Mit genau solchen Fragen beschäftigen sich Anfang November internationale Fachleute in Hannover. Vom 3. bis 5. November hält der Arbeitskreis Provenienzforschung seine Jahrestagung in der Landeshauptstadt ab. Das ist ein Treffen von besonderer Bedeutung: Mit mehr als 680 Mitgliedern aus 17 Ländern ist der Arbeitskreis nach eigenen Angaben die weltweit größte Vereinigung für Provenienzforschende. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus elf Ländern, darunter den USA, Australien, Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden, kommen nach Hannover, um ihre Forschungsergebnisse auszutauschen und über neue Herausforderungen zu diskutieren.
Unter dem Titel „Provenienzforschung (neu) verorten – Veränderte Rahmenbedingungen – neue Herausforderungen?“ stehen 19 Podiumsdiskussionen, zwei Workshops und zahlreiche Führungen auf dem Programm. Zentraler Veranstaltungsort ist das Sprengel Museum Hannover. Die Konferenz wird in Zusammenarbeit mit der Landeshauptstadt und dem Netzwerk Provenienzforschung in Niedersachsen ausgerichtet.
Provenienz bedeutet Herkunft. Doch bei der Provenienzforschung reicht es nicht aus, herauszufinden, aus welchem Land ein Kunstwerk stammt oder wer es geschaffen hat. Entscheidend ist die Geschichte seiner Besitzer: Wer hatte es wann in seinem Besitz? Wie wechselte es den Eigentümer? Und geschah das freiwillig?
Besonders schwierig wird diese Spurensuche, wenn Unterlagen fehlen, Sammlungen aufgelöst wurden oder frühere Eigentümer unter politischem Druck standen. Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurden jüdische Sammler und andere Verfolgte systematisch beraubt oder gezwungen, wertvolle Kunstgegenstände zu verkaufen. Auch die Herkunft von Objekten aus ehemaligen Kolonien wirft bis heute Fragen nach Gewalt, Macht und rechtmäßigem Besitz auf.
Dass diese Forschung keine abstrakte Angelegenheit ist, zeigt sich unmittelbar in Hannover. Im Museum August Kestner beschäftigt sich ein eigener Ausstellungsbereich unter dem Titel „Die Fakten und Umstände des spezifischen Falls“ mit NS-Provenienzforschung. Anhand von Sammlungsstücken und ihren früheren Besitzern wird deutlich, wie eng die Geschichte eines Museums mit den Schicksalen einzelner Menschen verbunden sein kann. Während der Tagung werden dazu Führungen angeboten.
Die Arbeit der Forschenden kann weitreichende Folgen haben. Wenn sich herausstellt, dass ein Objekt seinen früheren Eigentümern durch nationalsozialistische Verfolgung entzogen wurde, stellt sich die Frage nach einer Rückgabe oder einer anderen gerechten Lösung.
Gerade hier verändern sich derzeit die rechtlichen Rahmenbedingungen. Seit Dezember 2025 gibt es eine neue Schiedsgerichtsbarkeit für NS-Raubgut. Sie soll helfen, Streitigkeiten zwischen heutigen Besitzern und den Anspruchstellern zu klären. Wie diese Einrichtung arbeitet und welche Möglichkeiten sie eröffnet, wird bei der Tagung ausführlich diskutiert. Am Dienstag, 3. November, stellt sich die zuständige Schiedsstelle um 17.30 Uhr im Sprengel Museum der Öffentlichkeit vor.
Auch der Umgang mit Kulturgütern aus kolonialen Zusammenhängen steht vor Veränderungen. Im Oktober 2025 haben Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände gemeinsame Leitlinien zum Umgang mit solchen Sammlungen und menschlichen Überresten verabschiedet. Auf der Tagung geht es unter anderem um die Erforschung indonesischer Sammlungen in Niedersachsen und um die Frage, welche Bedeutung das Wissen und die Überlieferungen der Herkunftsgesellschaften für die Aufarbeitung haben.
Dass die Diskussion weit über Deutschland hinausreicht, zeigt ein weiterer Programmpunkt: Ein Vortrag im ZeitZentrum Zivilcourage beschäftigt sich mit den Argumenten für eine Rückgabe der berühmten Büste der Nofretete. Auch internationale rechtliche Entwicklungen und die Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg werden erörtert.
Die Provenienzforschung richtet ihren Blick inzwischen auf immer mehr historische Zusammenhänge. So wird seit Anfang 2026 auch die Erforschung von Kulturgutentziehungen in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR erstmals eigenständig staatlich gefördert. Damit rücken weitere Fälle in den Fokus, in denen Eigentumsverhältnisse durch staatliche Eingriffe verändert wurden.
Gleichzeitig verändert die Technik die Arbeit der Forschenden. Wo früher mühsam Archive durchgesehen und handschriftliche Verzeichnisse verglichen werden mussten, können heute digitale Datenbanken Informationen aus unterschiedlichen Sammlungen zusammenführen. Auch künstliche Intelligenz eröffnet neue Möglichkeiten, Namen, Handelswege und bislang unbekannte Verbindungen zwischen Kunstwerken und ihren früheren Besitzern aufzuspüren. Welche Chancen, aber auch welche Grenzen solche Verfahren haben, gehört zu den Themen der Konferenz.
Die Bandbreite macht deutlich, warum sich die Fachwelt gerade jetzt mit der Frage beschäftigt, wie Provenienzforschung künftig arbeiten soll. Es geht nicht mehr allein darum, die Herkunft einzelner Museumsstücke zu rekonstruieren. Die Forschung berührt zunehmend Fragen von Recht, internationaler Zusammenarbeit, Erinnerungskultur und gesellschaftlicher Verantwortung.
Eröffnet wird die Tagung am Dienstag, 3. November, um 13.30 Uhr im Sprengel Museum durch Oberbürgermeister Belit Onay. Anschließend diskutieren die Fachleute unter anderem über das Verhältnis zwischen Provenienzforschung und Erinnerungskultur sowie über Veränderungen innerhalb des Forschungsgebiets.
Am Mittwoch, 4. November, steht der umfangreichste Konferenztag an, parallel finden 13 Diskussionsrunden und zwei Workshops statt. Neben dem Sprengel Museum gehören das Landesmuseum Hannover, das Museum August Kestner, das ZeitZentrum Zivilcourage und der Hannover-Kiosk zu den Veranstaltungsorten. Am Donnerstag stehen unter anderem die neue Schiedsgerichtsbarkeit, internationale Rechtsfragen und die Zusammenarbeit der Länder-Arbeitsgruppen im Mittelpunkt. Auch die Stadt selbst wird zum Forschungsort. Führungen führen durch mehrere Museen, die Stadtbibliothek, das Museum Schloss Herrenhausen und zum Mahnmal gegen den Kolonialismus. Damit erhalten die internationalen Gäste Einblicke in Sammlungen und Erinnerungsorte, an denen Fragen nach Herkunft, Besitz und historischem Unrecht ganz konkret werden.
Die Tagung steht auch interessierten Besucherinnen und Besuchern offen. Wer die Vorträge und Diskussionen vor Ort verfolgen möchte, kann eine Eintrittskarte für die gesamte Konferenz vom 3. bis 5. November oder ausschließlich für den zweiten Tag am Mittwoch, 4. November, erwerben. Eine Teilnahme ist auch online möglich: Ausgewählte Veranstaltungen werden per Livestream übertragen, für den ein Online-Ticket erforderlich ist. Die Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch. Das vollständige Programm mit Informationen zu den einzelnen Veranstaltungen und Veranstaltungsorten steht unter hannover2026.arbeitskreis-provenienzforschung.org.