Keine hungrigen Eisbären, keine neugierigen Orcas – Tina Deeken hatte das eisige Polarmeer mehr oder weniger für sich, als sie es wagte, in das 4,9 Grad kalte Wasser zu gleiten und auf Weltrekordjagd zu gehen. Hinter ihr die beeindruckende Kulisse Spitzbergens (Norwegen). Auf dem Weg zum Borebreen-Gletscher in der Borebukta-Bucht im Isfjorden östlich von Grönland waren Deeken und ihrem Expeditions-Team auf der MS Farm immerhin Walrosse, Robben und putzige Papageitaucher begegnet. Das war toll. Im Hafen von Longyearbyen beim Einschwimmen wimmelte es von Feuerquallen. Das war nervig.
Nicht das erste Mal, dass die Para-Athletin aus Hannover in kaltes Wasser sprang. Deeken ist 19-fache Weltmeisterin und neunfache Europameisterin im Eisschwimmen. Es war der Ort, der es für die 49-Jährige „einzigartig und sehr besonders“ machte. Und für eine Erfahrung sorgte, die sie wohl nie vergessen wird.
Deeken kraulte nicht einfach nur so im hohen Norden am südlichen Rande des Arktischen Ozeans herum. Sie hatte Großes vor: Weltrekord. Wie und was konkret? Die längste jemals dokumentierte Para-Eisschwimmdistanz unter Arctic-Polar-Bedingungen: 500 Meter. Voraussetzung für offizielle Bestwerte im Eisschwimmen: Wassertemperatur unter 5 Grad Celsius. Die tatsächlichen 4,9 Grad lagen gerade so darunter.
Die Akklimatisierung absolvierte Deeken im besagten Hafenbecken. Da lag die Temperatur noch bei fast kuscheligen acht Grad. Dennoch schon eine Überwindung. „Das letzte Mal Eisschwimmen habe ich bei uns im Winter gemacht“, erinnert Deeken. Zwei Tage später fuhr die MS Farm mit den Skippern Are und dessen Vater Stig raus zum Borebreen-Gletscher, da war die vorgeschriebene Wassertemperatur unter fünf Grad sichergestellt. Mit an Bord: eine Schusswaffe. Aus Sicherheitsgründen. Falls doch mal ein Eisbär auftaucht.
Am Gletscher, auf etwa 78 Grad nördlicher Breite, begleitete zur besseren Orientierung auf dem per GPS abgesteckten Schwimmkurs ein motorisiertes Schlauchboot (Kodiac) Deeken und die anderen Athletinnen und Athleten aus der Türkei und Österreich, die ebenfalls an der Mission teilnahmen. „Ich war natürlich sehr, sehr aufgeregt“, sagt Deeken und meint damit nicht nur das Schwimmen selbst, sondern die komplizierte Logistik drumherum. „Das war alles nicht ganz einfach. Man muss einerseits dicht ran an den Gletscher, damit die Temperatur stimmt. Andererseits willst du nicht zu nah ran, weil immer mehr Schollen und Eisstücke in Gletschernähe im Wasser treiben.“ Auch die Gefahr eines Gletscherabbruchs bestand.
Dennoch: Treibende Eisschollen und kleinere Eisberge waren hin und wieder im Weg. Aber Deeken gleitete unbeirrt durchs Wasser: „Ich war total im Tunnel.“ Beim ersten Ausflug schwamm sie 325 Meter in 6:55,60 Minuten und war damit die erste Para-Eisschwimmerin überhaupt, die eine offiziell dokumentierte Arctic-Polar-Distanz in arktischen Gewässern bewältigte. Tags darauf brach sie quasi ihren eigenen Rekord. Die 500 Meter absolvierte sie in 11:44,97 Minuten. Erst im letzten Drittel musste sie einer größeren Eisscholle ausweichen, verlor dabei etwas an Tempo. Aber auf die Zeit kam es ohnehin nicht an.
Unter großem Jubel des Teams wurde sie mit einer speziellen Hebevorrichtung am Bordkran an Deck gehoben. Deeken kann aufgrund ihrer körperlichen Einschränkungen (unter anderem ein gelähmtes Bein) keine normale Bootsleiter hochklettern. An Bord zitterte Deeken am ganzen Körper. Normal nach so einer Belastung unter Extrembedingungen. Wichtig war, die sofortige Aufwärmphase einzuleiten. Natürlich unter medizinischer Aufsicht. Mit an Bord war die Ärztin Christina Neubauer.
Zum Team gehörten außerdem Fotograf Jack Griesbeck und der Missionsleiter Gerald Daringer. Der Österreicher ist langjähriger Freund und Coach von Deeken, selbst mehrfacher Rekordhalter im Eisschwimmen. 2025 war er schon für Weltrekorde in arktischen Gewässern unterwegs. Auch Deeken reizte die Idee sehr. „Ich habe ihm gesagt, wenn er das noch einmal machen sollte, soll er Bescheid sagen.“ Ziemlich kurzfristig ergab sich jetzt die Chance. Deeken war froh, dass der Termin in den Schulferien lag. So konnte die Lehrerin problemlos teilnehmen.
„Ich bin unglaublich glücklich und dankbar, dass alles so gut funktioniert hat“, sagt Deeken vom VfL Eintracht Hannover. „Ohne dieses großartige Team wäre diese Leistung nicht möglich gewesen.“