„Der ‚Tintenturm‘ atmet Geschichte“, schwärmt Andreas Urban, Kurator am Historischen Museum. Dieses ist derzeit sanierungsbedingt geschlossen, doch dafür hat Urban mit den Pelikan-Beschäftigen Ilana Finkelstein und Winfried Leuthold im „Tintenturm“ eine bemerkenswerte Ausstellung über die Kulturtechnik des Schreibens auf die Beine gestellt.
Seit den 1830er-Jahren avancierte Pelikan zu einer der wichtigsten Firmen der Stadt. „Das Unternehmen hat dafür gesorgt, dass die Produkte aus seiner langen Geschichte in einem vorbildlichen Archiv bewahrt werden“, sagt Urban.
Die Ausstellung kann folglich aus einem reichen Fundus schöpfen: Neben wundervollen Werbeplakaten präsentiert sie Schiefertafeln und Stahlfedern, Tintenfässer und Kolbenfüllhalter. An Mitmachstationen können Besucher selbst probieren, mit Gänsefedern zu schreiben.Einen Ehrenplatz hat natürlich der legendäre Pelikano, der 1960 als erster Schulfüller mit Patronen den Markt eroberte. „Mit seiner robusten Metallkappe und der druckstabilen Feder war er ein Riesenerfolg“, sagt Pelikan-Archivar Leuthold. „Teils war die Nachfrage so groß, dass es Lieferschwierigkeiten gab.“
Auf Monitoren sind Pelikan-Reklamefilme aus den Siebzigern zu sehen. Doch eine Werbepräsentation für das einstige Großunternehmen, das seit 2023 als Marke zur französischen Hamelin-Gruppe gehört, ist die Ausstellung nicht.
Vielmehr lotet sie auch aus, wie Schreiben, Denken und Persönlichkeitsentwicklung zusammenhängen. „Lange galt es als Ideal, dass alle Kinder das gleiche Schriftbild haben“, sagt Urban und zeigt auf Schönschreibhefte aus dem 19. Jahrhundert. „Heute spielt Individualität eine viel größere Rolle.“ Die eigene Handschrift also.
Der prächtige Ausstellungssaal ist dabei selbst historisches Terrain: In den Sechzigerjahren tagten hier Experten der „Arbeitsgemeinschaft Schreiberziehung“. Unter der Ägide von Pelikan ertüftelten sie, wie Kinder am leichtesten Schreiben lernen könnten.
Die von ihnen kreierte Vereinfachte Ausgangsschrift wurde von 1974 an in den Grundschulen eingeführt und ist bis heute Usus. Mit ihren Aufschwüngen am Ende der Buchstaben geht sie flüssiger von der Hand als die zuvor gebräuchliche Lateinische Ausgangsschrift.
Nostalgische Schrifttafeln präsentieren Proben auch von der Kurrentschrift aus dem 19. Jahrhundert, der in Preußen von 1915 bis 1941 gültigen „Sütterlin-Schrift“, die der Grafiker Ludwig Sütterlin erschaffen hatte, und der Deutschen Normalschrift, die in Schulen bis in die Fünfzigerjahre gängig war.
Schreiben und Denken, das zeigt die Ausstellung, sind eng verbunden; das Zusammenspiel von Hirn und Hand ist ein komplexes Geschehen, das bei der Reifung der Kinder eine wichtige Rolle spielt. Skandinavische Länder, die früh auf eine umfassende Digitalisierung im Klassenzimmer gesetzt hatten, kehren mittlerweile zum Schreiben per Hand zurück.
„Anders als das Tippen mit der Tastatur hat das Schreiben mit der Hand etwas Sinnliches“, meint Kurator Urban. Am Ende der Ausstellung dürfen sich Besucher und Besucherinnen in einem Gästebuch verewigen. Natürlich mit einem Füllfederhalter.
Die Ausstellung „Gänsefeder, Pelikano, Tastatur“ ist noch bis 11. Januar 2026 im