Vor 80 Jahren formierte sich nach dem Krieg der Stadtrat in Hannover neu, die kommunale Selbstverwaltung nahm ihre Arbeit wieder auf. Die Demokratie lernte nach Jahren der NS-Diktatur wieder zu laufen – allerdings unter widrigsten Umständen.
„Hannover glich eher einer Wunde im Erdreich als einer Stadt“, notierte damals der britische Kriegsberichterstatter Leonard Mosley. Etwa 50 Prozent der Wohnungen waren schwer beschädigt, die Bombenangriffe hatten mehr als sechs Millionen Kubikmeter Trümmerschutt in der Stadt hinterlassen.
Täglich strömten neue Flüchtlinge aus dem Osten in die überfüllte Stadt. Die Versorgung mit Lebensmitteln war katastrophal, in öffentlichen Parks bauten die Menschen Kartoffeln an. Um Holz zum Heizen zu bekommen, fällte man Bäume im Stadtwald: „Die Eilenriede kommt ins Haus“, schrieb eine Zeitung sarkastisch. Immerhin: Die Straßenbahnen fuhren wieder und verzeichneten einen wahren Ansturm. Täglich beförderten sie im Herbst 1946 rund 510.000 Fahrgäste; dreimal so viele wie vor dem Krieg. Viele Berufstätige hatten in den weniger zerstörten Vierteln am Stadtrand ein Quartier gefunden und pendelten nun zur Arbeit in die City. Immer wieder gab es Unfälle, weil Fahrgäste während der Fahrt auf- oder absprangen. Die Bedingungen für einen politischen Neustart waren also schlecht. „Dazu kam, dass die Deutschen seit zwölf Jahren keine demokratische Erfahrung mehr hatten“, sagt der Historiker Carl Philipp Nies, „sie mussten Demokratie erst wieder lernen – unter Anleitung der Briten.“
Der Mitarbeiter des Historischen Museums ist Kurator der kleinen Ausstellung „Hannover 1946“. In der Volkshochschule zeichnet diese jetzt mit Texten und Fotos nach, wie sich der Neuanfang vor 80 Jahren gestaltete. Dieser wurde letztlich zu einer Erfolgsgeschichte der Demokratie, die sich bis heute fortschreibt. Allerdings brauchte es dafür externe Hilfe. Die britischen Besatzer hatten ihren Hauptstützpunkt im ehemaligen Wehrbereichskommando an der heutigen Hans-Böckler-Allee bezogen, ein Stadtkommandant residierte im Neuen Rathaus. Schon gleich nach dem Einmarsch in Hannover hatten die Alliierten am 11. April 1945 den Misburger Sozialdemokraten Gustav Bratke zum Oberbürgermeister ernannt. Im Dezember des Jahres ließen sie dann erste politische Parteien zu: SPD und CDU, die kommunistische KPD und die Demokratische Union (später FDP) formierten sich.Am 29. Januar 1946 kam dann ein erster, noch von der Besatzungsmacht ernannter Rat zusammen. „Die Briten blieben vorerst am längeren Hebel“, sagt Historiker Nies.
So verpflichtete der Rat im Sommer 1946 Bürger und Bürgerinnen zum Schutträumen, weil die Beseitigung der Trümmer nur schleppend voranging. Postwendend kassierte die Militärregierung den Beschluss wieder; solche „Nazi-Methoden“ duldete sie nicht – stattdessen sollten nun Selbstbestimmung und Eigenverantwortung herrschen.
Hannover bekam auch eine Stadtverfassung nach britischem Vorbild: Anfang 1946 wurde mit dem Kaufmann Franz Henkel zunächst ein FDP-Mann Oberbürgermeister. Gustav Bratke übernahm das Amt des Oberstadtdirektors.
Die Alliierten sorgten auch für jenen Humus, den jede plurale Demokratie braucht: Neben Parteien und Gewerkschaften genehmigten sie per Lizenzvergabe im Sommer 1946 erste Zeitungen wie die „Hannoversche Presse“, die heutige „Neue Presse“.
Ausstellungen wie „Der neue Weg“ im Bothfelder Bunker brachten den Deutschen die Demokratie nahe. Und in der Lesehalle „Die Brücke“ gab es nun Werke von Autoren, die unter den Nazis verfemt gewesen waren.
Die Entnazifizierung der Verwaltung gestaltete sich indes schwierig: Auch der unverdächtige Sozialdemokrat Bratke warnte davor, alle ehemaligen NSDAP-Mitglieder zu entlassen – er fürchtete, dass die Verwaltung ohne Fachleute schlicht nicht mehr funktionieren würde. Am Ende wurde nur etwa ein Drittel der alten Nazis aus dem Dienst entfernt.
Bei der ersten freien Kommunalwahl am 13. Oktober bekam die SPD mit 35 Sitzen dann die absolute Mehrheit. Die CDU kam auf drei Mandate, die welfische NLP auf fünf, die FDP errang vier Sitze und die Kommunisten einen. In der ersten Ratssitzung im Hodlersaal wurde Wilhelm Weber (SPD) am 26. Oktober 1946 zum neuen Oberbürgermeister gewählt.
Dass es so kurz nach der NS-Diktatur wieder freie Wahlen gab, war ein Geschenk der Geschichte. „80 Jahre später erscheint Demokratie oft als selbstverständlich“, sagt Kurator Nies, „doch ohne Menschen, die sich für sie einsetzen, würde sie auch heute nicht funktionieren.“
Die Ausstellung „Hannover 1946“ ist in der VHS, Burgstraße 14, bis zum 10. September