Mit ihrem Entwurf „Alte Sachen“ haben der Bremer Bildhauer Ingo Vetter und die in Berlin und Wien arbeitende Architektin Michelle P. Howard den Kunstwettbewerb zur Neugestaltung der Prinzenstraße gewonnen. Gemeinsam mit Oberbürgermeister Belit Onay stellten sie das Vorhaben kürzlich vor. Das Preisgericht unter dem Vorsitz von Britta Peters, künstlerische Leiterin von Urbane Künste Ruhr, hatte sich einstimmig für das Konzept ausgesprochen. Acht Bewerbungen waren aus rund 180 internationalen Einreichungen für die entscheidende Wettbewerbsrunde ausgewählt worden.
Im Mittelpunkt stehen Mühlsteine als materielle Überreste einer vergangenen Arbeitswelt. Hannover und sein Umland gehörten einst zu den bedeutenden Mühlenregionen. Für Vetter und Howard sind die Steine deshalb nicht nur historische Fundstücke, sondern Zeugen jener Entwicklung, die der industriellen Revolution vorausging. In ihrem Projekttext schreiben sie: „Die Mühlen sind verschwunden, die Maschinen verrostet, die Arbeitsverhältnisse aufgelöst. Übrig geblieben sind die harten Kerne dieser Zeit. Und viel Nostalgie, regionale Verankerung, eine Art Techno-Spiritualität.“
Zunächst sollen drei ehemalige Straßenbahnmasten mit übereinandergeschichteten und aufgespießten Mühlsteinen versehen werden. Zwei dieser Stapel erhalten eine Bewässerung. Auf den feuchten Oberflächen soll sich Kalktuff bilden, der wiederum Algen, Flechten und Moosen einen Lebensraum bietet. Das Erscheinungsbild der Skulpturen wird sich damit über Jahre hinweg verändern. Die Kunstschaffenden beschreiben diesen Prozess so: „Aus den alten Sachen wird etwas Neues und die Steine wachsen. Das vermeintlich tote Kulturgut wird wieder lebendig – durch Nässe“.
Gerade diese Verwandlung gibt dem Entwurf seine besondere Spannung. Die schweren Steine verweisen auf eine abgeschlossene Epoche, bleiben aber nicht als unveränderliches Denkmal im Straßenraum stehen. Durch Wasser und Bewuchs werden sie Teil eines fortdauernden natürlichen Prozesses. Geschichte erscheint damit nicht als musealer Gegenstand, sondern als Grundlage für etwas Neues.
Zugleich erfüllt die Bewässerung eine praktische Funktion. Die Verdunstung soll das unmittelbare Umfeld an heißen Tagen abkühlen, der Bewuchs kann Feinstaub binden. Für Bereiche, in denen Wasser versickert, planen Vetter und Howard Riegel aus wasserspeicherndem Tuffstein. Weitere Mühlsteine könnten als Sitzgelegenheiten dienen. Damit verbindet der Entwurf Erinnerungskultur, Kunst und Anpassung an zunehmend heiße Sommer. Die Mühlsteine werden zu einem sichtbaren Bestandteil jener Idee, nach der die Innenstadt Wasser länger halten und zur Kühlung nutzen soll.
Die Installation ist in den laufenden Umbau der Prinzenstraße eingebettet. Aus der bislang stark vom Durchgangsverkehr geprägten und nur wenig begrünten Verbindung soll eine von Bäumen gesäumte Promenade werden. Das Kunstwerk soll voraussichtlich im kommenden Jahr fertiggestellt werden. Die Straße gehört zum Kulturdreieck zwischen Staatsoper, Schauspielhaus und Künstlerhaus, das bereits mit zeitweiligen Kulturprogrammen und dauerhaften Arbeiten im öffentlichen Raum weiterentwickelt wird.
Oberbürgermeister Belit Onay hob bei der Vorstellung die Verbindung von Stadtgeschichte, künstlerischer Gestaltung und ökologischer Stadtentwicklung hervor. „Mich begeistern der Entwurf und die Idee dahinter. Die gestapelten Mühlsteine verbinden auf beeindruckende Weise ein Stück Geschichte von Stadt und Region mit einer außergewöhnlichen Formensprache. Der Entwurf nimmt außerdem den ökologischen Impuls der Schwammstadt auf. Beispielhaft wird mit dieser kreativen Gestaltung des öffentlichen Raums der Wandel der Innenstadt deutlich.“
Zugleich verschwieg Onay die vorangegangenen Schwierigkeiten beim Umbau der Prinzenstraße nicht. „Bewusst ist uns aber auch, dass das Scheitern des Zisternen-Baus in der Prinzenstraße ein Rückschlag war, der mit gravierenden Belastungen für Anlieger verbunden ist. Insbesondere die entstandenen Gebäudeschäden haben Vertrauen beeinträchtigt. Diese Erfahrungen nehmen wir ernst. Und mit aller Ernsthaftigkeit bearbeitet die Stadt diese Angelegenheiten weiterhin im dafür vorgesehenen Verfahren - unabhängig von der Vorstellung des Kunstprojekts und des Umbaus der Straße. Dabei ist uns Transparenz besonders wichtig. Ich bin mir sicher, dass wir zu akzeptablen Lösungen finden. Die Prinzenstraße wird auf jeden Fall einen einzigartigen Charakter erhalten. Die Neugestaltung mit dem Kunstprojekt im Straßenraum zeigt, wie ambitioniert die Stadt Hannover ist“, so Onay.
Ingo Vetter bringt in das Projekt langjährige Erfahrungen mit Kunst, Stadtplanung und öffentlichen Räumen ein. Der 1968 in Bensheim geborene Bildhauer lebt in Bremen und arbeitet regelmäßig mit anderen Kunstschaffenden zusammen. Zu seinen Projekten gehören ein Stadtpark im nordschwedischen Kiruna, ein liegender Aussichtsturm im österreichischen Mistelbach und eine Skulpturenserie für die neue Zollhochschule in Rostock. Gemeinsam mit Howard entwickelt er zudem unter dem Titel „FERALcatalyst“ ein Konzept für den ökologischen Umbau von Stadträumen entlang des zentralen Bahnkorridors in Düsseldorf. Vetter lehrt als Professor für Bildhauerei an der Hochschule für Künste Bremen.
Michelle P. Howard, 1967 im irischen Portlairge geboren, verbindet Architektur, Kunst und Ökologie. Sie arbeitete unter anderem für den Renzo Piano Building Workshop sowie für das Office for Metropolitan Architecture an der Niederländischen Botschaft in Berlin und der Casa da Música in Porto. Seit 2007 lehrt sie an der Akademie der bildenden Künste Wien. In ihrer Arbeit begreift sie Architektur nicht als abgeschlossenes Objekt, sondern als ein Medium, das sich verändert und auf seine Umwelt reagiert. Derzeit leitet sie das europäische Forschungsprojekt „Ignored Technology“, das sich mit der historischen Abwertung handwerklicher und materialbezogener Verfahren beschäftigt.
Diese unterschiedlichen Erfahrungen fließen in einen Entwurf ein, der weder allein Denkmal noch reine Begrünungsmaßnahme sein will. Die Mühlsteine bewahren die Erinnerung an Hannovers wirtschaftliche und technische Geschichte. Wasser, Tuff und Pflanzen richten den Blick dagegen nach vorn. In der neuen Prinzenstraße sollen die alten Steine deshalb nicht nur von Vergangenem erzählen. Sie sollen wachsen, kühlen und zeigen, wie aus den harten Kernen der Geschichte ein lebendiger Stadtraum entstehen kann.