Wenn Zombies filmen
In „Sliding Away“ geht es weniger um die Schrecken der Zombieapokalypse als um Vorurteile,
Selbstbestimmung und die Frage, wer als menschlich gilt

Auch Zombies haben ein Innenleben: Toshiki Okada hinterfragt mit absurdem Humor die Grenzen zwischen Menschlichkeit und Monstrosität.Fotos: Jörg Brüggemann / OSTKREUZ
Hannover. Was wäre, wenn die Monster gar nicht die eigentliche Bedrohung wären? Wenn vielmehr die Menschen mit ihren Vorstellungen von Normalität darüber entscheiden, wer dazugehören darf und wer nicht? Der japanische Theatermacher Toshiki Okada stellt in seinem Stück „Sliding Away“ die vertrauten Verhältnisse des Horrorgenres auf den Kopf. Statt Menschen vor Untoten fliehen zu lassen, gibt er fünf Zombies die Gelegenheit, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Am Sonnabend, 17. Oktober, ab 19.30 Uhr ist die Inszenierung im Ballhof 1 in Hannover zu sehen.

Die Idee hat durchaus komisches Potenzial: Fünf Untote wollen einen Film drehen, um endlich selbst bestimmen zu können, wie sie wahrgenommen werden. Schließlich kennen sie das Bild, das die Menschen von ihnen zeichnen, nur zu gut. Als willenlose Kreaturen bevölkern Zombies seit Jahrzehnten die Leinwände, verbreiten Schrecken und verkörpern die Angst vor dem Verlust menschlicher Identität. Serien wie „The Walking Dead“ und „The Last of Us“ haben diese Figuren längst zu festen Größen der Populärkultur gemacht. Doch Okada interessiert sich weniger für ihre zerstörerischen Fähigkeiten als für die Frage, weshalb ihnen jede Form von Menschlichkeit abgesprochen wird.

Seine Zombies wollen sich nicht länger mit den Rollen begnügen, die andere ihnen zugedacht haben. Ein eigener Film soll die herrschenden Vorstellungen zurechtrücken. Allerdings erweist sich das Vorhaben als schwierig. Die Dreharbeiten kommen kaum voran, stattdessen entwickeln sich Gespräche über Selbstbestimmung, gesellschaftliche Ausgrenzung und die Macht der Bilder. Hinter der absurden Ausgangssituation verbirgt sich eine Auseinandersetzung mit der Frage, wer eigentlich festlegt, was als menschlich gilt.

Für Okada ist diese Verschiebung der Perspektive charakteristisch. Der 1973 in Yokohama geborene Autor und Regisseur untersucht seit Langem, wie gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhältnisse das Denken und Handeln prägen. Mit seiner 1997 gegründeten Kompanie Chelfitsch entwickelte er eine eigenständige Theatersprache, in der alltägliche Gesten, ungewöhnliche Bewegungsabläufe und scheinbar beiläufige Gespräche eine besondere Bedeutung gewinnen. Seine Arbeiten kreisen häufig um die Widersprüche einer vom Kapitalismus bestimmten Gegenwart.

Auch auf deutschen Bühnen ist Okada längst kein Unbekannter mehr. Seine Inszenierungen „The Vacuum Cleaner“ an den Münchner Kammerspielen und „Doughnuts“ am Hamburger Thalia Theater wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen. „Sliding Away“, das am 13. Mai seine Uraufführung erlebte, bringt er sowohl in Hannover als auch in Tokio auf die Bühne. Die deutsche Übersetzung stammt von Andreas Regelsberger.

Das Bühnenbild entwarf Dominic Huber, für die Kostüme zeichnet Tutia Schaad verantwortlich. Die Musik stammt von Kazuhisa Uchihashi, das Licht gestaltet Erik Sonnenfeld. Zum fünfköpfigen Ensemble gehören Ann Ayano, Jan Meeno Jürgens, Kilian Ponert, Meryem Öz und Jirka Zett.
R/HR
Weitere Aufführungen sind für Dienstag, 27. Oktober, Mittwoch, 4. November, und Dienstag, 17. November, jeweils um 19.30 Uhr im Ballhof 1 vorgesehen.
Bei diesen drei Vorstellungen beginnt bereits um 18.45 Uhr eine Einführung.
Die Aufführung dauert 70 Minuten ohne Pause. Informationen zum Kartenverkauf gibt es unter staatstheater-hannover.de.

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