Mit mehr als 36 Kunstaktionen entsteht bis in den Herbst hinein ein ungewöhnliches Gesamtwerk, das sich nicht auf einen Ausstellungsraum beschränkt. Ausgangspunkt ist die Idee, Hannover neu lesbar zu machen. Vaziritabar orientiert sich bewusst an den 36 Stationen des Roten Fadens. Doch ihre eigenen Kunstorte funktionieren anders. Sie wollen nicht den schnellsten Weg weisen, sondern Wahrnehmung verschieben. Bekanntes soll fremd wirken, Unscheinbares Bedeutung gewinnen. Die Künstlerin lädt dazu ein, Routinen zu unterbrechen und die Stadt als einen Ort zu erleben, der sich ständig verändert – durch Erinnerungen, Begegnungen und die Menschen, die ihn nutzen. Das klingt zunächst theoretisch, entfaltet aber gerade im Alltag seine Wirkung. Denn viele der Arbeiten entstehen dort, wo Menschen ohnehin unterwegs sind: auf Märkten, an Straßen oder in öffentlichen Einrichtungen. Kunst wird damit nicht zum abgeschlossenen Ereignis hinter Museumsmauern, sondern begegnet Passanten unvermittelt. Die Grenze zwischen Publikum und Werk verschwimmt.
Ein Beispiel dafür sind die Performances „Kostbare Erde“ und „Grund und Boden“, die am Sonnabend, 18. Juli, von 10 bis 14 Uhr am Hohen Ufer während des Altstadtflohmarkts stattfinden. Erde wird dort nicht als Material für Pflanzen verwendet, sondern als Ausgangspunkt für Gespräche. Die Künstlerin verteilt Boden, den sie zuvor an unterschiedlichen Orten Hannovers gesammelt hat – unter anderem in den Herrenhäuser Gärten, der Eilenriede, am Maschsee, am Rathaus, im Maschpark und an der Agentur für Arbeit. Aus dem scheinbar einfachen Material entwickeln sich Fragen nach Natur, Eigentum, Zugehörigkeit und den Lebensgrundlagen einer Stadt. Wer stehen bleibt, wird Teil der Arbeit.
Diese Offenheit zieht sich durch das gesamte Projekt. Es geht nicht darum, komplizierte kunsttheoretische Konzepte zu verstehen. Vielmehr entstehen Situationen, in denen Gespräche, Beobachtungen oder zufällige Begegnungen selbst Teil der künstlerischen Erfahrung werden. Die Arbeiten leben davon, dass Menschen unterschiedlich auf sie reagieren. Jeder Blick verändert das Werk ein Stück weit.
Einen umfassenden Einstieg bietet das Sprengel Museum am Kurt-Schwitters-Platz. Dort ist bis Sonntag, 27. September, die Ausstellung zum Kunstpreis Hannes Malte Mahler – it is art® zu sehen. Vaziritabar erhielt die Auszeichnung für ihr Konzept, den Roten Faden nicht als touristischen Rundgang, sondern als künstlerisches Gerüst durch Hannover zu nutzen. Im Museum und im Stadtraum zeigt sie Installationen, Performances, Skulpturen, Sound- und Videoarbeiten. Wer sich einen geführten Zugang wünscht, kann am Mittwoch, 29. Juli, ab 10.15 Uhr an „Kunst am Tage“ teilnehmen. Unter dem Titel „Ein Band als Bühne“ stellt Gundi Doppelhammer Vaziritabars Interventionen entlang des Roten Fadens vor. Der Eintritt kostet 14 Euro, ermäßigt 6 Euro. Für die Führung kommen 3 Euro hinzu. Karten können unter ticket.sprengel-museum.de gebucht werden.
Eine zweite große Station ist das Museum Wilhelm Busch im Georgengarten. Dort läuft bis Sonntag, 27. September, die Ausstellung „BUSCH MEETS Farzane Vaziritabar“. Sie ist Teil einer Reihe, in der zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler mit dem Werk Wilhelm Buschs in Verbindung gebracht werden. Vaziritabar zeigt eigene Zeichnungen und Arbeiten, und dabei entstand ihr Beitrag nicht allein im Atelier. Während einer öffentlichen Aktion zeichnete sie Besucherinnen und Besucher und sprach mit ihnen über Liebe und Beziehungen. Die Gegenüberstellung macht sichtbar, wie unterschiedlich und zugleich verwandt beide mit zwischenmenschlichen Situationen umgehen. Bei Busch verdichten sich Konflikte, Missverständnisse und Nähe oft in wenigen Strichen. Vaziritabar nimmt ebenfalls Beziehungen in den Blick, arbeitet jedoch mit den Mitteln der Gegenwartskunst und bezieht Begegnungen mit dem Publikum unmittelbar ein. So entsteht keine klassische Gegenüberstellung zweier abgeschlossener Werke, sondern ein Dialog über Linien, Gesten und menschliches Verhalten.
Über das Museum hinaus setzt sich das Projekt in der Stadt fort. Bis Sonnabend, 4. Oktober, ist im Kiosk an der Karmarschstraße 40 die Cartoon-Serie „Nano Dialog“ zu sehen. Historische und gegenwärtige Persönlichkeiten Hannovers treffen darin in fiktiven Gesprächen auf Kinder. Geschichte erscheint so nicht als abgeschlossene Vergangenheit, sondern als lebendiger Dialog über die Gegenwart.