Hoffnung und Erinnerung
Zeitgenössische Musik: Das Klangbrücken-Festival lädt zum Abschluss zu Konzerten bei freiem Eintritt ein

Musik als Brückenbauer: Das Ensemble Tedesco mit Bodil Mohlund (Klarinette und Saxophon) und Sabine Angela Lauer (Violoncello) präsentiert in der Rampe das Konzert „Komponieren im Exil“.Foto: privat
Hannover. Zum Abschluss des Klangbrücken-Festivals sind an diesem Wochenende drei Formate zeitgenössischer Musik zu erleben, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit amerikanisch geprägten Klangwelten auseinandersetzen. Im Zentrum steht dabei ein Spannungsfeld zwischen künstlerischer Freiheit, historischer Erfahrung und gegenwärtiger Verunsicherung – verdichtet in Konzerten, die bewusst unterschiedliche Zugänge wählen.

Im Marschnersaal der Staatsoper Hannover entsteht am Sonnabend, 18. April, ab 12 Uhr mit „Brief an die Amerikaner“ eine vielschichtige Verbindung von Literatur und Musik. Ausgangspunkt ist ein Text von Jean Cocteau, der als Reflexion über die Vereinigten Staaten gelesen werden kann und in der aktuellen Situation neue Resonanzräume öffnet. Das Ensemble Megaphon entwickelt daraus eine Collage, in der Sprache, Klang und mehrere eigens entstandene Kompositionen ineinandergreifen. Werke von Tatjana Prelevic, Arsalan Abedian, Marijana Janevska und Lenka Župková stehen neben einer Komposition von Philip Glass. Zwischen Lesepassagen und musikalischen Setzungen entsteht ein Dialog, der historische Perspektiven mit gegenwärtigen Fragen nach kultureller Identität und Verantwortung verschränkt. Mitwirkende sind unter anderem Lenka Župková, Tatjana Prelevic, Christiane Ostermayer, Klaus Angermann und Andre Bartetzki. Der Eintritt basiert auf dem Prinzip „Zahle, was du kannst“.

Am Sonnabend, 18. April, ab 19 Uhr verlagert sich der Fokus im Stadtteilzentrum Lister Turm auf eine reduzierte kammermusikalische Konstellation. „Across the Silence“ bringt mit Anna Szulc an der Viola und Johannes Nies am Klavier Werke von Elliott Carter, Caroline Shaw, John Cage und Libby Larsen zusammen. Die Auswahl folgt keiner stilistischen Einheit, sondern legt Differenzen offen: strukturelle Präzision bei Carter, fragile Klangflächen bei Shaw, kontemplative Ruhe bei Cage und eine offen gestaltete Form bei Larsen. Die Konzentration auf zwei Instrumente schärft den Blick für klangliche Übergänge, für Resonanz und für jene Momente, in denen Stille selbst zur formbildenden Größe wird. Der Eintritt ist frei.

Am Sonntag, 19. April, ab 17 Uhr richtet das Konzert „Komponieren im Exil“ in der RAMPE, Gerhardtstraße 3, den Blick auf biografische Brüche und ihre musikalischen Spuren. Das Ensemble Tedesco stellt Werke vor, die unter dem Eindruck von Flucht und Migration entstanden sind oder diese Erfahrungen reflektieren. Paul Hindemith, dessen Musik im nationalsozialistischen Deutschland verfemt war, steht dabei neben Ruth Schonthal, die als junge Komponistin emigrieren musste. Ergänzt wird das Programm durch Kompositionen von Terry Riley, Ofer Ben-Amots und Germaine Tailleferre. Auch George Speckerts „American Freedom“, für das Ensemble geschrieben, fügt sich in diesen Zusammenhang ein. Die Besetzung mit Klarinette, Saxophon und Violoncello eröffnet dabei ein breites Spektrum zwischen kammermusikalischer Intimität und stilistischer Offenheit. Der Eintritt ist frei.

Das Klangbrücken-Festival ist seit 2014 als gemeinsame Plattform hannoverscher Institutionen wie dem Netzwerk Musik 21 Niedersachsen, der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, dem NDR sowie dem Kulturbüro der Landeshauptstadt angelegt. Ziel ist es, die Aktivitäten rund um zeitgenössische Musik zu bündeln und über mehrere Tage hinweg in unterschiedlichen Formaten sichtbar zu machen.

Das diesjährige Motto „Free America“ ist politisch gelesen: Die Veranstalter verweisen auf Angriffe auf rechtsstaatliche Strukturen, auf Einschränkungen von Meinungsfreiheit und wachsende gesellschaftliche Spaltung in den USA – Entwicklungen, die als Bewegung in Richtung Faschismus interpretiert werden können. Dem setzt das Festival bewusst die Erinnerung an ein anderes Amerika entgegen: an ein Land, das über Jahrzehnte künstlerische Freiheit, Diversität und teils radikale ästhetische Erneuerung ermöglicht hat. Die Konzerte greifen diese Spannung auf – als künstlerische Reaktion auf eine Gegenwart, die nicht folgenlos bleibt, als Hoffnung auf eine noch nicht verlorene Freiheit und als Einladung, die Rolle von Musik in politischen Umbrüchen neu zu befragen. RED

Nähere Informationen:

klangbrueckenfestival.de

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