Tomaszewski ist seit Jahrzehnten vor allem als Fotojournalist bekannt. Mehr als dreißig Jahre arbeitet der polnische Fotograf für National Geographic USA, achtzehn seiner Fotoessays sind dort bislang erschienen. Hinzu kommen Veröffentlichungen unter anderem in stern, Geo, Time, Fortune, The New York Times, Paris Match, Elle und Vogue. Seine Fotografien wurden auf vier Kontinenten ausgestellt und mit zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Umso bemerkenswerter ist, dass die in Hannover präsentierte Arbeit einen anderen Schwerpunkt setzt als jene farbintensiven Reportagen, mit denen Tomaszewski seinen Ruf begründet hat.
„The World Is Where You Stop“ folgt keiner klassischen Bilderzählung. Nicht eine Abfolge von Fotografien soll einen Vorgang erklären, ein Milieu erschließen oder eine Geschichte zu ihrem Ende führen. Jedes Bild steht für sich. Tomaszewski richtet seine Aufmerksamkeit auf flüchtige Situationen, auf jene „Momente der Erkenntnis“, in denen die Wirklichkeit für einen kurzen Augenblick in ihrer Widersprüchlichkeit sichtbar wird. Der Zusammenhang entsteht nicht durch eine vorgegebene Dramaturgie, sondern im einzelnen Bild.
Wie persönlich dieser Vorgang für den Fotografen ist, beschreibt Tomaszewski selbst. Wenn er die Kamera vor das Auge hebt, wähle er einen Ausschnitt der Welt aus – intuitiv, teilweise rational, zugleich aber mit dem Anspruch, sich dabei nicht zu verstellen. Der Moment des Auslösens verbinde sich für ihn mit dem Wunsch, etwas Bedeutungsvolles, Überraschendes und Außergewöhnliches festzuhalten. Der gewählte Ausschnitt werde dabei „gewissermaßen zu einem ganzen Universum“. Es ist eine Formulierung, die den Kern dieser Ausstellung trifft: Die Welt soll nicht vollständig abgebildet werden. Sie verdichtet sich für einen Augenblick auf das, was innerhalb des Rahmens sichtbar geworden ist.
Damit verschiebt sich auch das Verhältnis zwischen fotografischer Beobachtung und Erzählung. Eine Reportage lebt gewöhnlich davon, dass mehrere Bilder einander ergänzen und Zusammenhänge herstellen. Tomaszewski löst das Einzelbild aus diesem Verbund. Entscheidend ist nicht, was unmittelbar zuvor geschah oder was wenige Sekunden später folgen wird. Das Foto bewahrt lediglich jene Konstellation, die in genau diesem Moment vorhanden war und sich so nicht wiederholen wird.
Dass Tomaszewski diesen Ansatz nach einer langen Laufbahn im Fotojournalismus verfolgt, verleiht der Arbeit eine besondere Spannung. Seine Erfahrung als genauer Beobachter bleibt sichtbar, doch sie dient hier nicht der möglichst vollständigen Beschreibung eines Geschehens. Der Fotograf vertraut stärker darauf, dass ein einzelner Ausschnitt genügend Ambivalenz und Bedeutung in sich tragen kann. Seine Bilder sollen die Welt nicht auf eine einfache Aussage reduzieren. Tomaszewski beschreibt sie vielmehr als etwas, das sich im Moment der Aufnahme noch fremder und überraschender zeigen könne, als er es sich zuvor vorgestellt habe.
Der Titel „The World Is Where You Stop“ lässt sich deshalb auch als Beschreibung einer Arbeitsweise verstehen. Die Welt ist dort, wo der Blick anhält. Aus der ununterbrochenen Bewegung des Alltags wird eine Situation herausgelöst und durch die Fotografie dauerhaft sichtbar gemacht. Nicht Vollständigkeit ist das Ziel, sondern Konzentration. Das vermeintlich Beiläufige kann dadurch Gewicht bekommen, ein Widerspruch hervortreten, eine zunächst unscheinbare Szene ihre eigene Spannung entwickeln. Tomaszewski ist promovierter Absolvent der Akademie der Schönen Künste in Warschau und Mitglied der Union Polnischer Kunstfotografen, der Fotoagentur ViSUM sowie des International Press Club.
Kuratiert wurde die Ausstellung in Hannover von Piotr Kowalski. Viele der gezeigten Fotografien sind auch in dem gleichnamigen Bildband „The World Is Where You Stop“ versammelt, der in der GAF für 125 Euro erhältlich ist.
Die Galerie für Fotografie, Seilerstraße 15D, ist donnerstags, freitags, sonnabends und sonntags von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.