Die Zahlen stammen aus einer Messfahrt des VSR-Gewässerschutzes vom Dezember 2025, deren Ergebnisse der Verein nun veröffentlicht hat. Auf dem Weg durch die Region Hannover ergab sich für Matthias Ahlbrecht ein auffallend gleichmäßiges Bild: Immer wieder nahm er Wasserproben, immer wieder lag die Nitratkonzentration ungefähr bei 16 Milligramm pro Liter. Erst bei Schwarmstedt, kurz bevor die Leine in die Aller mündet, sank der gemessene Wert leicht auf 15,6 Milligramm.
Für den VSR-Gewässerschutz sind diese Zahlen mehr als eine Momentaufnahme an fünf Messstellen. Denn das Wasser, das Ahlbrecht untersucht, bleibt nicht in der Region Hannover. Die Leine fließt in die Aller, die Aller in die Weser und die Weser schließlich in die Nordsee. Mit dem Wasser wandern auch die darin gelösten Nährstoffe weiter.
Genau deshalb führen die Messfahrten des Vereins weit über einzelne Orte hinaus. Der VSR-Gewässerschutz wurde bereits 1980 als Zusammenschluss verschiedener Bürgerinitiativen gegründet. Seitdem beschäftigt sich die gemeinnützige Organisation mit der Qualität von Grund- und Oberflächenwasser. Harald Gülzow ist seit 40 Jahren für den Verein auf Messfahrten an Flüssen unterwegs.
In der Region Hannover kennen manche Menschen den VSR-Gewässerschutz allerdings aus einem anderen Zusammenhang: von seinen Informationsständen. Dort können Besitzer privater Brunnen Wasserproben mitbringen und auf Nitrat untersuchen lassen. Bei Flüssen und Bächen kann der Verein selbst hinausfahren und Proben nehmen. Beim Grundwasser ist er dagegen auf Menschen angewiesen, die ihm Wasser aus ihren Brunnen zur Verfügung stellen. Beides hängt enger zusammen, als es zunächst scheint.
Nitrat dient Pflanzen als Nährstoff. Gelangt jedoch zu viel davon in Grundwasser, Bäche und Flüsse, wird es zum Problem. Der VSR-Gewässerschutz sieht vor allem sogenannte diffuse Einträge als Ursache der Belastung: Nitrat gelangt demnach unter anderem mit zusickerndem Grundwasser sowie über Drainagen landwirtschaftlich genutzter Flächen in die Gewässer.
Für das gesamte Wesereinzugsgebiet beziffert der Verein den Anteil dieser diffusen Einträge auf 87 Prozent. Nur 13 Prozent der Stickstoffeinträge stammten demnach aus Punktquellen – also beispielsweise aus industriellen Direkteinleitungen oder aus Abwasser von Kläranlagen.
Gerade bei den kommunalen Kläranlagen sei in den vergangenen Jahrzehnten viel erreicht worden, sagt Gülzow. Nach Recherchen des Vereins liegt der Nitrateintrag bei mehr als der Hälfte der kommunalen Kläranlagen in der Region Hannover unter 18,5 Milligramm pro Liter.
Umso stärker richtet sich der Blick des Gewässerschutzes auf das Grundwasser. Die Brunnenproben aus der Region liefern dafür Hinweise. Zwischen 2021 und 2025 überschritten nach Auswertung des Vereins 12,7 Prozent der untersuchten Proben einen Nitratwert von 50 Milligramm pro Liter. Bei zwei Prozent wurden sogar Werte von mehr als 100 Milligramm gemessen.
Aus Sicht des VSR-Gewässerschutzes sinkt die Belastung des Grundwassers damit trotz Vorgaben zu Düngemengen und Düngezeiten nicht so stark wie erhofft. Und was im Grundwasser steckt, kann irgendwann auch im Fluss ankommen. Sickert Grundwasser der Leine oder ihren Nebenbächen zu, gelangt darin enthaltenes Nitrat mit hinein.
Damit führt eine gedankliche Linie vom privaten Brunnen zur Wasserprobe, die Ahlbrecht an der Leine nimmt – und von dort weiter flussabwärts.
Wie der Verein die Messwerte an der Leine einordnet, zeigt der Blick auf die Weser. Nach der Oberflächengewässerverordnung soll ihre Stickstoffkonzentration in Bremen 2,8 Milligramm pro Liter nicht überschreiten. Der VSR-Gewässerschutz rechnet diesen Wert in eine Nitratkonzentration von 12,3 Milligramm pro Liter um.
Bei einer Messung am Weserwehr in Bremen stellte der Verein jedoch 16,3 Milligramm Nitrat pro Liter fest.
Für Gülzow folgt daraus, dass der Blick nicht erst auf die Weser gerichtet werden darf. „Um die Nitratkonzentration hier zu senken, sollten an allen Quell- und Nebenflüssen dieser Zielwert eingehalten werden“, sagt er. Die bei der Messfahrt ermittelten Werte der Leine liegen darüber: zwischen 15,6 und 16,1 Milligramm pro Liter.
Ein Unterschied von wenigen Milligramm klingt zunächst wenig dramatisch. Seine Bedeutung zeigt sich erst, wenn man verfolgt, was mit den Nährstoffen weiter flussabwärts geschieht.
Zu viel Nitrat kann das Wachstum von Algen fördern. Sterben große Mengen dieser Algen ab, werden sie von Bakterien zersetzt. Dabei wird Sauerstoff verbraucht. Sinkt dessen Konzentration stark genug, verschlechtern sich die Lebensbedingungen für Tiere und andere Organismen erheblich.
Gülzow fasst die mögliche Folge zusammen: „Sogenannte Todeszonen entstehen. Es kommt zum Verlust der Artenvielfalt in der Nordsee.“
Damit wird aus einem Messwert an der Leine eine Frage, die weit über die Region Hannover hinausreicht. Der Verein will mit seinen Untersuchungen sichtbar machen, wie Nährstoffe durch ein ganzes Flusssystem transportiert werden und schließlich die Küstengewässer erreichen können.
Für Matthias Ahlbrecht endet die Messfahrt an der Leine bei Schwarmstedt. Für das Wasser endet dort nichts.
Hinter der Mündung übernimmt die Aller. Später die Weser. Irgendwann erreicht das Wasser die Nordsee. Was auf diesem Weg im Fluss gelöst ist, reist mit.
Genau darin liegt für den VSR-Gewässerschutz die Bedeutung solcher Messfahrten. Eine einzelne Probe zeigt nur den Zustand an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten Zeitpunkt. Erst der Blick auf den Fluss als Ganzes macht sichtbar, wie eng Grundwasser, Nebenflüsse und große Ströme miteinander verbunden sind. Mit den Messfahrten will der Verein dazu beitragen, dass sich die Nitrateinträge in die Nordsee verringern.
Ahlbrecht kann die Probe nach der Messung abstellen.
Das Wasser fließt weiter.