Das Haus der Maschsee-Krokodile
Sie lauern in einem Vorgarten an der Lindemannallee: Die Skulpturen waren 1937 für das Maschseeufer gedacht

„Die Krokodile liegen bei uns im Garten eigentlich ganz gut“: Hausbesitzerin Antonia Ahrens mit den Steinkrokodilen an der Lindemannallee.Foto: Ilona Hottmann
Hannover. Wie stumme Wächter liegen sie da. Es ist nicht ganz klar, ob sie nun freundlich lächeln oder grimmig die Zähne zeigen. Etwa drei Meter messen die steinernen Krokodile, die zwischen den Büschen auf Beute zu lauern scheinen. Der Vorgarten des Hochhauses an der Lindemannallee 19 ist ihr Revier. Ein Echsenkessel.

„Als Kind bin ich immer gerne auf ihnen geritten“, sagt Antonia Ahrens. Die 51-Jährige, die ansonsten keine Haustiere hat, ist gewissermaßen das Frauchen der Reptilien. Vermutlich im Spätsommer 1973, ein Jahr, ehe sie selbst zur Welt kam, hievte ein Kran die Skulpturen in den Garten des Hochhauses, das ihr Vater Erich Cordes 1968 hatte bauen lassen

„Meine Eltern hatten einfach Freude an Kunst“, sagt die heutige Besitzerin des Gebäudes. Obwohl Erich Cordes und seine Frau Elke Jacobi-Cordes schon seit Jahren verstorben sind, bewacht bis heute eine Löwenskulptur die Auffahrt zum Hochhaus. Und im Garten finden sich Säulen und Steinfragmente aus der Garnisonkirche am Goetheplatz, die 1960 gegen vehemente Proteste abgerissen worden war.

Der größte Blickfang hier sind jedoch die steinernen Echsen. „Bei mir kam schon Post an, die an ‚Lindemannallee, Haus der Krokodile‘ adressiert war“, sagt der 82-jährige Bruno Ziezold, der seit 1972 in dem Hochhaus wohnt.

Als die Krokodile hierher zogen, hatten sie schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel – und eine Geschichte, die weit in die NS-Zeit zurückreicht. „Die Skulpturen waren ursprünglich für den Maschsee bestimmt“, sagt Antonia Ahrens.

Eigentlich hätten die Krokodile ihren Platz an der heutigen Löwenbastion finden sollen – ein passendes Biotop für die Wassertiere. Doch dazu kam es nicht: Weil die martialischen Löwen von Hitlers Lieblingsbildhauer Arno Breker den Zuschlag erhielten, liegen die Echsen heute in ihrem Garten auf der Bult – und der Maschsee ist um eine Krokodilbastion ärmer.

Erschaffen hat die Krokodile der heute fast vergessene Bildhauer Peter Schumacher. Der Künstler, geboren 1864 in Aachen, hatte unter anderem auch die Fassade der heutigen IGS Linden und einige Friese für das Neue Rathaus gestaltet.

Mit seiner Frau lebte Schumacher, der vermutlich 1943 starb, lange im heutigen Wildermuthweg (damals Emilienstraße) in der Südstadt – und damit unweit des künstlichen neuen Sees, der 1936 auf den Maschwiesen entstand.

Vermutlich im Herbst jenes Jahres hatte Oberbürgermeister Arthur Menge einen Kunstwettbewerb für die heutige Löwenbastion ausgerufen. „Gefordert waren zwei Wappentiere, keine realistischen Darstellungen“, sagt der Kunsthistoriker Thomas Pavel vom Berliner Georg-Kolbe-Museum, der sich intensiv mit der Maschseekunst beschäftigt hat. „Einige Künstler verstanden darunter den welfischen Löwen.“

Nach den Wettbewerben für die „Schmucksäule“ am Nordufer, den der Fackelträger des Bildhauers Hermann Scheuernstuhl gewann, und für die Geibelbastion, bei der Georg Kolbes Menschenpaar den Zuschlag bekam, war dies der dritte und letzte Wettbewerb für die Gestaltung des Seeufers mit Skulpturen. Mitte April 1937 beugten die Mitglieder der Jury, der nach Pavels Einschätzung auch die Künstler Scheuernstuhl und Kolbe angehört haben dürften, ihre Köpfe über die insgesamt neun eingegangenen Vorschläge. Neben dem Krokodilsschöpfer Schumacher hatten auch Künstler wie Fritz von Graevenitz, Philipp Harth und Georg Herting Entwürfe für das Seeufer eingereicht.

Den Zuschlag bekamen jedoch die Löwen von Arno Breker, die dann 1938 aufgestellt wurden. Breker ist heute vor allem als Künstler verschrien, der wie kaum ein anderer mit seinen martialischen Skulpturen von nackten, germanischen Muskelkörpern der NS-Ideologie eine steinerne Gestalt gab.

„Damals war er aber bei weitem noch nicht so bekannt wie in späteren Jahren, in denen er zum ‚Lieblingsbildhauer des Führers‘ avancierte und als ‚Staatsbildhauer des Dritten Reiches‘ eine Vielzahl von staatlichen Großaufträgen in einem fabrikartigen Atelierbetrieb abarbeitete“, sagt Kunsthistoriker Pavel.

Dennoch hatten Brekers Löwen die Krokodile ausgebootet, die nach Schumachers Plänen wie im alten Ägypten das Wasser hätten bewachen sollen. Sämtliche Entwürfe wurden allerdings vom 19. April 1937 an eine Woche lang in der Halle des Neuen Rathauses ausgestellt. Und vermutlich fanden Schumachers Krokodile bei dieser Gelegenheit einen Fan.

Georg Greiser, der kunstsinnige Eigentümer einer Mineralölgesellschaft bei Uetze, wurde auf sie aufmerksam. „Es ärgerte meinen Vater sehr, dass die Entscheidung für die Löwen ausgefallen war – er war überzeugt, dass an den See Krokodile gehört hätten“, sagt dessen Tochter Sigrid Greiser-Katsouros, die heute 82 Jahre alt ist und in Hannover lebt.

Ihr Vater, der Ölunternehmer, war auch ein Pionier in Sachen Gartenbau. Georg Greiser betrieb ökologische Landwirtschaft, ehe es einen Begriff dafür gab. Und der kunstinteressierte Industrielle sorgte dafür, dass Bildhauer Schumacher seine Echsen doch noch realisieren konnte.

„Mein Vater ließ die Krokodile auf eigene Kosten auf dem Fabrikgelände in Dollbergen aus zwei großen Steinblöcken hauen“, erinnert sich Greisers Tochter. Es gibt Fotos, die die noch unbearbeiteten, rohen Sandsteinblöcke auf zwei Sockeln am Ufer eines pittoresken Teiches zeigen. Beschriftet sind die Aufnahmen mit der Jahreszahl 1941. Die Krokodile wären demnach deutlich jünger als die Löwen vom Maschsee.

Einige Jahre nach dem Krieg zog Greiser nach Uetze, in ein Anwesen an der Peiner Straße. Dort legte er einen großzügigen Garten mit Wasserspielen und Steinskulpturen an. Als er die neu gebaute Villa bezog, seien auch die Krokodile mit umgezogen, sagt Kunsthistoriker Pavel: „Sie wurden dort Teil eines von Georg Greiser angelegten Skulpturengartens.“

Dann verkaufte die Familie Greiser das Gebäude 1963 an die Gemeinde, die es lange als Rathaus nutzte. Für die Kunstwerke hatte diese keine Verwendung. Und so wechselten auch die Echsen einige Zeit, nachdem Georg Greiser 1965 gestorben war, den Besitzer – und zogen zum vorerst letzten Mal um. Erich Cordes erwarb sie von Greisers Erben für den Vorgarten seines Hochhauses an der Lindemannallee, wo sie bis heute stehen. Es heißt, der Transport der Kolosse soll fast ebenso teuer gewesen sein wie der Kaufpreis.

Immer wieder gibt es um die Löwenbastion – wie auch um andere vermeintlich NS-belastete Kunstwerke am Maschsee – Diskussionen. Doch selbst, wenn Brekers Großkatzen irgendwann abgeräumt werden sollten, würde Antonia Ahrens ihre Krokodile nicht hergeben, um die Lücke zu schließen „Für die Löwenbastion wären sie in meinen Augen einfach zu flach, und außerdem gehören sie mittlerweile fest zu unserem Haus“, sagt sie. „Die Krokodile liegen bei uns im Garten eigentlich ganz gut.“





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