„Öffi-Kreuzfahrt“, so nennt Kristina Hahn die Aktion, die sie als Ehrenamtliche beim Kommunalen Seniorenservice (KSH) mitorganisiert hat. „Üstra statt Aida“, pflichtet ihr Berit Lüdecke vom Social Innovation Center der Region Hannover bei. Hier entstand im Januar in einem Workshop die Idee zu dieser Sonderfahrt. Das Ziel: Kampf gegen Einsamkeit im Alter.
Das Pilotprojekt startet mit zwei Touren am Regionsentdeckertag. Heike Bischoff (65) plaudert angeregt mit einer anderen Teilnehmerin. Die Chemie scheint zu stimmen. „Das passt mit Evelin“, bestätigt die 65-Jährige strahlend. Bischoff ist erst kurz in Rente, hat den Job auch nicht gerne losgelassen. „Ich muss mich dazu zwingen, unter Leute zu gehen. Immer nur lesen, fernsehen und schlafen reicht nicht.“ Stolz fügt sie an: „Hier bin ich!“
Der Schritt in die Öffentlichkeit, neue Kontakte knüpfen – im Alter fällt das oft schwerer. Laut „Einsamkeitsbarometer“ der Bundesregierung von 2024 sind Personen über 75 Jahre besonders betroffen. In Hannover leben rund 138.000 Menschen ab 60 Jahren – knapp ein Viertel der gesamten Stadtbevölkerung.
„Der Bedarf ist da, die Plätze waren schnell ausgebucht“, berichtet Berit Lüdecke über die Premiere. Conni Buchmann (69), ehrenamtliche KSH-Mitarbeiterin in Leopardenjacke und knallgelber Kleidung, marschiert mit pinkfarbenem „Jubiline“-Schild voraus. In der Bahn wünscht Fahrer Dominik Heinze „gute Fahrt und gute Gespräche“.
Die entspinnen sich prompt. Denn Merle Bornemann vom KSH, mit 25 Jahren die Jüngste an Bord, führt die Fahrgäste durch Kennenlernspiele. „Ich mag es, mit anderen Generationen in Dialog zu kommen“, erzählt sie über ihre Arbeit. Die Stimmung auf der 20-minütigen Tour ohne Haltepunkte ist munter. Nach einer kleinen Zwangsbremsung kurz nach dem Start wird gescherzt: „Wir sind kostbare Fracht!“
Am Tiergarten bildet die Gruppe einen Kreis, alle stellen sich mit Vornamen vor, winken einander zu. „Ich fühle mich wie auf Klassenfahrt“, bemerkt eine Dame. Auf dem Spaziergang zum Wildschweingehege bringen kleine Fragerunden die Menschen ins Gespräch: „Links die Frühaufsteher, rechts die Nachteulen“, moderiert Merle Bornemann. Einige kichern, jeder findet seinen Platz, mustert die Nachbarinnen und Nachbarn.
100 Meter weiter wird die Frage entschieden: „Schokolade oder Chips abends auf der Couch?“ Dann kommt noch eine Runde: „Neues wagen oder lieber bei Altbewährtem bleiben?“ Das Pendel schlägt eindeutig Richtung Abenteuer aus. „Sonst wären wir ja auch nicht hier“, kommentiert eine Teilnehmerin. Gelächter in der Runde.
Ursula Mahlmann, 79 Jahre alt, knallrote Haare, ist genau deswegen hier. „Ich bin die Animateurin in der Familie“, sagt sie vergnügt und zählt auf, welche Aktionen des Kommunalen Seniorenservices sie und ihr Mann Heinz-Günther machen. Sie sind nicht die einzigen: „Ich erkenne hier einige Gesichter wieder.“
Evelin Friedrich, die sich schon auf der Hinfahrt mit Heike Bischoff angefreundet hat, lebt erst seit zwei Jahren in Hannover. Die 65-Jährige ist aus einem Ort bei Magdeburg in die Nähe ihrer Tochter gezogen. „Sie hat mich hier angemeldet. Ich bin für alle Angebote dankbar und freue mich darauf, neue Leute kennenzulernen.“ Ihre Einstellung zum Leben: „Man lernt nie aus.“
Zweimal 25 Seniorinnen und Senioren sind an diesem Sonntag mit der „Jubiline“ unterwegs, der Name ist angelehnt an die „Jubilee Line“ der Londoner U-Bahn. Sie ist dem Thronjubiläum von Queen Elizabeth gewidmet. In Hannovers Seniorenfahrt stecken die Worte „Jubel“ für die Stimmung, die erzeugt werden soll. Und „Linie“ für das Engagement der Üstra, die die Teilnehmenden nach dem Tiergartenrundgang wieder zurück in die City bringt. Bei Kaffee und Streuselkuchen gibt es beim KSH noch eine Abschlussrunde.„Es geht auch darum, mit solchen Aktionen den Übergang vom Arbeitsleben in die Rente zu gestalten“, erklärt Merle Bornemann, die noch am Anfang ihrer Karriere steht. „Das ist wichtig“, findet Heinz-Günther Mahlmann, der mit seiner Frau in Wettbergen lebt. Denn: „Die Wohngebiete werden immer anonymer, neue Nachbarn stellen sich gar nicht mehr vor.“ Der 80-Jährige gesellt sich auf der Tour zu Joachim Bensemann (76). „Wir sind die Quotenmänner“, sagt der Ricklinger mit einem Grinsen. Er bedauert das, weiß aber: „Viele Männer haben das mit der Kommunikation nie gelernt, sie kommen nicht in Schwung.“
An diesem Nachmittag klappt es aber. „Es wurde über Einsamkeit gesprochen, aber auch über alltägliche Themen oder finanzielle Sorgen“, hat Berit Lüdecke vom Social Innovation Center beobachtet. Die „Jubiline“ habe das Gefühl vermittelt: „Ich bin nicht alleine.“ Das Pilotprojekt wird ausgewertet, eine Fortsetzung ist möglich.