Hören ohne Hörnerven
Ärzten der HNO-Klinik der MHH ist ein anspruchsvoller Eingriff gelungen, dank dem eine Zweijährige nun hören kann

Volle Konzentration ist gefordert: Bei der Implantation eines ABI handelt es sich um einen anspruchsvollen Eingriff.Foto: Daniela Beyer/MHH
Hannover. Sie wurde ohne Hörnerven geboren – trotzdem kann sie jetzt hören. Bereits im April hat ein zweijähriges Mädchen sein zweites Hirnstammimplantat an das Gehirn implantiert bekommen. Laut der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde (HNO) der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zeigte sie nun, wenige Monate nach dem Eingriff, Anzeichen beidseitigen Hörvermögens. Die Tests scheinen simpel, das Ergebnis ist aber aussagekräftig.

Therapeuten schlagen einen Triangel an und das Kind reagiert, indem es ihn ebenfalls anschlägt. Auch eine Blockflöte nimmt die Zweijährige wohl wahr. Also ist es bestätigt: Die Patientin kann auf beiden Seiten Höreindrücke wahrnehmen. Gleichzeitig bedeutet das eine enorme Umstellung – denn das einseitige Gehör wird jetzt durch das zweite Implantat ergänzt. Ihre erste OP hatte das Mädchen im vergangenen Jahr. Dass diese enorme Synchronisation mit zwei Implantaten gelingt, ist laut MHH bemerkenswert.

Hörimplantate dieser Form gibt es seit den 1980er-Jahren und die Technologie wird konstant weiterentwickelt. Außergewöhnlich macht diesen Fall MHH-Berichten zufolge, dass das Kind auch auf der zweiten Seite ein Implantat eingesetzt bekommen hat. Die Ärzte Anke Leichtle, Rolf Salcher und Thomas Lenarz führten diesen Eingriff erfolgreich durch.

Eine solche Operation müsse unbedingt in den frühen Lebensjahren erfolgen, da sich das Gehirn ansonsten umstrukturiert und nicht mehr für die Verarbeitung von akustischen Signalen zur Verfügung steht. Die MHH spricht von einem der „anspruchsvollsten Eingriffe der modernen Hörrehabilitation“. Wie gut das Hör- und Sprechvermögen werden kann, ist laut HNO-Klinikdirektorin Anke Leichtle schwer vorhersehbar. Die Eltern werden mithilfe von Anleitungen der Therapeuten die Synchronisation der Implantate und so das Richtungsgehör ihres Kindes trainieren. Exemplarisch heißt das: Vom Anheben eines Stiftes bis zum geschriebenen Wort müssen sie jegliche Alltagshandlungen verbal begleiten. Mit dem ersten Implantat verlief die Hör- und Sprachentwicklung bereits gut. Das Gelingen der zweiten OP und die ersten positiven Reaktionen des Kindes machen daher Hoffnung. „Wir sind vorsichtig – aber vielleicht wird die Entwicklung vergleichbar sein mit der von Cochlear Implantat-versorgten Kindern“, so Leichtle.

Druckansicht