Man könnte an diesem Haus vermutlich jeden Tag vorbeigehen und noch Wochen später ein Detail entdecken, das man zuvor übersehen hat. Eine Schallplatte versteckt sich zwischen geschwungenen Farbflächen. Ein Grammophontrichter wächst beinahe wie eine Blüte aus dem Bild. Kopfhörer, Kassette und MP3-Logo markieren technische Zeitenwenden. Dazwischen tauchen Musiker, Instrumente und kleine schwarze Tafeln mit Jahreszahlen auf. Über allem ziehen sich Linien in Türkis, Pink, Orange, Grün und Violett wie eine sichtbar gewordene Melodie über die Fassade.
Wer vor der Tulpenstraße 9 in Hannovers Nordstadt steht, schaut deshalb nicht einfach auf ein Graffiti. Er schaut auf mehr als ein Jahrhundert Musikgeschichte.
Der hannoversche Künstler Joy Lohmann hat die rund 120 Quadratmeter große Hauswand unter das Thema „Musikgeschichte in Hannover, seiner Nordstadt und der Welt“ gestellt. Schon diese Formulierung ist bezeichnend: Das Bild erzählt lokale Geschichte nicht als etwas Abgeschlossenes. Stattdessen zeigt es, wie oft Entwicklungen aus Hannover Teil einer sehr viel größeren Geschichte wurden.
Ein besonders schönes Beispiel dafür findet sich weit links an der Wand. Dort ist eine schwarze Schallplatte zu sehen, daneben steht die Jahreszahl 1887: „Erfindung der Schallplatte“. Nur ein Stück weiter erscheint der Kopf von Emil Berliner, dessen Erfindungen die Art, wie Menschen Musik hörten, grundlegend verändern sollten.
Berliner, 1851 in Hannover geboren, entwickelte in den USA das Grammophon und die flache Schallplatte. Im Wandbild steht er nicht als monumentales Porträt isoliert für sich. Er ist eingebettet in Lohmanns wildes Geflecht aus Formen, Farben und weiteren Erfindungen. Das passt. Denn Musikgeschichte ist hier immer auch Technikgeschichte: die Geschichte davon, wie Klänge aufgenommen, gespeichert, vervielfältigt und schließlich überallhin mitgenommen werden konnten. Das zieht sich wie ein roter – oder in diesem Fall eher pink-türkis-orangefarbener – Faden über die gesamte Fassade.
Ein paar Meter weiter springen einem große orangefarbene Kopfhörer entgegen. Die kleine Tafel daneben verweist auf das Jahr 1968 und den ersten offenen Kopfhörer von Sennheiser. Auch diese international bekannte Geschichte hat hannoversche beziehungsweise regionale Wurzeln. Sennheiser wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in der Region Hannover gegründet und entwickelte sich vom kleinen Labor zu einem Unternehmen, dessen Mikrofone und Kopfhörer weltweit bekannt wurden.
Lohmann erzählt solche technischen Entwicklungen nicht mit einer trockenen Chronologie. Die Objekte schwimmen geradezu durch seine Komposition. Eine Musikkassette liegt zwischen geschwungenen Linien, daneben erscheint ein Plattenspieler. Technik wird hier zum Bestandteil einer Poplandschaft.
Besonders augenfällig ist der bunt bemalte VW-Bus in der Mitte der Fassade. Vor ihm liegt eine Kassette, darüber steht „1963 – Compact Cassette / Produktionsstart“. Das Gefährt selbst trägt Blumen und Peace-Zeichen und holt damit sofort eine ganze Epoche ins Bild: Musik zum Mitnehmen, Jugendkultur, Aufbruch, Pop und Gegenkultur.
Das ist eine der großen Stärken dieses Wandbildes: Jahreszahlen liefern die historischen Ankerpunkte, doch die Bilder daneben erzählen, wie sich diese Geschichte angefühlt haben könnte.
Dass Hannover Musikstadt ist, lässt sich ohnehin kaum auf ein Genre reduzieren. Genau das versucht Lohmann auch gar nicht. Auf der Wand begegnet einem beispielsweise die Jahreszahl 1859 mit dem Hinweis auf den Linke’schen Pavillon. An anderer Stelle verweist das Bild auf den hannoverschen Knabenchor. Doch je weiter die musikalische Zeitreise fortschreitet, desto deutlicher wird, dass zur Geschichte dieser Stadt nicht nur Konzertsaal und klassische Tradition gehören.
Da ist plötzlich Punk. Ein Musiker mit hoch aufgestellten türkis- und pinkfarbenen Haaren beherrscht die rechte Hälfte der Fassade. Mit schwarzer Lederjacke, E-Gitarre und weit aufgerissenem Mund bringt er beinahe körperlich Bewegung in die ohnehin schon alles andere als stille Komposition. Neben ihm verweist eine der kleinen Tafeln auf die Chaostage – jene Punkertreffen, die Hannover vor allem in den 1980er- und 1990er-Jahren bundesweit Schlagzeilen bescherten.
Lohmann nimmt damit etwas in seine Musikgeschichte auf, das in offiziellen Stadtchroniken leicht unter „Randerscheinung“ verschwinden könnte: Subkultur gehört ebenfalls zum kulturellen Gedächtnis einer Stadt. Gerade in der Nordstadt wirkt das schlüssig. Ein Historienbild über Musik, das nur die repräsentativen Seiten der Kultur zeigt, wäre hier merkwürdig zahm geraten.
Natürlich fehlen auch Hannovers international bekannteste Rockbotschafter nicht. Ein großes „Scorpions“-Logo findet sich im unteren Bereich des Bildes, flankiert von der Jahreszahl 1972 und einem Hinweis auf das Debütalbum der Band.
Nur wenige Schritte weiter wartet bereits das nächste Kapitel der Musikindustrie: „1982 – PolyGram/erste CD-Produktion“ steht auf einer der schwarzen Tafeln. Wieder geht es nicht allein um Musiker, sondern darum, wie Musik ihren Weg zum Publikum findet. Die industrielle Produktion der Compact Disc gehört ebenso zu dieser Geschichte wie die Platte oder Kassette zuvor.
Und Lohmann führt seine Chronologie noch weiter. 1991 taucht das MP3-Logo auf – versehen mit dem Hinweis auf den „Standard der MPEG-Formate Uni Hannover“. Plötzlich ist man mitten in jener digitalen Entwicklung, durch die Musik ihre physische Form immer stärker verlor. Platte, Kassette und CD waren Dinge, die man aus dem Regal nehmen konnte. Digitale Musik wurde zur Datei. Innerhalb weniger Meter Hauswand lässt sich so ein erstaunlicher Wandel nachvollziehen: vom mechanisch gespeicherten Ton bis zur digital codierten Musik.
2014 schließlich erscheint Hannovers Titel als „UNESCO City of Music“ im Bild. Damit schließt sich beinahe ein Kreis. Was zuvor als Sammlung einzelner Erfindungen, Musiker, Unternehmen, Orte und Subkulturen erscheint, wird Teil einer gemeinsamen Identität. Die Form des Graffitis passt zu diesem Thema besonders gut.
Musikgeschichte ist keine ordentlich sortierte Vitrine. Neues überlagert Altes, technische Innovationen verändern Kunst, Subkulturen greifen bestehende Formen auf und drehen sie um. Genres vermischen sich. Manche Entwicklungen verschwinden wieder, andere erleben Jahrzehnte später ein Revival. Lohmanns Wand macht genau das sichtbar.
Die einzelnen historischen Stationen sind zwar mit Jahreszahlen versehen, aber nicht brav in einer Reihe angeordnet. Stattdessen schieben sich Figuren und Gegenstände ineinander, Farbflächen laufen hinter Fenstern entlang und setzen sich auf der anderen Seite fort. Selbst die Architektur des Hauses wird Bestandteil des Bildes. Fenster unterbrechen Körper und Formen, die Eingangstür sitzt mitten in der Komposition, und der VW-Bus scheint beinahe aus der Fassade herauszufahren. Ganz unten zieht sich dagegen ein schmales Blumenband über fast die gesamte Hauswand. Über dieser kleinen, fast friedlichen Wiese explodiert die Musikgeschichte.
Für Lohmann ist die Beschäftigung mit Stadtgeschichte an der Wand nicht neu. Zuvor hat er bereits die Historienbilder „900 Jahre Linden“ und „Gründerzeit-Linden“ geschaffen. Nun richtet sich sein Blick auf „Musik & Innovation aus Hannover“. Lohmann gehört zu den deutschen Graffitikünstlern der ersten Stunde und ist Autor des im Knaur Verlag erschienenen Buches „Graffiti – als Kunst und Dekor“. In Hannover ist er außerdem als Kurator der Kultur in der Kröpcke-Uhr sowie durch sein Social-Art-Projekt und Kulturboot „ZuKunst“ auf den städtischen Flüssen bekannt. Seiner ursprünglichen Arbeit mit Farbe und Wand ist er dennoch treu geblieben: Jedes Jahr entsteht ein öffentliches Wandbild von ihm in Hannover.
Auch handwerklich steckt in der Tulpenstraße etwas Neues. Für das Musikgraffiti setzte Lohmann erstmals in Hannover einen sogenannten „RoboCap“ ein. Der elektronische Sprühkopf des ukrainischen Spray-Engineers Dmitry Bosca ermöglicht besondere Sprayeffekte und Linienführungen. Selbst die Technik, mit der die Musikgeschichte auf die Wand gelangt ist, bekommt damit ihre eigene kleine Innovationsgeschichte.
Angestoßen wurde das Projekt vom Eigentümer des Hauses an der Tulpenstraße. Die energetisch sanierte Fassade sollte nicht nur vor Schmierereien geschützt, sondern zugleich zu etwas Eigenem werden. Seine Leidenschaft für Musik lieferte das Thema. Aus diesem zunächst privaten Wunsch ist etwas ausgesprochen Öffentliches geworden. Denn anders als ein Museumsstück verlangt diese Musikgeschichte keine Eintrittskarte und keine Öffnungszeiten. Man kann zufällig daran vorbeikommen, auf dem Weg zum Einkaufen einen Scorpions-Schriftzug entdecken und beim nächsten Vorbeigehen feststellen, dass neben dem Fenster Emil Berliner wartet.
Kürzlich wurde das fertige Werk mit einer kleinen Vernissage, Livemusik und Grill in der Nordstadt gefeiert. Die Einladung zur Vernissage fasste das Werk knapp als Wandgemälde über „die Musikgeschichte von Hannover, seiner Nordstadt und der Welt“ zusammen. Dafür hat Joy Lohmann nicht versucht, eine vollständige Musikgeschichte Hannovers an die Wand zu schreiben. Dafür ist diese Geschichte viel zu groß.
Stattdessen hat er Verbindungslinien gezogen: zwischen Erfindern und Punkern, Unternehmen und Künstlern, Konzertkultur und Subkultur, analoger und digitaler Technik. Und plötzlich wird sichtbar, wie erstaunlich viele dieser Linien durch Hannover laufen. Wer sie suchen möchte, braucht eigentlich nur etwas Zeit vor einer Hauswand in der Nordstadt. Und einen zweiten Blick. Oder einen dritten.