Wir sind die Roboter
Wenn KI mit Kunst kämpft: „Hamlet: R2D2 or not 2B2“ lotet im Schauspielhaus das Menschsein aus

Mensch und Maschine: Szenen aus "Hamlet: R2D2 or not 2B2".Foto: Tobias Kruse
Hannover. Hamlet trägt Schwarz, als einziger, betont er. Er setzt sich an den rechten Bühnenrand; das unterstreicht sein Gefühl von Einsamkeit und Depression, betont er. Er ballt die Faust, legt seinen Kopf darauf und stößt einen tiefen Seufzer aus. Das betone sein Elend, erklärt er. Dieser Hamlet war fleißig in seinem Staate Dänemark. Er hat seine Hausaufgaben, das Theater betreffend, gemacht, wie es Roboter, wie er einer ist, tun würden. Aber wird Theater daraus? Das ist eine der Fragen, die die Inszenierung „Hamlet: R2D2 or not 2B2“ im hannoverschen Schauspielhaus aufwirft.

Acht Roboter, gespielt von Menschen, machen sich daran, „Hamlet“, den vermuteten Gipfel der Theaterkunst, zu ergründen, indem sie ihn spielen, um Schmerz, Perversion und Vergnügen zu spüren. Es wird ihnen nicht gelingen. Dafür fehlt ihnen Entscheidendes: Menschlichkeit, Herz und Seele, die Fähigkeit, wirklich zu verstehen. Aber für das Publikum ist dieses Theater sehr lehrreich.

Der Abend ist eine Zusammenarbeit des Schauspiels Hannover mit der niederländischen Theatergruppe De Warme Winkel, die kollektiv arbeitet: Marieke De Zwaan, Rosie Sommers und Ward Weemhoff haben inszeniert und spielen neben Ensemblemitgliedern; die Endregie übernahm Bianca van der Schoot. Der überragende Byeongsu Lim als Hamlet fungierte auch als Choreograf und brachte den Spielenden den rechten Grad nur fast menschenähnlicher Bewegungsmuster bei.

Man lässt sich so gerne täuschen. Wer je in einer Steckdose ein Gesicht erkannte, weiß um den verzweifelten Drang, im Unbelebten ein achtes Gegenüber zu entdecken. Auch die Frage, ob es Menschen gelingen kann, ihrer Programmierung aus biologischer Hardware und sozialer Software zu entkommen, behandelt diese klug verspielte Inszenierung.

Allein: Am beseeltesten wirkt hier noch des Menschen Hamlets bester Freund, Roboterhund Horatio.

„Wie viele Hamlets gab es vor mir?“, heißt es einmal. Zu viele? Nicht genügend? Das ist nicht die Frage. Die Inszenierung ist sich der Gefahr, in Theaterkonventionen zu erstarren, allzeit bewusst und spielt mit ihnen. Königin Gertrude etwa (Marieke De Zwaan), schon von Shakespeare zum Werkzeug der Männer degradiert, wird hier zum gruseligen Sexroboter. Laertes, bezaubernd bräsig gespielt von Kilian Ponert, hat kaum anderes zu tun, als wieder und wieder seinen Aufbruch nach Frankreich anzukündigen. Und Ophelia (Meryem Öz) stürzt ständig in den Tod. Ist ja nur ein Spiel.

Im Hintergrund kurvt und spielt autonom ein Klavier – dem Tastenautomaten „Vergil“ aus der Inszenierung „Das neue Leben“ im selben Haus hat man für „Hamlet: R2D2 or not 2B2″ Beine gemacht. Eine Roboterfrau (Anne Stein) gibt im Vordergrund die Kulturliebhaberin und stapft wohlfeil faselnd mit Pappbecher von links nach rechts über die Bühne. Theater halte ja den Doktor in Schach – „und nebenher: schöne Schuhe“.

Schon das Bühnenbild (Theun Mosk) ist die Simulation einer Simulation: Es zeigt die Cumberlandsche Galerie, den kleinen Spielort nebenan. Nur führt das Treppenhaus hier ins Nirgendwo. Die ahistorischen Kostüme von Ginta Tinte Vasermane greifen wie das Stück gleichermaßen historische Aufführungspraxis wie Jahrhunderte der Rezeptionsgeschichte auf.

Was die Roboter nicht verstehen, ist des Wahnsinns Methode: Das Spiel im Spiel, das bei Shakespeare das ganze Ausmaß von Verrat und Verzweiflung offenlegt, spielen folgerichtig nicht sie, sondern echte Menschen aus dem Publikum. Das Metatheater dreht immer neue Runden und kreist letztlich um den Kern jedes Spiels: Sein oder nicht sein? Stellt sich überhaupt die Frage?

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