Statt den Wald forstwirtschaftlich zu nutzen, dürfen Bäume alt werden, absterben und als Totholz im Bestand bleiben. Die natürliche Entwicklung der Fläche wird wissenschaftlich begleitet und dient Forstfachleuten als Studienobjekt. Ein echter Urwald ist daraus nach drei Jahrzehnten noch nicht geworden – doch die Bezeichnung „Großstadtdschungel“ passt inzwischen erstaunlich gut.
Denn dort, wo alte Buchen und Eichen, Höhlenbäume und Totholz erhalten bleiben, haben zahlreiche Tierarten einen Lebensraum gefunden. Forschende und Umweltverbände haben in der Naturwaldparzelle bislang 53 Brutvogelarten, 75 Stechimmen, darunter Wildbienen, 13 Fledermausarten und 301 Käferarten kartiert.
Besonders bemerkenswert ist der Nachweis von neun sogenannten Urwaldreliktarten. Darunter verstehen Fachleute Käferarten, die nur in besonders naturnahen Wäldern mit alten Strukturen wie Höhlenbäumen und Alteichen vorkommen. Zu ihnen zählt auch der streng geschützte Eremit (Osmoderma eremita).
Zum 30-jährigen Bestehen der Naturwaldparzelle rückte nun eine andere Tiergruppe in den Mittelpunkt. Der Naturschutzbund BUND entließ anlässlich des Jubiläums zwei Bechsteinfledermäuse in die Freiheit. Die Tiere waren Monate zuvor teilweise in gesundheitlich schlechtem Zustand gefunden, aufgenommen und anschließend aufgepäppelt worden.
Für ihre Rückkehr in die Natur bietet die Eilenriede passende Voraussetzungen: Alte, totholzreiche Buchen- und Eichenwälder entsprechen genau den Lebensraumansprüchen der Bechsteinfledermaus. Nach ihrer Freilassung können sich die beiden Tiere nun ihren Platz im hannoverschen Großstadtdschungel suchen.
Die Naturwaldparzelle nahe dem Zoo ist dabei längst nicht mehr die einzige Fläche im Stadtgebiet, auf der der Wald weitgehend nach seinen eigenen Regeln wachsen darf. Das Konzept wurde in den vergangenen Jahrzehnten schrittweise ausgeweitet. Inzwischen verfügt die Landeshauptstadt Hannover über insgesamt 148 Hektar Naturwaldparzellen. Das entspricht zehn Prozent der gesamten städtischen Forstbetriebsfläche.
Damit entsteht mitten in der Großstadt ein Langzeitexperiment, dessen Entwicklung sich nicht in Monaten oder wenigen Jahren bemessen lässt. Alte Bäume bleiben stehen, abgestorbenes Holz verbleibt im Wald und natürliche Prozesse können sich entfalten. Gleichzeitig dokumentieren wissenschaftliche Untersuchungen, welche Tierarten diese Strukturen nutzen.
Wer heute durch diese Teile der Eilenriede läuft, ist also nicht einfach nur im Stadtwald unterwegs. Er bewegt sich durch Flächen, auf denen seit Jahrzehnten beobachtet werden kann, was geschieht, wenn der Mensch den Wald weitgehend sich selbst überlässt. Ein Urwald ist daraus nach 30 Jahren noch nicht geworden. Aber der Weg dorthin hat längst begonnen.