Heute verwittert sie vor sich hin, geschützt hinter hohen Zäunen und von Videoüberwachung, weil immer wieder Abenteurer den Lost Place aufsuchten. Gibt es jetzt wieder eine Chance, eine neue Radrennbahn in Hannover zu bauen? Eine Gruppe von Radsportenthusiasten glaubt daran. Es ist nicht ihr erster Anlauf für einen Neubau einer Radrennbahn in Wülfel. „Mündlich hatten wir eigentlich schon den Zuschlag bekommen“, berichtet Dieter Borvitz, Schatzmeister des Vereins Radrennbahn Hannover. 2021 sei das gewesen. Vor der Unterzeichnung schriftlicher Vereinbarungen habe die Stadt jedoch einen Rückzieher gemacht. Auf dem Radrennbahngelände sollte eine Flüchtlingsunterkunft entstehen.
Im Februar 2026 erklärten die Stadt Hannover und das Land Niedersachsen jedoch die Gespräche über den Bau einer Erstaufnahmeeinrichtung für 750 Geflüchtete für gescheitert. Laut Borvitz hat die Verwaltung das Gelände an der Wilkenburger Straße mittlerweile erneut dem Verein Radrennbahn zur Nutzung angeboten. Dessen Plänen spielt auch in die Karten, dass die Olympiabewerbung der Stadt Hamburg scheiterte, weil fast 55 Prozent der Bürger dagegen stimmten.
Hätte Hamburg den Zuschlag für Olympia bekommen, wäre wohl dort die ebenfalls marode und mittlerweile gesperrte Bahn auf Vordermann gebracht worden. Borvitz ist überzeugt, dass es im Norden keinen Markt für zwei Bahnen gibt, die den Standards für internationale Wettkämpfe entsprechen. „So ein Projekt kann nur mit privaten Investoren funktionieren. Als Verein Radrennbahn können wir das nicht stemmen“, sagt der Schatzmeister.
Damit sich das Vorhaben lohnt, sollen nicht nur die Radsportvereine aus Hannover und dem Umland ins Boot geholt werden, sondern auch andere Sportarten. Der Radrennbahnverein will auf sein 2021 vorgelegtes Konzept zurückgreifen, das auf eine flexibel nutzbare Multifunktionshalle setzt. Neben Radsport sollten darin auch Hockey, Handball, Volleyball, Basketball sowie Behindertensport vor rund 2000 Zuschauern möglich sein. Das Grundstück in Wülfel hat eine Größe von rund 26.000 Quadratmetern. Problematisch ist dieses, weil es sich im Überschwemmungsgebiet der Leine befindet. Ein Vorteil hingegen ist, dass das Radrennbahngelände nur wenige Fußminuten von der Stadtbahnhaltestelle Am Brabrinke entfernt liegt.
Die Kosten für das Projekt schätzte der Verein 2021 auf rund 20 Millionen Euro. „Damit würden wir heute wohl nicht mehr hinkommen“, räumt der Vorsitzende Wilfried Holste ein. Immerhin habe er ein günstiges Angebot für eine wettkampftaugliche 250-Meter-Aluminiumradrennbahn aus Arizona in den USA bekommen, die rund 1,75 Millionen Euro kosten soll. Der Aufbau der Anlage ist darin allerdings noch nicht berücksichtigt. Holste schätzt, dass die neue Radrennbahn inklusive einer Leichtbauhalle heute rund 40 Millionen Euro kosten würde.
In Köln steht gerade eine neue Bahn für gut 120 Millionen Euro – allerdings in größeren Dimensionen. Diese soll 4500 Zuschauern Platz bieten und als Olympia- und Bundesstützpunkt dienen. Dort sollen auch die olympischen Bahnwettbewerbe ausgetragen werden, falls NRW den Zuschlag für die Spiele 2036, 2040 oder 2044 bekommen sollte.
Holste vom Verein Radrennbahn ist überzeugt, dass es auch billiger geht. Ein Leistungszentrum für Niedersachsen solle die neue Radrennbahn in Hannover aber schon werden. „Derzeit gibt es so etwas nicht im Norden“, betont Jürgen Apel, Ehrenmitglied des Radrennbahnvereins und einst der Mann, der bis 2017 mühevoll die alte Bahn in Wülfel instandhielt. Mit seinem Akkuschrauber montierte er Jahr für Jahr Tausende neue Latten, um das Holzoval in Betrieb zu halten, bis es nicht mehr ging.
Laut Schatzmeister Borvitz muss zunächst die Stadt klären, unter welchen Bedingungen der Verein das Grundstück zurückbekommen und anschließend vermarkten könnte. Sobald das geklärt sei, könnten wieder die Gespräche mit Investoren und anderen Vereinen über den Bau einer Halle und deren gemeinsame Nutzung aufgenommen werden.
Die Stadt bestätigt, dass sie die Gespräche mit dem Verein über die Nutzung des Radrennbahngeländes wieder aufgenommen hat. Ein erstes Treffen habe stattgefunden. „Ziel ist es zunächst, die Rahmenbedingungen für eine mögliche neue Radrennbahn in Hannover zu klären“, berichtet Sprecher Udo Möller. Grundsätzlich sei der Bau einer neuen Anlage denkbar, „wenn das Konzept tragbar und nachhaltig ist“.
Apel, Ehrenmitglied im Radrennbahnverein, ist mittlerweile 89 Jahre alt. Den Neubau einer neuen Bahn würde er gerne noch erleben.
„Ich will 100 Jahre alt werden“, kündigt er an. „Wir wollen jetzt den Anschub machen, damit die Sache wieder ins Rollen kommt.“