Im Mittelpunkt der Schwarz-Weiß-Fotografien stehen junge Menschen aus den Arbeitervierteln der nordirischen Hauptstadt Belfast. Binder begleitet ihren Alltag in einer Stadt, deren gesellschaftliche Verhältnisse noch immer von den Folgen des jahrzehntelangen Konflikts zwischen katholischen und protestantischen Bevölkerungsgruppen geprägt sind. Sogenannte Friedensmauern trennen bis heute zahlreiche Viertel voneinander. Neue Spannungen entstanden nach dem Brexit. Die lange Zeit kaum wahrnehmbare Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland erhielt wieder größere politische und wirtschaftliche Bedeutung. Besonders deutlich treffen die wirtschaftlichen Folgen des Brexits junge Menschen in sozial benachteiligten Stadtteilen. Gleichzeitig wird ein wachsender Rassismus sichtbar, der zuvor durch geringe Migration und die Konzentration auf den traditionellen konfessionellen Gegensatz überlagert worden sei.
Die Aufnahmen zeigen jedoch, dass soziale Probleme häufig schwerer wiegen als die religiösen und politischen Grenzen. Arbeitslosigkeit, Drogenabhängigkeit, Alkoholmissbrauch, Gewalt und fehlende Zukunftsaussichten bestimmen das Leben vieler Jugendlicher. Binder dokumentiert diese Lebenswirklichkeit ohne Beschönigung. Zugleich richtet er den Blick auf Freundschaften, persönliche Wünsche und alltägliche Begegnungen. Seine Bilder erzählen damit nicht nur von Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit, sondern auch von einer Generation, die sich den überlieferten Feindbildern nicht ohne Weiteres unterordnet.
Mit der Langzeitstudie verbindet Binder klassische Reportagefotografie mit einer eingehenden Beobachtung des gesellschaftlichen Wandels. Die Spuren der Konfliktgeschichte bleiben in seinen Bildern gegenwärtig, ohne die Porträtierten auf ihre Herkunft oder ihr Umfeld zu reduzieren. So entsteht ein vielschichtiges Bild einer Jugend, die zwischen historischem Erbe, wirtschaftlicher Unsicherheit und neuen gesellschaftlichen Gegensätzen nach eigenen Wegen sucht.