Fast ausgestorbene Pflanze am Kronsberg entdeckt
Seit den 1980er-Jahren galt der Einjährige Ziest am Kronsberg als verschollen. Jetzt ist
die seltene Ackerpflanze wieder aufgetaucht – und sorgt bei Naturschützern für Begeisterung.

Am Kronsberg wiederheimisch: EinjährigerZiest (Stachys annua).Foto: Sieglinde Fink
Hannover. Sie wird höchstens 30 Zentimeter hoch, trägt kleine gelblich-weiße Blüten und dürfte den meisten Spaziergängern kaum auffallen. Doch für Botaniker ist der Einjährige Ziest eine kleine Sensation. Auf einem städtischen Acker am Nord-Kronsberg ist die Pflanze wiederentdeckt worden – nach rund vier Jahrzehnten ohne bestätigten Nachweis in diesem Gebiet.

Der Fund ist weit mehr als eine botanische Kuriosität. Der Einjährige Ziest mit dem wissenschaftlichen Namen Stachys annua gehört zu den seltensten Ackerwildkräutern Niedersachsens. Die Art gilt hier als vom Aussterben bedroht. Neben dem neuen Fundort in Hannover ist derzeit nur ein weiterer Standort im Landkreis Hildesheim bestätigt.

„Die Art erreicht in Hannover die Nordgrenze ihres Verbreitungsgebiets und verzeichnet auch bundesweit einen starken Rückgang“, erklärt Leonard Schmalhaus vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Die letzten Hinweise auf ein Vorkommen am Kronsberg stammen aus den 1980er-Jahren.

Der Einjährige Ziest gehört zu den Lippenblütlern und liebt trockene, warme und kalkreiche Böden. Zwischen Juni und Oktober bildet er seine zarten Blüten, die in kleinen Quirlen rund um den Stängel angeordnet sind. Sein Lebensraum sind vor allem Äcker, die vergleichsweise schonend bewirtschaftet werden.

Genau solche Flächen sind selten geworden. Intensive Landwirtschaft, der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Mineraldünger sowie die Bebauung von Ackerflächen haben viele Wildkräuter an den Rand des Verschwindens gedrängt. Was früher zwischen den Kulturpflanzen wuchs, findet heute vielerorts keinen Platz mehr.

Der Kronsberg ist in dieser Hinsicht eine Besonderheit. Wegen seiner Standortbedingungen gilt er als eine Art „Arche Noah“ für bedrohte Ackerwildkräuter. Hier sollen nicht nur auffällige Arten wie Klatschmohn und Ackerrittersporn gedeihen, sondern auch weniger bekannte Pflanzen wie der Gezähnte Feldsalat oder der Kleine Frauenspiegel.

Seit mehr als 20 Jahren beobachtet die Stadt Hannover die Entwicklung seltener Ackerwildkräuter auf ihren Flächen. Gemeinsam mit örtlichen Landwirten setzt sich der Fachbereich Umwelt und Stadtgrün für eine Bewirtschaftung ein, bei der auf Pflanzenschutzmittel und Mineraldünger verzichtet wird. Nur unter solchen Bedingungen können viele der gefährdeten Arten überleben.

Der neue Fund zwischen Anderten und Bemerode ist deshalb auch ein Erfolg für die langjährige Zusammenarbeit. „Dies ist ein positives Signal für den Erhalt der heimischen Artenvielfalt“, sagt Justin Kirchhoff, Leiter des städtischen Fachbereichs Umwelt und Stadtgrün. „Es bestärkt uns darin, unsere Bemühungen fortzusetzen.“

Wer die besonderen Pflanzen am Kronsberg kennenlernen möchte, kann sich bei einer der botanischen Führungen umsehen, die die Stadt in den Sommermonaten gemeinsam mit Fachleuten anbietet. Die Termine werden im Programm „Grünes Hannover“ veröffentlicht.
R/HR
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