Eine Widmung
führt zu den Erben
Mehr als 80 Jahre lag ein geraubtes Buch im Bestand der Stadtbibliothek Hannover. Nun wurde es an die
Enkelin seiner früheren Besitzerin zurückgegeben – die Nationalsozialisten hatten Else Kreuzer und ihre Familie verfolgt.

Ein Stück Familiengeschichte: Mehr als 80 Jahre nach der Enteignung ihrer Familie erhält Atalia Shafir ein Buch ihrer Großmutter Else Kreuzer zurück. Oberbürgermeister Belit Onay überreichte ihr das Werk in Hannover. Eine handschriftliche Widmung hatte die Forschenden der Stadtbibliothek auf die Spur der früheren Eigentümerin geführt.Foto: LHH
Hannover. Ein Name, ein Ort und ein Datum. Mehr brauchte es zunächst nicht, um die Spur einer Familie aufzunehmen, deren Geschichte durch die nationalsozialistische Verfolgung gewaltsam auseinandergerissen wurde. Auf einer der ersten Seiten eines alten Buches entdeckten Mitarbeitende der Stadtbibliothek Hannover eine handschriftliche Widmung. Willy Hausen hatte das Werk seiner jüngeren Halbschwester Else Kreuzer zum Jahreswechsel 1908/09 geschenkt. Daneben stand der Ortsname Lissa, heute Leszno in Polen.

Mehr als ein Jahrhundert später wurde dieser Eintrag zum Ausgangspunkt einer aufwendigen Spurensuche. Sie führte von Hannover über historische Dokumente und Wiedergutmachungsakten schließlich bis nach Israel. Dort lebt Atalia Shafir, die Enkelin von Else Kreuzer. Am Donnerstag, 8. Oktober, konnte sie das Buch ihrer Großmutter in Hannover entgegennehmen. Oberbürgermeister Belit Onay übergab ihr das Werk von Johann Gottfried von Herder mit dem Titel „Stimmen der Völker in Liedern“.

Für die Rückgabe waren Shafir und weitere Familienangehörige eigens aus Israel angereist. Unter ihnen befand sich auch Gerda Steinfeld, eine aus Hannover stammende Holocaust-Überlebende und Nichte von Else Kreuzer.

Die Geschichte hinter dem Buch beginnt lange vor der nationalsozialistischen Herrschaft. Else Kreuzer wurde am 4. März 1896 als Else Goldschmidt in Lissa geboren. Nach ihrer Heirat mit dem Kaufmann Bernhard Kreuzer zog sie in die Region Hannover. Ab 1921 führte das Ehepaar in Wunstorf ein Textilwarengeschäft. Die beiden Söhne Hans-Joachim und Klaus wurden in Hannover geboren.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich das Leben der jüdischen Familie grundlegend. Ihr Geschäft wurde boykottiert und schließlich verkauft. Nach den Novemberpogromen 1938 wurde Bernhard Kreuzer zeitweise im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Die Familie zog nach Hannover.

Dem älteren Sohn Hans-Joachim gelang im Juni 1939 die Auswanderung nach Palästina. Seine Eltern und sein jüngerer Bruder blieben zurück. 1941 mussten Else, Bernhard und Klaus Kreuzer in ein sogenanntes „Judenhaus“ in der Lützowstraße 3 ziehen. Am 15. Dezember desselben Jahres wurden sie von Hannover in das Ghetto Riga deportiert.

1944 verschleppten die Nationalsozialisten Else und Bernhard Kreuzer in das Konzentrationslager Stutthof. Else starb dort am 29. November 1944 im Alter von 48 Jahren. Auch ihr Mann überlebte das Lager nicht. Ihr Sohn Klaus wurde im Alter von 13 Jahren in Auschwitz-Birkenau ermordet. Hans-Joachim überlebte den Holocaust und gründete später in Israel eine Familie.

Auf welchem Weg Herders Gedichtsammlung in den Bestand der Stadtbibliothek Hannover gelangte, lässt sich heute nicht mehr vollständig rekonstruieren. Bekannt ist jedoch, dass die Stadtverwaltung während der NS-Zeit den Hausrat aus zwangsgeräumten jüdischen Wohnungen in Sammellager bringen ließ. Die Gegenstände wurden geschätzt und zum Teil versteigert. Die Stadtbibliothek vermutet, dass auch das Buch von Else Kreuzer auf diesem Weg in städtischen Besitz kam.

Entdeckt wurde das Exemplar 2024 bei der systematischen Untersuchung der Bibliotheksbestände auf NS-Raubgut. Die Widmung lieferte den entscheidenden Hinweis auf die frühere Eigentümerin. Mithilfe von Geburtsurkunden, Wiedergutmachungsakten und weiteren historischen Unterlagen konnten die Forschenden die Familiengeschichte nachvollziehen und schließlich Kontakt zu den Nachkommen aufnehmen.

Seit 2017 untersucht die Stadtbibliothek Hannover ihre Bestände gezielt auf Bücher, die ihren früheren Eigentümern während der NS-Zeit unrechtmäßig entzogen wurden. Die Provenienzforschung wird durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste gefördert.

Mit der Rückgabe des Buches von Else Kreuzer hat die Stadtbibliothek inzwischen insgesamt 28 Bücher an 17 Erbinnen, Erben beziehungsweise Rechtsnachfolger zurückgegeben. Für Atalia Shafir ist das Werk damit nicht mehr nur ein Eintrag in einem Bibliothekskatalog. Es ist ein Gegenstand aus dem Leben ihrer Großmutter – und ein Stück Familiengeschichte, das nach mehr als 80 Jahren zurückgekehrt ist.
R/HR
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