Ein Notizbuch, ein Bleistift und zehn Minuten Zeit reichen für ein Hobby, das fast überall funktioniert. Beim Nature Journaling werden Beobachtungen draußen mit Skizzen, Wörtern und Zahlen festgehalten. Zeichentalent ist dafür ausdrücklich keine Voraussetzung: Entscheidend sind genaues Hinsehen, Fragenstellen und Dokumentieren.
Der englische Begriff lässt sich zwar mit „Naturtagebuch führen“ übersetzen, trifft die Methode aber etwas genauer. Das „-ing“ betont das Tun: journaling bezeichnet einen fortlaufenden Prozess und nicht in erster Linie das fertige Journal als Ergebnis. Genau darauf kommt es an. Eine Seite darf aus einer krummen Blattskizze, drei Stichpunkten, einer Temperaturangabe und einer unbeantworteten Frage bestehen. Auch deutschsprachige Angebote verwenden deshalb den etablierten Begriff Nature Journaling.
Für Einsteiger ist der Herbst besonders praktisch, weil sich Veränderungen innerhalb weniger Tage beobachten lassen. Blätter verfärben sich, Früchte und Samen reifen, Pilze erscheinen nach feuchten Tagen und Zugvögel sind unterwegs. Statt einen ganzen Baum zu zeichnen, genügt ein einzelnes Blatt. Datum, Fundort, Wetter und zwei oder drei Farben ergänzen die Skizze.
Spannend wird das Journal durch wiederholte Beobachtungen. Dafür beispielsweise jeden Sonntag 15 Minuten lang denselben Baum betrachten und ein Blatt, die Kronenfarbe oder vorhandene Früchte dokumentieren. Nach vier bis sechs Wochen zeigt das Notizbuch den jahreszeitlichen Wandel. Wer nicht zeichnen möchte, arbeitet mit kleinen Tabellen, Farbfeldern, Größenangaben oder kurzen Beschreibungen.
Auch Fundstücke liefern einfache Übungen. Eine Eichel lässt sich aus zwei Perspektiven skizzieren und anschließend mit dem Lineal vermessen. Bei einem unbekannten Pilz gehören Standort, Größe, Farbe und Form ins Journal; zur Bestimmung sollte man später seriöse Fachliteratur nutzen. Unbekannte Pilze niemals allein aufgrund einer Zeichnung oder App als essbar einstufen.
Für die ersten Ausflüge reichen ein festes Notiz- oder Skizzenbuch im Format A5, Bleistift, Radiergummi und eventuell sechs bis zwölf Buntstifte. Praktisch sind außerdem ein kleines Lineal und ein Anspitzer. Aquarellkasten, Pinsel oder Fineliner können später dazukommen. Ein günstiges Einsteigerset lässt sich bereits aus Materialien zusammenstellen, die häufig ohnehin zu Hause liegen.
Die erste Übung dauert nur zehn Minuten. Einen Gegenstand auswählen, etwa Blatt, Kastanie oder Hagebutte, und zunächst eine Minute ohne Stift genau betrachten. Danach Umriss und auffällige Details skizzieren. Daneben drei Sätze beginnen: „Ich beobachte …“, „Ich frage mich …“ und „Das erinnert mich an …“. Diese Art von Beobachtungsfragen gehört zu den verbreiteten Grundlagen des Nature Journalings.
Hilfreich ist außerdem, Zahlen einzubauen. Wie viele Zacken besitzt der Blattrand? Wie groß ist die Kastanie? Wie viele Vögel sitzen innerhalb von fünf Minuten am Futterplatz? Solche Angaben nehmen den Druck, ein „schönes Bild“ produzieren zu müssen, und lenken die Aufmerksamkeit auf Details. Nature Journaling verbindet gerade deshalb Zeichnen, Schreiben und naturkundliches Beobachten.
Perfekte Seiten sind nicht das Ziel. Wer im Herbst zweimal pro Woche jeweils 10 bis 15 Minuten dokumentiert, besitzt nach einem Monat bereits acht kleine Naturbeobachtungen. Am einfachsten bleibt die Routine, wenn Notizbuch und Stift fertig in der Jackentasche liegen – dann kann selbst der Weg durch den Park zur nächsten Journaling-Runde werden.
■ Eine Farbpalette sammeln
Draußen werden fünf unterschiedliche Farbtöne gesucht, etwa von Blättern, Rinde oder Früchten. Im Journal entstehen dazu passende Farbfelder mit Buntstiften oder Aquarellfarben. Daneben lässt sich jeweils notieren, wo die Farbe entdeckt wurde.
■ Eine Geräuschkarte erstellen
Für etwa zehn Minuten wird ein fester Platz gewählt. Ein Punkt in der Mitte der Seite markiert den eigenen Standort, Geräusche werden rundherum eingetragen. Pfeile können Richtung und Entfernung von Vogelrufen, Wind, Wasser oder anderen Geräuschen zeigen.
■ Ein Quadrat erforschen
Auf dem Boden wird gedanklich eine Fläche von etwa 50 × 50 Zentimetern abgegrenzt. Zehn Minuten lang werden möglichst viele Details wie Pflanzen, Moose, Steine, Tiere oder Pilze notiert. Zwei besonders auffällige Funde lassen sich anschließend genauer zeichnen.