1000 Menschen wollten ins Ökodorf ziehen. Einige träumen weiter von gemeinwohlorientiertem Wohnen. Stefan Zimmermann (59), seine Frau Antje (58) und Lidia Tomaszewska (54) gehören dazu.
Die drei sitzen in Zimmermanns lichtdurchflutetem Coworking-Büro. Auf dem runden Holztisch vor ihnen stapeln sich Flyer, eine Satzung und Infomaterial. Sie sind gut vorbereitet auf ihr neues Projekt.
Mit vier weiteren ehemaligen Ecovillage-Mitgliedern gründeten sie die Genossenschaft „Gemeinsinn Hannover“. Ein Designer, eine Psychologin, eine Ärztin, ein Regionalentwickler, eine Lehrerin, ein ITler und eine Architektin sind damit dabei. Zimmermann und Tomaszewska sind die Vorsitzenden. Ihr Ziel: ein solidarisches Mehrgenerationen-Wohnprojekt. Sie nennen es „Fairwurzelt“.Eigentümergemeinschaften seien eine Möglichkeit, sich vor stetig steigenden Mieten zu schützen, sagen sie. „Boden ist keine nachwachsende Ressource, wird aber ungezügelt am freien Markt angeboten“, kritisiert Stefan Zimmermann. „Alle Vermieter wollen Rendite, das treibt die Mieten nach oben. Wir wollen zeigen, dass es anders geht. “
Doch dazu fehlt noch das passende Gebäude. Seit einem Jahr suchen sie – bisher ohne Erfolg. „Wir suchen Bestand, den wir umbauen oder besser nutzen können“, erklärt Tomaszewska. „Leer stehende Bürogebäude, Mehrfamilienhäuser mit Leerstand oder geeignete Grundstücke.“ Die Anforderungen: mindestens 700 Quadratmeter, davon 350 Quadratmeter Leerstand, in der Stadt, gut angebunden.Die ehemalige Paul-Dohrmann-Schule im Stadtteil Burg war ein Kandidat, fiel aber wegen hoher Denkmalschutzauflagen weg. Das größte Hindernis bleibt die Konkurrenz auf dem Immobilienmarkt. Gegen private Investoren hat die Genossenschaft finanziell keine Chance. „Es ist schwer, Eigentümer zu finden, die auf Rendite zugunsten des Gemeinwohls verzichten“, sagt Zimmermann.
Die Initiative will nicht nur anders wohnen, sondern auch anders leben. „Unsere Vision ist ein Mikro-Dorf in der Stadt“, sagt Zimmermann. „Ich habe Angst, im Alter einsam zu sein. Ich möchte im Alltag Anschluss an eine Gemeinschaft haben.“ Gemeinschaft bedeute aber nicht, alles gemeinsam zu tun. Jeder solle seine eigene Wohnung haben.Zusätzlich soll es Räume für alle geben: eine große Küche, Gästezimmer, Waschräume, eine Werkstatt, einen Garten. Wer Hilfe braucht, findet sie im Haus. Wer Ruhe sucht, schließt die Tür. „Man kann es ausprobieren. Und wenn es nicht passt, zieht man wieder aus“, sagt Antje Zimmermann.
Das Modell des selbstbestimmten, gemeinschaftlichen Wohnens ist nicht neu, wird aber immer beliebter. Ein Beispiel sind die Ohe-Höfe in der Calenberger Neustadt. Dort gehören fünf Häuser eigenständigen Genossenschaften. Die Bewohner sind altersgemischt.
„Unser Zusammenleben hat sich verändert. Familienstrukturen lösen sich auf“, sagt Tomaszewska. „Ich glaube, viele Menschen vermissen das. In diesem Modell sucht man sich eine Ersatzfamilie.“
In ihrer Satzung will die Genossenschaft auch langfristig Immobilienspekulation vorbeugen. Damit künftige Generationen das Gebäude nicht gewinnbringend verkaufen, arbeitet „Gemeinsinn Hannover“ mit der Stiftung Trias zusammen. Trias kauft das Grundstück und verpachtet es zweckgebunden an die Genossenschaft. Die Mitglieder erhalten sozusagen „Eigentum auf Zeit“.
Dass große Visionen scheitern können, haben die „Gemeinsinn“-Gründer im Ecovillage erlebt. Trotzdem bereuen sie den Versuch nicht. Viele Kontakte von damals bestehen bis heute. Aus ihnen entstand „Fairwurzelt“ – kleiner, vorsichtiger, realistischer.
Der Vorteil einer Genossenschaft: Jeder entscheidet selbst, wie viele Anteile er kauft und welches Risiko er eingeht. Dennoch ist ein gewisses Grundkapital nötig. „Einige haben im Ecovillage viel Geld verloren“, sagt Zimmermann. „Da stürzt man sich nicht sofort ins nächste Großprojekt.“
Dennoch hoffen die Initiatoren, dass „Fairwurzelt“ nur der Anfang ist. Die „Gemeinsinn Hannover“ kann als Dachgenossenschaft für ähnliche Projekte dienen. „Wir wollen die Perspektive offenhalten, dass das größer werden kann“, sagt Zimmermann. Ganz ist der Geist des Ecovillage also nicht verflogen.