Die auffällige Gruppe zieht die Blicke auf sich. Elf junge Väter schieben ihre Kinder durch den Park, viele mit Kaffeebecher in der Hand. Die Bäckerei Göing hat zum ersten „Daddy Walk“ in Hannover eingeladen.
Organisiert hat das Vätertreffen eine Frau: Claudia Gäbel, selbst Mutter und Marketingleiterin der Bäckerei, hat die Aktion ins Leben gerufen. „Angebote speziell für Väter sind unterrepräsentiert“, sagt sie. Sie beobachtet oft, dass junge Väter sich schwerer begegnen, bevor die Kinder das Spielplatzalter erreichen. „Mütter lernen sich in Rückbildungskursen kennen, das haben Väter nicht.“ Die Vater-Kind-Spaziergänge im Rudel sind ein Großstadtrend geworden. Ob „Walking Dads“, „Daddy Stroller Social Club“ oder „Stroll Society“ – auf Instagram und Tiktok wächst eine Community frisch gebackener Väter, die ihre Säuglinge vor sich herschieben. Sie verabreden sich online und treffen sich offline in Städten wie Hamburg, Düsseldorf oder München zu „Daddy Walks“, also Spaziergängen mit Kinderwagen.
Der Trend polarisiert. Viele feiern die spazierenden Väter, doch in Kommentarspalten stören sich vor allem Frauen am performativen Charakter der Events. Der Oldenburger Influencer Jonas Rühl („Papa mit Tics“) wirft einem Hamburger Organisator von „Dad Walks“ vor, Kapital aus der Idee zu schlagen und selbstverständliche elterliche Pflichten zu eventisieren und als progressive Bewegung zu vermarkten. Das Video wurde hunderttausendfach angesehen.
Bekommen Väter zu viel Lob für das „bare Minimum“? Die Eilenriede-Papas stimmen zu. „Als Vater wirst du ziemlich schnell für wenig gefeiert“, sagt Michel Bernhard, seinen einjährigen Sohn auf dem Arm. Der Mathematiker hat ein Jahr Elternzeit genommen. „Ich bekomme dafür Applaus. Bei Frauen wird gefragt: Warum nur ein Jahr?“
Neben ihm schiebt Lars Witzler Tochter Mara (1) vor sich her. „Ich habe die Kritik mitbekommen und verstehe sie“, sagt er. Gleichzeitig begrüßt er Angebote, die Väter gezielt vernetzen. „Man ist als Mann bei Eltern-Kind-Kursen leider doch immer noch klar in der Unterzahl.“
Vor allem die ungleich verteilte Elternzeit sorgt für dieses Bild. Frauen nahmen 2025 in Deutschland laut Statistischem Bundesamt durchschnittlich 14,9 Monate Elternzeit, Männer nur 3,8 Monate. „Deshalb finde ich es gut, dass wir am Mittwochvormittag gehen und nicht am Wochenende“, sagt Witzler. So trifft man vor allem „Vollzeit-Väter“. Fast alle der spazierenden Väter sind in Elternzeit, die meisten mindestens ein halbes Jahr. Es geht auch darum, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, betont Matthias Wehr, während der einjährige Sohn Finn eifrig an seinen Socken herumfriemelt. „Das ist als Vater in Elternzeit nicht immer einfach. Gerade vormittags sind vor allem Mütter unterwegs.“ Finns linker Strumpf fällt auf den Boden, ein anderer Vater passt auf und hebt ihn auf.
Ein paar Meter weiter unterhalten sich drei Väter über Alltagsprobleme. Einer erzählt, dass sein Sohn auf langen Autofahrten schreit und wie seine Partnerin und er damit umgehen. Aus dem Kinderwagen quäkt es derweil munter. Das Problem kennt sein Nebenmann. „Zugfahren ist einfacher.“ Bekräftigendes Nicken von der anderen Seite.
Beim „Daddy Walk“ steht auch der Kinderwagen im Mittelpunkt. Viele Männer schieben hochwertige, fast schon stylische Buggys vor sich her. Zwei Väter tauschen sich über Gewicht, Höhen- und Längenverstellbarkeit und weitere Vor- und Nachteile verschiedener Modelle aus. „Ein guter Kinderwagen ist schon wichtig“, sagt einer. „Man ist ja jeden Tag damit unterwegs.“
Immer wieder schauen Passanten dem Tross interessiert hinterher. Wie finden Mütter die „Daddy Walks“ eigentlich? Abelina Junge (31) ist ebenfalls mit ihrem Kind in der Eilenriede unterwegs. „Ich habe die Werbung dafür auch gesehen“, sagt sie. „Ich finde es schön, wenn Väter das jetzt auch machen.“ Sie lächelt schelmisch, als wolle sie ein „Wird auch Zeit“ nachschieben.
Auch Merle Willeke (29), die mit Kinderwagen am Lister Platz wartet, unterstützt die Aktion. „Seit Kurzem gibt es auch einen Momwalk in Hannover. Da will ich auch mal mitmachen“, sagt sie.
Exklusive Angebote für Mütter und Väter seien richtig, findet sie. „Die Themen sind ja doch manchmal andere. Die Premiere kommt gut an. Zum Abschied verteilt Gäbel erneut Kaffee-Gutscheine und kündigt an, den Spaziergang im Zwei-Wochen-Rhythmus zu wiederholen.
Der nächste Termin ist am 22. Juli, wieder am Mittwoch um 9.30 Uhr. Die meisten planen, wiederzukommen.
Ist der „Daddy Walk“ nun progressiv oder performativ? Die Väter sind sich einig, dass sie nichts Besonderes machen, auch wenn ihre Gruppe Aufmerksamkeit erregt. „Wir sollten nicht so tun, als ob wir hier die Welt bewegen“, sagt Benjamin Gerlach (29). „Wir verbringen Zeit mit unserem Kind. Das ist normal.“
Er wolle keinen Applaus und auch kein Zeichen setzen, sagt Witzler. „Manche Väter wollen einfach gern gemeinsam spazieren gehen.“