Gärtnern mit der Natur
Hausmittel liegen im Trend, auch im Beet. Doch Fachleute warnen: Nicht alles, was natürlich wirkt, ist sinnvoll. Manchmal ist es sogar gefährlich. Was nützen Kaffee, Milch und Zigaretten im Garten?

Nicht eindeutig belegt:Die Wirkung einiger Haus-mittel wie etwa Knoblauchoder Zwiebeln auf Garten-pflanzen ist wissenschaftlich schwierig nachzuweisen. Foto: IMAGO/Depositphotos

Etwas Kaffeesatz, ein Schuss Milch, eine Prise Salz, vielleicht noch etwas Knoblauch – und schon sollen Pflanzen besser wachsen. Tipps wie diese kursieren zu Tausenden im Internet, vor allem auf Social Media. Seit Jahren steigt die Nachfrage nach Produkten rund ums Gärtnern. Entsprechend groß ist das Interesse an einfachen und oft auch günstigen Lösungen.

Doch nicht alles, was natürlich ist, ist gleichzeitig auch sinnvoll für das Beet. „Salz gehört in den Kochtopf und nicht in den Garten“, sagt Nadja Krause von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Viele vermeintliche Hausmittel könnten Pflanzen, Böden und Umwelt demnach sogar schaden.

Ein Beispiel sind Anzuchttipps, die derzeit häufig online kursieren – etwa Pflanzen in Eierkartons oder Klopapierrollen vorzuziehen. Grundsätzlich funktioniere das zwar, erklärt Krause. Doch die Materialien bestehen aus Pappe und damit aus Holz und binden beim Zersetzen Stickstoff. Genau dieser Nährstoff fehlt dann den jungen Pflanzen, die in der Folge schlechter wachsen oder gelb werden. Wer solche Methoden nutzt, müsse deshalb deutlich früher nachdüngen als bei klassischen Anzuchtschalen, sagt Krause.

Auch andere vermeintlich einfache Lösungen haben Nachteile. Immer wieder wird etwa empfohlen, Salz gegen Schnecken oder Unkraut einzusetzen. Das sei jedoch keine gute Idee, betont die Gartenexpertin. Salz schädige demnach nicht nur die unerwünschten Pflanzen, sondern auch den Boden und das Bodenleben. Ähnlich problematisch seien Asche oder Grillreste im Beet oder auf dem Kompost. Sie könnten Schwermetalle enthalten und gehörten daher nicht in den Garten, betont Krause.

Statt auf schnelle Tricks zu setzen, plädiert die Expertin für Vorbeugung. „Ich bin ein Freund davon, Probleme gar nicht erst entstehen zu lassen“, sagt sie. So könnten Kulturschutznetze etwa verhindern, dass Schädlinge an Kohlpflanzen gelangen – auch wenn sie in der Handhabung etwas aufwendiger sind. Ebenso wichtig seien ausreichende Pflanzabstände oder ein regelmäßiger Rückschnitt, etwa bei Obstgehölzen. Beides verbessere die Luftzirkulation, sodass Blätter schneller abtrocknen und Pilzkrankheiten weniger Chancen haben. Darüber hinaus empfiehlt Krause, gezielt Nützlinge in den Garten zu locken und auf Hygiene zu achten, etwa indem kranke Pflanzenteile entfernt und Werkzeuge sauber gehalten werden.

Doch wie steht es um die Klassiker unter den Internet-Hacks? Kaffeesatz etwa gilt als günstiger Dünger. Tatsächlich enthalte er Nährstoffe wie Stickstoff, Phosphor und Kalium, deren Gehalt jedoch stark schwanken könne, erklärt Krause. „Kaffeesatz ist eher eine Wundertüte – man weiß nicht genau, was drin ist.“ Die Werte seien uneinheitlich, weshalb man sich nicht auf eine gleichmäßige Wirkung verlassen könne. Zudem könne es bei falscher Anwendung schnell zu Schimmelbildung kommen. Wer Kaffeesatz nutzen möchte, sollte ihn daher gut trocknen, flach ausbringen und in die Erde einarbeiten. Große Wunder sollten Hobbygärtnerinnen und Hobbygärtner jedoch nicht erwarten. Im Zweifel sei Krause zufolge ein gezielter Dünger mit bekannten Nährstoffgehalten die bessere Wahl.

Auch Sebastian Daub, Vorstandsmitglied des Bundesverbands Einzelhandelsgärtner (BVE), hält den Effekt von Kaffeesatz für begrenzt. Kaffeesatz könne demnach zwar grundsätzlich als Dünger dienen, allerdings nur, wenn genügend Mikroorganismen vorhanden seien, die die Nährstoffe verfügbar machten. Dies sei „besonders relevant bei aktiven Substraten, etwa torffreien oder torfreduzierten Erden“, so Daub.

Bei Milch sieht es auf den ersten Blick anders aus. Sie sei in der EU als sogenannter Grundstoff gegen Mehltau zugelassen, erklärt Krause. Mehltau ist eine häufige Pilzerkrankung bei Pflanzen. Um diese zu behandeln, mache man sich die natürlichen Mikroorganismen in der Milch zunutze, die das Wachstum von Pilzen hemmen können. Allerdings gilt das nur eingeschränkt. Milch wirke vor allem vorbeugend und nur bei bestimmten Pflanzen wie Gurken, Zucchini oder Weinreben. Außerdem sollte sie nur bis zur Blüte eingesetzt werden, so Krause. Auch die Art der Milch spiele eine Rolle. Roh- oder Frischmilch könne wirken, während ultrahocherhitzte Milch keinen Effekt habe.

Als Hausmittel gegen Mehltau wird im Internet häufiger auch Backpulver empfohlen. Daub zufolge kann dies „gut funktionieren“, müsse dann aber regelmäßig angewendet werden. Wichtig: „Der Pilz muss direkt benetzt werden, da die Wirkung nicht systemisch ist“, so der Experte. Er empfiehlt etwa ein Gramm Backpulver pro Liter Wasser sowie zwei- bis dreimaliges Einsprühen der Pflanze.

Bei Knoblauch oder Zwiebeln ist die Lage weniger eindeutig. Zwar seien bestimmte Zwiebelextrakte als sogenannte Grundstoffe gelistet und könnten etwa Schädlinge abschrecken oder pilzhemmend wirken, sagt Krause. Knoblauch selbst sei jedoch nicht als Pflanzenschutzmittel zugelassen. Seine Wirkung werde eher im Zusammenspiel mit anderen Pflanzen vermutet – etwa in Mischkulturen, die die Ausbreitung von Krankheiten erschweren und gleichzeitig mehr Nützlinge anziehen. Viele Effekte seien wissenschaftlich nicht eindeutig belegt. Dennoch wird Knoblauch häufig als Hausmittel gegen Schädlinge eingesetzt. Daub zufolge ist dabei vor allem die Duftwirkung interessant, insbesondere gegen Blattläuse. Einen Befall könne Knoblauch jedoch nicht zuverlässig bekämpfen, sondern allenfalls verzögern, so der Experte. Eine Anwendung sei etwa einmal pro Woche sinnvoll.

Besonders kritisch sieht Krause andere im Netz kursierenden Tipps. „Ganz bedenklich finde ich Empfehlungen zum Ansetzen von Pflanzenschutzbrühen aus Zigarettenstummeln“, sagt Krause. Das enthaltene Nikotin sei ein starkes Nervengift – gefährlich für Umwelt und Menschen und zudem rechtlich nicht zulässig.

Warum halten sich solche einfachen Tricks so hartnäckig – obwohl manches nicht funktioniert und anderes sogar schadet? Krause sieht darin vor allem den Wunsch nach natürlichen Lösungen. Viele Menschen wollen bewusst auf chemische Mittel verzichten und greifen daher zu vermeintlich harmlosen Alternativen. Doch das kann trügen: „Nicht alles, was in der Natur vorkommt, ist automatisch unproblematisch“, sagt sie. Auch natürliche Stoffe könnten giftig sein – entscheidend sei immer die richtige Dosierung.

Ein weiterer Fehler sei es Krause zufolge, ungeprüft auf vermeintliche Expertentipps zu vertrauen. Gerade im Internet kursierten viele Empfehlungen, die fachlich oder rechtlich nicht korrekt seien, so die Expertin. Stattdessen lohne es sich, genauer hinzuschauen und den Garten langfristig zu denken.

Denn am Ende ist es oft weniger der einzelne Trick, der über Erfolg oder Misserfolg entscheidet, sondern das große Ganze. Krause empfiehlt deshalb, Pflanzen immer passend zum Standort auszuwählen - also abhängig von Boden, Klima, Licht und Wasserverfügbarkeit. „Es sollte das Motto gelten: Gärtnern mit der Natur und nicht gegen sie.“

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