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Über die hannoversche Schriftstellerin Christiane Adlung und ihren
vielschichtigen Roman „Sommerrauschen“

Kunst der Auslassung: Die Schriftstellerin Christiane Adlung an der Leine in Hannovers Innenstadt.Foto: Nancy Heusel
Hannover. Am Anfang stand ein inneres Bild: fünf Stelzenhäuser an der französischen Atlantikküste, darin fünf Familien. „Ich dachte, wenn die Häuser marode werden, ist das wie eine Metapher für den Zerfall der Illusionen, die meine Familien haben“, sagt die hannoversche Schriftstellerin Christiane Adlung. „Die Geschichte ist immer enger geworden.“ Am Ende stand der Roman „Sommerrauschen“, eine Geschichte um zwei Mädchen und ein Trauma, das sie voneinander entfremdete und das sie noch als Erwachsene teilen.

In Titel und Gestaltung kommt „Sommerrauschen“ als leichte Ferienlektüre daher. Der Roman entpuppt sich als Soziogramm voll brüchiger Schönheiten. Adlung weiß um die Geheimnisse, die jede Familie wahrt, damit sie funktionieren kann, um die Tabus, um die Wahrheiten, die nicht ausgesprochen werden, damit niemand lügen muss. „Die Lüge, hat man einmal mit ihr begonnen, ist eine treue Begleiterin“, heißt es einmal. Es gibt kein Zurück.

Rätsel in Rätseln in Rätseln enthüllen sich: „Sommerrauschen“ hat beinahe eine Krimistruktur; Adlung spricht von Zahnrädern, die ineinandergreifen. „Es war eine Geschichte, die mir zugelaufen ist. Ich habe diese Figuren sehr lange umkreist, etwa ein halbes Jahr lang. Ich habe sie erst einmal kennenlernen müssen. Ich wollte sie nicht ausdeuten. Ich wollte sie nicht überinterpretieren. Ich wollte sie mit Wahrhaftigkeit versehen.“

Und so begegnet man der erwachsenen Judith, die es sich mit nur mangelhaft verdrängten Depressionen in ihrem Familienleben eingerichtet hat, mit der fernen Mutter Oda, den Zwillingstöchtern, und ihrem Mann Robert, einem Architekten, als Fundament, der, wie Adlung es ausdrückt, „vielleicht gar nicht weiß, auf welch sandigem Terrain er sich befindet mit seiner Frau“. Deutlich wird das, als Natascha am altbekannten Urlaubsort der Familien auftaucht und all das, was die einstigen Jugendfreundinnen seit 40 Jahren zu verheimlichen versuchten, an die Oberfläche drängt.

Es gibt, so heißt es, zwei Arten von Schreibenden: die Architekten und die Maurer, jene, die einen Plan schmieden und ihm folgen, und jene, die ihre Figuren beobachten und sich von ihnen leiten lassen. Die studierte Innenarchitektin und Architektin Adlung rechnet sich letzteren zu. „Ich gehöre eher zu den Beobachtern. Ich bin sehr still dabei. Ich sehe den Menschen so gerne zu.“ Sie sagt es bei einem Getränk in Hannovers Altstadt. Sie spricht leise, sanft, ehrlich interessiert am Gegenüber.

Ausgerechnet ihr Studium hatte sie zur Schriftstellerei gebracht. Sie war fasziniert von der Architektin Eileen Gray (1878-1976), einer Zeitgenossin und Konkurrentin Le Corbusiers. „Ich habe damals einen Vortrag gehalten, und niemand kannte sie. Ich dachte, irgendwann in deinem Leben musst du dich mal mehr mit ihr beschäftigen und ein Buch über sie schreiben.“ Zwölf Jahre lebte Adlung in Nizza, um zu Eileen Gray zu recherchieren. „Eine wahnsinnig schöne Zeit“ sei das gewesen.

Mit der Idee zu einem Roman bewarb sie sich Jahre später bei Literaturagenturen und wurde genommen. „Dort sagte man mir: ‚Niemand kennt dich, Eileen Gray kennt auch niemand. Was hältst du davon, erst einmal über eine bekannte Person zu schreiben?‘" Zelda Fitzgerald (1900-1948), die Frau des Schriftstellers F. Scott Fitzgerald („Der große Gatsby“), war der Vorschlag.

So entstanden erst „Tage mit Gatsby“, gefolgt vom Eileen-Gray-Buch „Das Haus am Meeresufer“, zwei historische Romane unter dem Pseudonym Joséphine Nicolas. „Sommerrauschen“, ein rein fiktionaler Stoff, erschien unter Klarnamen. Man ahnt: Es wird persönlicher. „Ich denke, in diesem Buch steckt tatsächlich ein bisschen mehr von mir als in den beiden anderen, in den Charakteren, aber auch in der Sprache: Das ist die Sprache, die sich bei mir einstellt, wenn ich an den Schreibtisch gehe. Bei den historischen Personen musste ich mich an deren Sprache anpassen.“

Die Geschichte sei Stück für Stück zu ihr gekommen. „Ich habe sie auch nicht geplottet, sondern mich beim Schreiben überraschen lassen. Es sind mir auch immer wieder neue Figuren entgegengelaufen. Das ist viel spannender, als historische Romane zu schreiben.“

Für „Sommerrauschen“ erhielt Adlung ein Aufenthaltsstipendium auf dem Künstlerhof Schreyahn im Wendland, das vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur vergeben wird. Anfang des Jahres war sie für drei Monate da und arbeitete unter anderem am Nachfolger, „nach jetzigem Stand ein Episodenroman“.

Adlung will sich weiter an der Kunst der Auslassung üben, die sie bei „Sommerrauschen“ erprobte. Die Sprache des Romans wird leichter und schwebender, je mehr Ballast die Figuren abwerfen. Das Ungesagte wiegt immer schwerer. „Die Stille ist die elementarste Sprache, die wir haben“, ist Adlung überzeugt. Sie sagt: „Muss denn alles ausgesprochen werden? Nein, überhaupt nicht.“

Christiane Adlung: „Sommerrauschen“. Dumont, 272 Seiten, 24 Euro. Am 28. August liest die Autorin in Hannover in der Buchhandlung „Das Fenster zum Buch“ (Buchholzer Str. 4) aus ihrem Buch. Beginn: 19 Uhr.

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