Kunst im Vorbeigehen
Programm „Kunst umgehen“ lädt im Oktober dazu ein, Hannovers öffentlichen Raum mit anderen Augen zu sehen

Die„Schattenlinie“: Dorothee von Windheims in der Aegidienkirche ist Ausgangspunkt einer Führung zu Kunst imöffentlichen Raum.Foto: LHH
Hannover. Manchmal liegt es an der Geschwindigkeit. Man fährt mit dem Rad vorbei, schaut auf die Ampel oder sucht den nächsten Parkplatz. Manchmal ist es Gewohnheit: Was jeden Tag am selben Ort steht, verschwindet irgendwann aus der Wahrnehmung. Und manchmal tarnt sich Kunst so gut als Bestandteil der Stadt, dass selbst Menschen, die seit Jahren an ihr vorbeigehen, kaum noch bemerken, dass sie da ist.

Hannover besitzt zahlreiche solcher Kunstwerke, für die man keine Museumskarte kaufen und keine Tür öffnen muss. Sie stehen auf Plätzen, an Straßen und in Parks, liegen auf Böden oder greifen in Architektur und Stadtraum ein. Genau dort setzt das städtische Vermittlungsprogramm „Kunst umgehen“ an. Im Oktober widmet es sich an drei Sonntagen Werken, die auf sehr unterschiedliche Weise die Frage stellen, was passiert, wenn Kunst nicht im Museum steht, sondern Teil des alltäglichen Lebens wird.

Los geht es am Sonntag, 4. Oktober, an Volker Gerlachs „Die große Begehbare“ von 1976 an der Calenberger Straße. Schon der Titel verweist darauf, dass hier bloßes Anschauen eigentlich zu wenig ist. Unter der Überschrift „Der Freiraum im Zwischenraum“ soll es darum gehen, wie Kunstwerke unsere Bewegung und Wahrnehmung im Stadtraum verändern können.

Das klingt zunächst theoretisch, betrifft aber einen sehr alltäglichen Vorgang. Eine Skulptur im öffentlichen Raum steht schließlich nie für sich allein. Um sie herum verlaufen Gehwege und Straßen, stehen Gebäude, Menschen gehen vorbei oder bleiben stehen. Es entstehen Zwischenräume, die weder eindeutig zur Architektur noch zum Kunstwerk gehören. Genau diese Bereiche will Kunsthistorikerin Anne Bernhof mit den Teilnehmern erkunden. Die Betrachtenden sollen dabei nicht nur Publikum sein, sondern selbst Teil der Situation werden. Die Veranstaltung beginnt um 16 Uhr an der Ecke Calenberger Straße/Glockseestraße und dauert nach Angaben der Stadt bis 18 Uhr.

Noch deutlicher wird das Prinzip des Übersehens eine Woche später. Ausgangspunkt des Kunstspaziergangs am 11. Oktober ist eine Arbeit von Dorothee von Windheim in der Aegidienkirche. Ihre „Schattenlinie“ von 1993 zieht sich über den Boden der Kirchenruine. Sie zeichnet den Schatten der spitzen Jochgiebel nach, wie er zu einem bestimmten Zeitpunkt auf den Boden fällt. Die Linie nimmt damit etwas Flüchtiges – einen Schatten – und macht es dauerhaft sichtbar.

Die Aegidienkirche selbst ist dafür ein besonderer Ort. Im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört, wurde die Ruine nicht wieder aufgebaut und dient seit 1954 als Mahnmal. Zwischen den erhaltenen Mauern, offenem Himmel und Spuren der Zerstörung bekommt die auf den Boden gesetzte Schattenlinie noch eine weitere Ebene: Sie verweist auf etwas, das vorhanden und doch nicht greifbar ist. Die Kirchengemeinde beschreibt das Werk als Bezug auf das Verhältnis von Schatten und Licht sowie von Tod und Leben. Dass diese Arbeit trotzdem zu den weniger beachteten Kunstwerken der Stadt gehört, passt fast zu gut zum Anliegen des Programms. Wer nicht weiß, wonach er sucht, kann über Kunst buchstäblich hinweggehen.

Von dort führt Carina Plath, Leiterin der städtischen Stabsstelle Kunst im öffentlichen Raum, zu weiteren, weniger bekannten Arbeiten. Der Spaziergang führt von Skulpturen Hans Uhlmanns bis zu Siegfried Neuenhausens Hommage an Kurt Schwitters. Treffpunkt ist um 16 Uhr am Aegidienkirchhof 1.

Beim dritten Oktobertermin dürfte Übersehen zumindest wegen der Größe schwieriger werden. Unter dem Titel „Heavy Metal am Maschpark“ geht es am 18. Oktober zu drei großen Metallskulpturen am Rand des Parks. Arbeiten von Berto Lardera, Hans-Jürgen Breuste und Alexander Calder stehen dort in auffälligem Gegensatz zu der fein gestalteten Parklandschaft: Stahl trifft Grün, industrielle Formensprache auf Gartendenkmal.

Und doch gehören auch diese Werke längst so selbstverständlich zum Stadtbild, dass der tägliche Blick leicht über sie hinweggeht. Autos und Fahrräder ziehen vorbei, Spaziergänger passieren sie. Kulturwissenschaftler Bastian Schramm will sie deshalb mit den Teilnehmenden aus der Nähe betrachten und neben ihrer massiven, industriellen Wirkung auch weniger offensichtliche Seiten entdecken. Startpunkt ist um 16 Uhr Berto Larderas „Ile de France“ von 1969 an der Culemannstraße.

Die drei Veranstaltungen zeigen dabei unterschiedliche Möglichkeiten, sich Kunst im öffentlichen Raum zu nähern. Es geht nicht allein darum, Künstlernamen, Jahreszahlen und kunsthistorische Einordnungen zu vermitteln. Mal steht die eigene Bewegung durch die Stadt im Mittelpunkt, mal die Suche nach leicht übersehbaren Spuren, mal die genaue Betrachtung eines scheinbar vertrauten Objekts.

Das passt zu der Neuausrichtung von „Kunst umgehen“. Seit Juli wird das Vermittlungsprogramm ganzjährig angeboten. Neben klassischen Führungen gehören Formate wie „GPS“, „Special Topic“ und „Sculpture Transfer“ dazu. Ein erweitertes Team aus Kunsthistorikern, Künstlern und Kulturwissenschaftlern soll unterschiedliche Zugänge ermöglichen. So soll der öffentliche Raum dabei nicht bloß als Ausstellungsfläche verstanden werden, sondern auch als Ort, über dessen Nutzung und Bedeutung immer wieder neu verhandelt wird.Diese Kunst außerhalb des Museums wartet nicht darauf, dass jemand eigens ihretwegen kommt. Sie steht einfach da und teilt sich ihren Platz mit Bushaltestellen, Kirchenruinen, Straßenverkehr, Parkbäumen und Menschen auf dem Weg von einem Ort zum anderen. Man kann jahrelang an ihr vorbeigehen. Oder man bleibt einmal stehen. R/HR

Die Teilnahme an den Veranstaltungen von „Kunst umgehen“ ist kostenlos, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Informationen gibt es unter hannover.de sowie auf kunst-umgehen.digital.

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