„Ich möchte Theater für alle machen“
Lena Brasch ist eine der wichtigsten jungen Regisseurinnen. Nun inszeniert sie zum
zweiten Mal in dieser Spielzeit am Schauspiel Hannover. „Gewässer im Ziplock“ heißt das neue Stück.

Klarsichtig: Regisseurin Lena Brasch hinter den Kulissen von „Gewässer im Ziplock“ im hannoverschen Ballhof.Foto: Jörg Brüggemann / Ostkreuz
Hannover. Das Bühnenbild zeigt einen Flughafen, einen Transitraum. Das passt zu dem Stück, das darin spielen wird: „Gewässer im Ziplock“ über eine 15-jährige deutsche Jüdin zwischen den Welten ihrer Herkunft. Es passt aber auch zu der Regisseurin: Lena Brasch, gerade einmal 33 Jahre alt und schon eine der wichtigsten Theatermacherinnen des Landes. Dabei hebt ihre Karriere jetzt erst richtig ab.

Sie habe nie einen Plan B gehabt, sagt sie beim Gespräch im hannoverschen Ballhof, in dem „Gewässer im Ziplock“ am 20. Februar Premiere feierte. Ihr Lebensweg war ihr wohl auch ein Stück weit vorbestimmt: Lena Brasch kommt aus einer der großen Linksintellektuellen-Familien Ost-Berlins.

Ihr Großvater war der DDR-Kulturpolitiker Horst Brasch. Ihre Eltern sind die Journalistin und Schriftstellerin Marion Brasch und der Radiomoderator, Kulturwissenschaftler und Theaterregisseur Jürgen Kuttner. Sie ist Nichte der Schriftsteller Peter und Thomas Brasch und Halbschwester der Autorin und Moderatorin Sarah Kuttner.

„Ich habe mit 15, 16 das erste Mal hospitiert am Deutschen Theater hospitiert“, sagt sie. „Da habe ich Blut geleckt und alle Theater in Berlin abgeklappert, habe zum Teil in den Kantinen gearbeitet, aber auch weiter hospitiert und irgendwann assistiert.“ Zehn Jahre lang war sie Regieassistentin an verschiedenen Häusern, zwischendurch noch vier Jahre lang Literaturagentin, denn: „Ich hatte zwischendurch so die Nase voll vom Theater, wollte aber unbedingt weiter etwas mit Texten machen.“ Doch die Liebe zur Bühne überwog letztlich.

Am 7. Januar 2022, einen Tag nach ihrem 29. Geburtstag, hatte am Berliner Ensemble ihr Regiedebüt „It’s Britney, Bitch!“ Uraufführung. Das Solo für die Schauspielerin Sina Martens wurde ein gewaltiger Erfolg bei Publikum und Kritik, wurde zum Festival „Radikal jung“ eingeladen und inzwischen weit mehr als 120-mal gezeigt.

In Hannover brachte sie in dieser Spielzeit bereits Sibylle Bergs „Ein wenig Licht. Und diese Ruhe“ mit Katja Riemann auf die Bühne. Wegen der großen Nachfrage zog das Stück unlängst aus der Nebenspielstätte der Cumberlandschen Galerie ins Schauspielhaus um; es war immer ausverkauft. Das Spiel und der Prominentenbonus Riemanns dürften mitverantwortlich sein für den Erfolg.

Aber erst Braschs pointierte Inszenierung rhythmisiert das Berg’sche nihilistische Textungetüm und macht es verständlich und erträglich. „Ich möchte Theater für alle machen“, sagt sie.

Lena Brasch ist Jüdin. Am Berliner Maxim Gorki Theater inszenierte sie Michel Friedmans „Fremd“ und „East Side Story – A German Jewsical“. An dem Haus lernte sie auch Valerie Göhring und Mira Gebhardt kennen, die inzwischen als Chefdramaturgin und Dramaturgin am Schauspiel Hannover arbeiten. So kam der Kontakt zustande.

Göhring und Cathrin Rose, Leiterin des Jungen Schauspiels Hannovers, trugen „Gewässer im Ziplock“ nach dem Roman von Dana Vowinckel an sie heran. „Ich kannte das Buch noch nicht, aber ich wusste, ich kann Dana und ihrem Text vertrauen“, sagt Brasch. „Und ich habe auch Cathrin und Valerie vertraut, dass sie mir einen Text zutragen, der passen könnte. Deswegen habe ich quasi blind zugesagt.“

Der Stoff erzählt von der 15-jährigen Margarita, die bei ihrem alleinerziehenden Vater, einem strenggläubigen Berliner Kantor, aufwächst. Haupthandlungsort ist Israel, wo sich Margarita mit ihrer entfremdeten US-amerikanischen Mutter trifft. „Es ist natürlich die Geschichte eines 15-jährigen Mädchens, das zwischen Identitäten hin und her wandelt: jüdischer Herkunft, deutscher Herkunft, gleichzeitig auch amerikanischer Herkunft. Zugleich versucht sie, sich in der Welt zurechtzufinden“, fasst es Brasch zusammen. „Es geht um die Frage, wohin mit sich, also um viele schwer auszuhaltende Zustände.“ Die Regisseurin schwärmt: „Dieser Roman ist wahnsinnig toll geschrieben. Er hat eine große Literarizität. Gleichzeitig ist man sofort in der Welt von Margarita.“

Die ersten Sätze auf der Bühne werden welche der letzten im Buch sein: Der Roman, heißt es da, „wurde vor dem Terror des 7. Oktober und dem darauffolgenden Krieg in Gaza und Israel geschrieben. Die Welt, in der er spielt, gibt es nicht mehr.“ Brasch sagt: „Das ist die Grundlage dieses Abends.“ Sie fügt hinzu: „Ich selbst habe nicht die Expertise, um einen Abend über Gaza zu machen. Das könnte ich gar nicht. Es müsste eine andere Regie und definitiv auch ein anderer Text sein.“

Es widerspräche auch der Arbeitsweise Braschs, die Vorlagen ernst nimmt und zugänglich macht. „Ich finde es wichtig, alles mitzudenken“, sagt sie. „Es muss nur nicht alles ausgesprochen oder bearbeitet werden.“

Info: Weitere Aufführungen von „Gewässer am Ziplock“ laufen am 12., 19. und 20. März.
Karten kosten 21 bis 28 Euro.

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