Am Holzmarkt stehen die Leute Schlange in „Gottfried’s Feinkiosk“. Manch einer holt sich zielstrebig sein Lieblingsbier oder eine von zahllosen Limosorten aus dem Kühlschrank, um sich dann wieder einzureihen. Selbstbedienung, das gehört zur schnörkellosen Kioskkultur. Genauso wie die zivilen Preise.
Draußen: Lässiges Herumsitzen in Nischen an der Hauswand, an Tischchen oder am Wunschbrunnen. Immer da, wo die Sonne gerade hinscheint. Das „Gottfried’s“ punktet obendrein mit herausragendem Kaffee, Tee und Matcha. Iva Ajtic und Predrag Cuk zieht es deshalb häufig aus der Oststadt hierher. Heute haben beide ihre Tassen längst geleert. Und können sich doch nicht lösen.
„Hier habe ich Sonne. Und Wasser in der Nähe, das gibt einen fast mediterranen Touch“, schwärmt Iva. Zu den Stammkunden zählt sich auch Sabine Richtmann. „Ich liebe diesen Ort. Es gibt immer was zu gucken. Und jeder ist hier willkommen.“
Ausgedacht hat sich den Kiosk, der mit Größe und Sortiment eher einem Tante-Emma-Laden gleicht, Hüseyin Erhan. Er lebt selbst in der Altstadt und vermisste eine Möglichkeit, sich schnell mal eben ein Getränk zu holen. „Ein Kiosk, das stärkt den Kiez-Charakter und die Nachbarschaft“, meint der Geschäftsmann, der inzwischen auch ein Café in Linden betreibt.
2019 eröffnete Erhan mit Schwester und Mitstreitern das „Gottfried’s“, benannt nach Hannovers Universalgelehrtem Gottfried Wilhelm Leibniz. Was er damit auslösen würde, ahnte Erhan nicht.
Der schmucke Holzmarkt hat sich seitdem zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt. Für Südstädter und Lindener, Vinnhorster und Ricklinger. Die Altstadt liegt schließlich zentral, das musste mancher nur erst wieder neu entdecken. Bunte Tüten und lokale Biersorten: Das kommt auch bei Touristen an. Und im Frühjahr stellt die Stadt obendrein eine Tischtennisplatte auf den Platz, das Zubehör geben die Leute vom Kiosk aus.
Manche Kioskkunden ziehen mit oder ohne Getränk dann weiter zum Fluss. Denn auf den Mauern über der Leine sammelt sich die Sonnenwärme besonders gut. Außerdem lockt dort seit 2023 ein besonderes Spektakel Schaulustige an. Und das an nahezu jedem Tag im Jahr.
Unten auf dem Fluss stellen Surferinnen und Surfer mitten in der Stadt ihre Balancekünste zur Schau. Die stehende Welle, die sie nutzen, entsteht mithilfe einer hydraulischen Steuerungsanlage. Durch die Winterschmelze kommt jetzt besonders viel Wasser den Fluss herunter. „Die Welle ist dadurch extraschön und wir haben einen richtig guten Stand“, berichtet Andrea Wittenberg vom Verein Leinewelle.
Dass sich Zuschauer am Ufer sammeln, spornt die Surfer an. „Die Community ist cool. Und es ist ein Punkt entstanden, wo Leute zusammenkommen“, sagt etwa Johanna. Die 29-Jährige will, mit ihrem Brett ans Rad geschnallt, gerade nach Hause radeln. Im Sommer sieht man in Hannover gelegentlich auch Radfahrer in Badeponcho mit Surfbrett unterm Arm.
Die großen Caféterrassen am Hohen Ufer: voll besetzt. Die Stadt hatte dort vor einigen Jahren die Neugestaltung vorangetrieben. Die Freunde Robin und Stanley lassen die Cafés links liegen. Sie zieht es eher zum Snackladen „Farina Spritz“ oder abends in eine der Bars. Die Surfer seien ein nettes Extra, meint Robin, von Beruf Medizinischer Technologe für Radiologie.
„Die Altstadt an sich mit ihren alten Gebäuden ist sehr schön“, sagt der 24-Jährige. Auch Stanley aus Linden lobt das Ambiente. Ob „Viet Kafe“ oder „Donner Littjen“: Überall sitzen junge Leute.
Natürlich auch im Herzen des Viertels, auf dem Ballhofplatz, der mit Tischchen und Liegestühlen übersät ist. Heute nicht mehr vorstellbar: Vor Jahrzehnten parkte man sein Auto hier, an Flanieren und müßiges In-die-Sonne-Blinzeln war nicht zu denken.
Am Teestübchen mit seiner weinberankten Fassade warten die Leute sogar auf einen Platz. Warum sie es lieben? Mariama und Marcia überbieten sich gegenseitig beim Aufzählen von Gründen: der beste Kuchen der Stadt. Besonders der Carrot Cake. Und der Apfelkuchen. Und die Location! „Es ist einfach wunderschön und einzigartig hier“, fasst Marcia zusammen. Ihre Begleiter Dennis und Nils stimmen ein: Ein langjähriges Familienunternehmen, das sei etwas Besonderes. Tatsächlich führt Josephine Bohnecke das Teestübchen in dritter Generation. Ihr umtriebiger Vater Günther Bohnecke hatte im Schwung der Sechziger- und Siebzigerjahre einiges in der Altstadt ganz neu angeschoben. Den Staffelstab als Pionier haben jetzt andere übernommen.Ein paar Schritte weiter zelebrieren Dominika und Mark Rozum eine Auszeit vom Alltag mit Weißwein und liebevoll arrangierten Häppchen. „Wie in Klein-Paris“, schwärmt er. Das Paar sitzt vor der Weinhandlung „Next Generation“, die die Französin Isabelle Kutzner mit ihrem Sohn Pierre Morzinkowski betreibt.Andere Gäste haben Bistrotisch und Stühle auf die Sonnenseite der Straße geschleppt. Lieblingsplätze gibt es hier viele.