Seltene Kinderstube
Auf Meyers Hof im Zoo Hannover zeigen Ziegen, Schafe und Kaninchen, warum der Erhalt alter Rassen wichtig ist

Lamm der Rauwolligen Pommerschen Landschafe
Hannover. Schwarzes Fell, auffallend helle Beine und weiße Streifen, die sich von den Augen bis zur braunen Nasenspitze ziehen: Zwei junge Thüringer-Wald-Ziegen sorgen derzeit auf Meyers Hof im Erlebnis-Zoo Hannover für Bewegung. Die am 18. Juli geborenen Tiere erkunden ihr Gehege noch etwas unsicher, aber mit wachsender Neugier. Steine werden erklommen, unbekannte Ecken beschnuppert. Wird die Umgebung zu aufregend, suchen die Jungtiere Schutz bei ihrer Mutter Ida.

Die beiden Zicklein sind nicht nur ein Anziehungspunkt für die Zoobesucher. Ihr Nachwuchs ist auch für den Erhalt einer selten gewordenen Nutztierrasse von Bedeutung. Die Thüringer-Wald-Ziege wird auf der Roten Liste der gefährdeten Nutztierrassen als stark gefährdet geführt. Mit der Haltung und Zucht der Tiere will der Zoo deshalb zugleich auf die Folgen aufmerksam machen, die der Wandel in der Landwirtschaft für viele traditionelle Haustierrassen hatte.

Nur einen Tag nach den beiden Ziegen kam im Nachbarstall ein weiteres Jungtier zur Welt. Das Rauwollige Pommersche Landschaf Heidemarie brachte am 19. Juli sein erstes Lamm zur Welt. Das Jungtier unterscheidet sich deutlich von den erwachsenen Tieren: Während deren Fell später eine silbergraue Färbung annimmt, sind die Lämmer dieser Rasse zunächst vollständig schwarz. Erst mit zunehmendem Alter verändert sich die Farbe der Wolle.

Inzwischen ist der Tierbestand auf Meyers Hof noch einmal gewachsen. Ziege Clara brachte am 22. Juli zwei Jungtiere zur Welt. Sie verbringen nach Angaben des Zoos noch einen großen Teil des Tages schlafend im Stroh. Weitere Geburten werden erwartet. In den kommenden Wochen dürfte es auf dem Bauernhofbereich deshalb zunehmend lebhafter werden.

Auch im größten Stall auf Meyers Hof ist bereits zahlreicher Nachwuchs zu beobachten. Dort leben junge Japanerkaninchen, die ebenfalls zu einer stark gefährdeten Haustierrasse gehören. Zwei der Kaninchen wurden am 22. Mai geboren, fünf weitere folgten am 22. Juni. Die kleinen Tiere bewegen sich mittlerweile gemeinsam mit den ausgewachsenen Kaninchen durch das Gehege.

Das Japanerkaninchen ist auch unter der Bezeichnung Harlekin-Kaninchen bekannt. Seinen Namen verdankt es der bunten Bühnenfigur Harlekin. Kennzeichnend ist die unregelmäßige Fellzeichnung, bei der sich Farbtöne von hellem Rotbraun über Weiß bis zu Schwarz abwechseln. Die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen stuft auch diese Rasse als stark gefährdet ein. Zwar gibt es weiterhin Menschen, die sich mit ihrer Zucht beschäftigen, die Bestände bleiben jedoch gering. Den vorliegenden Angaben zufolge leben in Deutschland weniger als 1000 Japanerkaninchen.

Der Bauernhofbereich des Erlebnis-Zoos vermittelt damit zugleich einen Überblick über Haustierrassen, die früher in verschiedenen Regionen Deutschlands verbreitet waren. Neben den Thüringer-Wald-Ziegen hält der Zoo dort Harzer Höhenvieh, Schwarzbunte Altdeutsche Niederungsrinder und Dülmener Pferde. Die Rauwolligen Pommerschen Landschafe teilen sich ihre Weide mit Leine-Gänsen. In einem benachbarten Stall leben Bunte Bentheimer Landschweine.

Wie stark sich die Tierbestände verändern können, zeigt die Geschichte der Thüringer-Wald-Ziege. In den 1930er-Jahren wurden in Deutschland noch etwa 60.000 Tiere dieser Rasse gehalten. Später sank ihre Zahl zeitweise auf weniger als 200. Wie zahlreiche andere alte Haustierrassen konnte sie wirtschaftlich nicht mit eigens auf hohe Leistungen gezüchteten Rassen konkurrieren. Viele landwirtschaftliche Betriebe verzichteten deshalb auf ihre Haltung.

Mittlerweile werden Thüringer-Wald-Ziegen wieder häufiger für Aufgaben eingesetzt, bei denen ihre Widerstandsfähigkeit von Vorteil ist. Die robusten Tiere eignen sich unter anderem für die Landschaftspflege. Sie können Flächen beweiden, die mit Maschinen nur schwer zu bearbeiten sind. Solche Nutzungsmöglichkeiten tragen dazu bei, die Rasse wieder bekannter zu machen und ihre Bestände langfristig zu sichern.

Auch das Rauwollige Pommersche Landschaf war früher ein vielseitig genutztes Nutztier. Die von der Ostseeküste stammende Rasse lieferte Milch, Wolle und Fleisch. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts gingen ihre Bestände jedoch deutlich zurück. In der modernen Landwirtschaft wurde sie weitgehend von spezialisierten Rassen verdrängt, die jeweils auf bestimmte Leistungen ausgerichtet sind.

Das Pommersche Landschaf besitzt allerdings Eigenschaften, die für bestimmte Einsatzgebiete weiterhin gefragt sind. Es gilt als robust, und seine Wolle schützt es vor Nässe und rauer Witterung. Damit eignet sich die Rasse besonders für die Beweidung und Pflege von Deichen und Küstenlandschaften. Der Nachwuchs im Erlebnis-Zoo steht somit stellvertretend für Tiere, deren Fortbestand heute von gezielter Zucht und geeigneten Nutzungsmöglichkeiten abhängt. RED



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