Damit betreut Marx die Kinder wie eine Großmutter ihre Enkel – nur, dass sie eben nicht mit ihnen verwandt ist. Denn Marx ist eine Ehrenamtliche. Als „Wunschoma“ ist sie für den Großelterndienst des Diakonischen Werks im Einsatz, als eine von aktuell 71 Freiwilligen in Hannover, Garbsen und Seelze. Bei der Familie, die Marx seit einem Jahr besucht, ist man sehr dankbar über die Hilfe: „Die eigentlichen Großeltern wohnen sehr weit weg“, sagt Maria Nowak (Name geändert), die Mutter der beiden Jungen. „Daher sehen wir sie nur zwei oder dreimal im Jahr, und im Alltag können sie uns nicht unterstützen. Dass wir Sabine als Wunschoma haben, gibt mir die Möglichkeit, den Tag etwas freier zu gestalten, länger zu arbeiten, wenn es notwendig ist, oder mir einfach mal ein, zwei Stunden für mich zu nehmen.“
Etwa jeder und jede Dritte ab 14 Jahren engagiert sich in Deutschland ehrenamtlich, so das Ergebnis der Datenerhebung im Auftrag der Bundesregierung für 2024. Niedersachsen liegt dem sechsten Deutschen Freiwilligensurvey zufolge dabei mit über 37 Prozent leicht über dem Durchschnitt. Zahlen für Hannover gibt es nicht. „Aber generell ist das Interesse für ein freiwilliges Engagement besonders in Hannover und der Region noch sehr, sehr hoch“, schätzt Almut Maldfeld, Geschäftsführerin des Freiwilligenzentrums Hannover (FWZH).
Und zwar über alle Altersstufen hinweg: „Bei uns im bürgerschaftlichen Engagement sind es viele Menschen zwischen 20 und Mitte 50. Dazu kommen in Zukunft sicher mehr Menschen im Rentenalter, die aus dem Beruf aussteigen, aber noch total fit sind und sinnstiftende Impulse suchen.“ In der nicht repräsentativen Umfrage für den „Hannover-Kompass“ der HAZ und der NP gab sogar mehr als die Hälfte der Teilnehmenden an, sich ehrenamtlich zu engagieren – etwa jeder Zehnte ist im sozialen Bereich aktiv.
Die Vielzahl der Engagierten führt Maldfeld zurück auf ein wachsendes Bewusstsein dafür, wie sehr man mit freiwilligem Engagement etwas für die Gesellschaft tun und demokratische Prozesse stützen kann.
Vonseiten der Organisationen und Vereine ist das Ehrenamt allerdings kein Selbstläufer. „Der bürokratische Aufwand wird für die Organisationen tatsächlich mehr“, sagt Maldfeld. Zudem haben viele ein Nachwuchsproblem, wenn es darum geht, Vorstandsposten nachzubesetzen. Maldfeld führt das vor allem auf gesellschaftliche Strukturen zurück: „In einer Vorstandsfunktion verpflichtet man sich meist für mehrere Jahre. Das ist eine sehr lange Zeit dafür, dass jemand vielleicht gar nicht weiß, ob er oder sie noch so lange in derselben Stadt leben wird.“ Von einer „Krise des Ehrenamts“, von der in Deutschland immer wieder zu lesen ist, möchte Maldfeld aber dennoch nicht sprechen – eher von einem Wandel.
Fest steht, dass sich das bürgerschaftliche Engagement verändert: Viele Menschen wollen sich nicht langfristig binden, sondern suchen nach einer sinnvollen Tätigkeit, die sich bestmöglich mit dem eigenen Leben vereinbaren lässt. „Deshalb fragen wir bei unseren Beratungsgesprächen zum Beispiel ab, ob jemand sich vorzugsweise in seinem Quartier engagieren will oder einen bestimmten Arbeitsbereich bevorzugt“, sagt Maldfeld vom Freiwilligenzentrum. „Beispielsweise Studierende suchen meist explizit etwas für die Semesterferien, sodass wir ein Kurzzeitengagement empfehlen.“Zudem spielt das Zwischenmenschliche eine große Rolle. Diese Erfahrung hat zumindest die Wunschoma Sabine Marx gemacht: Eine Zeit lang habe sie eine Familie betreut, bei der die Absprachen immer wieder schwierig gewesen seien. „Das hatte vermutlich nichts mit mir persönlich zu tun, hat mich aber trotzdem gestört.“ Kurz darauf habe sie den Kontakt von Familie Nowak erhalten und sei sehr glücklich damit: „Die Familie ist sehr wertschätzend. Die gemeinsame Zeit tut mir gut und tut den Kindern gut.“ Termine werden nach Bedarf vereinbart – wenn Marx Zeit und Lust hat. „Sabine war für mich eine Art persönlicher Jackpot“, sagt Maria Nowak, die Mutter der beiden Wunschenkel. „Es hat von beiden Seiten gleich total gut gepasst. Die Jungs lieben sie, und das Verhältnis zu ihr ist sehr, sehr herzlich und vertrauensvoll“ – wie bei einer echten Großmutter.