt in Kitas. Schon seit knapp zehn Jahren arbeitet der Fachbereich Kita mit Steegers Team zusammen. Entstanden sei die Kooperation, weil homosexuelle Kita-Mitarbeitende beim Fachbereich nachfragten, ob sie Kindern und Eltern von ihrer gleichgeschlechtlichen Beziehung erzählen dürften, sagt Munke. „Wenn schon bei den Fachkräften Unsicherheit herrscht – wie sollen wir dann Kinder aus Regenbogen- und Patchworkfamilien gut begleiten?“, habe sich die Stadt gefragt.
Seit 2018 wurden daher zunächst alle Kita-Leitungen in Hannover im pädagogischen Umgang mit geschlechtlicher und sexueller Vielfalt in ihren Einrichtungen geschult. Derzeit laufen weitere Schulungen für die gesamten Kita-Teams.