Vier Blicke auf die Welt
Teilnehmende aus Hannover und Wedemark sind siegreich beim Deutschen Jugendfotopreis

Tom Rimkus dokumentiertefür seine Serie „Familie Chun und der vergessene Bezirk.“ das Alltagsleben und gesellschaftliche Strukturen in Belize.Foto: Tom Rimkus
Hannover/Düsseldorf. Vier junge Fotografinnen und Fotografen aus Hannover und der Wedemark sind beim Deutschen Jugendfotopreis 2026 ausgezeichnet worden. Anouk Tilmann, Tom Rimkus, Josefin Pilar Junge und Jasper Hill erhielten jeweils eine mit 300 Euro dotierte Auszeichnung. Ihre Arbeiten führen vom Familienausflug nach Weimar über eine Begegnung in Belize bis zu nächtlichen Heimwegen und den weithin sichtbaren Folgen des Kalibergbaus.

Die vier gehören zu insgesamt 40 Preisträgerinnen und Preisträgern, die kürzlich in Düsseldorf geehrt wurden. Die Jury hatte ihre Auswahl aus mehr als 8000 eingereichten Arbeiten getroffen. Teilnehmen konnten Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von fünf bis 25 Jahren. Die Ausgezeichneten dieses Jahrgangs kommen aus elf Bundesländern.

Der Deutsche Jugendfotopreis besteht seit mehr als 60 Jahren. Ausgezeichnet werden Arbeiten in unterschiedlichen Altersgruppen und Themenbereichen. 2026 konnten Beiträge unter anderem in der freien Themenwahl, in der Kategorie Experimente sowie zum Jahresthema „Ein Haus, Ein Boot, Ein Auto“ eingereicht werden. Die Kategorie Experimente richtet den Blick besonders auf Arbeiten, die mit den Möglichkeiten des Mediums Fotografie spielen oder diese weiterentwickeln.

Neben den Hauptpreisen vergibt die Jury weitere Auszeichnungen wie jene, die an die vier Teilnehmer aus Hannover und der Wedemark gingen. Insgesamt wurden in diesem Jahr zehn Hauptpreise und 30 Auszeichnungen vergeben. Hinzu kamen Preise für Gruppenprojekte. Die prämierten Arbeiten werden zudem öffentlich gezeigt. Die Ausstellung „ECHT JETZT“ ist bis Sonntag, 15. November, im KIT – Kunst im Tunnel in Düsseldorf zu sehen. Erstmals nutzt der Deutsche Jugendfotopreis damit ein komplettes Ausstellungshaus für seine Hauptschau. Konzipiert und produziert wurde sie von Studierenden der Hochschule Düsseldorf.

Zu den jüngsten Geehrten aus der Region gehört die 14-jährige Anouk Tilmann aus Hannover. Ihr Foto „Unterwegs in Kultur“ wurde in der Altersgruppe von elf bis 15 Jahren ausgezeichnet. Entstanden ist die Aufnahme bei einem Museumsbesuch mit ihren Eltern in Weimar. Ihr Vater ging eine Treppe hinunter – für Tilmann der Moment, in dem aus einer Alltagssituation ein Bild wurde.

Besonders wichtig sind ihr bei der Bearbeitung Farben und Bildaufteilung. Sie verändert ihre Aufnahmen direkt am Handy, passt Ausschnitte und Farbwirkung an und entscheidet dabei intuitiv, wann ein Foto für sie fertig ist. An ihrem prämierten Bild gefallen ihr insbesondere die Linien und die kräftigen Rot- und Orangetöne. Fotografiert habe sie seit ihrem zehnten Lebensjahr, berichtet Tilmann. Festgelegt auf bestimmte Motive ist sie nicht. Dinge, Menschen oder Essen können ebenso vor ihre Kamera geraten. Die Bilder entstehen meist spontan im Alltag oder bei Ausflügen.

Der Deutsche Jugendfotopreis war ihr erster Wettbewerb. Fotografie beschreibt die 14-Jährige weniger als bloßes Hobby denn als Leidenschaft. Was sie daran fasziniert, fasst sie selbst knapp zusammen: „Es ergibt immer eine Geschichte in meinem Kopf.“

Einen deutlich dokumentarischen Ansatz verfolgt Tom Rimkus aus der Wedemark. Der 19-Jährige wurde für seine Serie „Familie Chun und der vergessene Bezirk.“ in der Altersgruppe von 16 bis 20 Jahren ausgezeichnet. Entstanden ist die Arbeit während einer Reise durch Belize. Rimkus beschäftigte sich damals für seine Studienmappe mit gesellschaftlichen Strukturen in den Ländern, die er nach dem Abitur bereiste.

Dabei stieß er nach eigenen Angaben auf die Benachteiligung des Südens von Belize und nahm Kontakt zu Mr. Reyes Chun auf. Fünf Tage verbrachte Rimkus bei dessen Familie und fotografierte dort fast täglich. Die Kamera sollte für ihn nicht allein Beobachtungsinstrument sein. Sein Ziel war eine dokumentarische Bildsprache, die zugleich Raum für eine künstlerische Gestaltung lässt.

Das Fotografieren selbst sei während dieser Tage beinahe in den Hintergrund gerückt, berichtet Rimkus. Entscheidender sei für ihn gewesen, die Geschichte der Familie kennenzulernen. „Fotografie war letztlich mein Medium, um diese festzuhalten“, sagt er. Gerade in der Dokumentarfotografie bestehe die Arbeit für ihn deshalb nicht nur darin, im richtigen Moment den Auslöser zu drücken. Der Kontakt zu den Menschen sei mindestens ebenso wichtig.

Seine erste Analogkamera kaufte Rimkus 2020. Intensiver beschäftigte er sich jedoch erst einige Jahre später mit Fotografie. Im Alltag richtet er die Kamera häufig auf seinen Freundeskreis, während dokumentarische Projekte gezielter vorbereitet werden. Auch künftig will er weitere Serien mit gesellschaftlichem Bezug für seine Mappe erarbeiten. Der Deutsche Jugendfotopreis war auch für ihn die erste Teilnahme an einem Fotowettbewerb.

Ebenfalls in der Altersgruppe von 16 bis 20 Jahren erhielt die 20-jährige Josefin Pilar Junge aus Hannover eine Auszeichnung. Ihre digitale Fotoserie trägt den Titel „Schreibst du mir, wenn du zuhause bist?“. Sie beschäftigt sich mit dem Unsicherheitsgefühl, das Frauen und Mädchen auf nächtlichen Heimwegen erleben können.

Junge versteht die Arbeit ausdrücklich als Auseinandersetzung mit Gewalt gegen Frauen und mit der Frage, welche Möglichkeiten Betroffene haben, Schutz und Unterstützung zu erhalten. In ihrem Begleitinterview zu der Serie verbindet sie das Thema mit Kritik an politischen Debatten über Sicherheit, Migration sowie an der unzureichenden Unterstützung für von Gewalt betroffene Frauen. Im Mittelpunkt ihrer fotografischen Arbeit steht damit weniger eine abstrakte Bildidee als ein gesellschaftliches Thema, das sie als dringlich empfindet.

Die Fotografie bietet für Junge zugleich die Möglichkeit, unterschiedliche Lebenswirklichkeiten sichtbar zu machen. „Ich denke, das Medium Fotografie kann sehr viele Perspektiven bieten – gerade für junge Menschen, die ihre Realität mit Fotografie darstellen können“, sagt sie. Zugleich betont sie, dass solche Möglichkeiten nicht von sozialen oder finanziellen Voraussetzungen abhängig sein sollten.

Mit einem anderen Teil der Lebenswirklichkeit beschäftigt sich Jasper Hill. Der 22-jährige Hannoveraner wurde in der Altersgruppe von 21 bis 25 Jahren für seine Serie „Im Land der weißen Berge“ geehrt. Seine Bilder befassen sich mit dem Kalibergbau in Deutschland. Beim Abbau von Kaliumsalzen fallen große Mengen anderer Salze an, die zum Teil zu weithin sichtbaren Halden aufgeschüttet werden.

Der Ausgangspunkt des Projekts war eine Zugfahrt. Hill sah aus dem Fenster eine große weiße Kalihalde und wollte wissen, was sich dahinter verbirgt. Aus dieser Beobachtung entwickelte sich eine umfangreiche fotografische Recherche, an der er nach eigenen Angaben mehr als eineinhalb Jahre arbeitete. Zunächst setzte er sich intensiv mit dem Thema auseinander und plante, welche Aspekte er fotografisch erfassen wollte.

Die meisten Aufnahmen entstanden innerhalb eines halben Jahres im Jahr 2024. Für einzelne Motive musste Hill jedoch länger warten, weil bestimmte Situationen nur selten zu beobachten sind. Einige Bilder ergänzte er deshalb erst später. Hinzu kamen lange Wege: Die Abbaugebiete liegen weit auseinander und sind nach seinen Erfahrungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln teilweise nur schwer erreichbar.

Gerade diese Vorbereitung gehört für Hill zum Reiz dokumentarischer Fotografie. „Am meisten Spaß hat mir gemacht, wenn sich die aufwändige Recherche vor Ort ausgezahlt hat und ich die Bilder machen konnte, die ich mir im Vorfeld vorgestellt hatte“, sagt er. Neben längerfristigen Dokumentarprojekten arbeitet er gern an redaktionellen Porträts und kürzeren Reportagen.

Zur Fotografie kam Hill 2016 durch einen Freund. Inzwischen hat er eine Ausbildung zum foto- und medientechnischen Assistenten abgeschlossen und studiert seit 2022 Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover. Er schätzt an solchen Arbeiten besonders, dass sie ihm Zugang zu Menschen und Themen eröffnen, mit denen er sonst vermutlich nicht in Berührung gekommen wäre.

So unterschiedlich die vier ausgezeichneten Arbeiten sind, verbindet sie der Versuch, mit Fotografie über den bloßen Augenblick hinauszugehen. Mal entsteht das Bild beiläufig während eines Familienausflugs, mal nach Tagen oder Monaten der Recherche. Die Motive reichen vom persönlichen Alltag über gesellschaftliche Fragen bis zu langfristigen Veränderungen von Landschaften. Unter mehr als 8000 eingereichten Arbeiten haben diese vier Perspektiven aus Hannover und der Wedemark die Jury des Deutschen Jugendfotopreises überzeugt. R/HR



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