Sex in der Steinzeit
Das Wilhelm-Busch-Museum zeigt gleich vier Ausstellungen
von Comic-Künstlerinnen – darunter Werke von Ulli Lust, deren grandioses Buch
„Die Frau als Mensch“ die Steinzeit aus weiblicher Sicht neu entdeckt

„Die Frau als Mensch“: Ulli Lust im Wilhelm-Busch-Museum vor Bildern aus ihrem preisgekrönten Comic-Sachbuch.Foto: Nancy Heusel
Hannover. Die Idee sei ihr gekommen, als sie mit ihrem Enkel in der U-Bahn unterwegs gewesen sei, sagt sie. Das Kind bemerkte die Ritze zwischen Bahnsteigkante und Zug - und inspirierte die Künstlerin Anke Feuchtenberger so zu ihrem Bilderzyklus „Der Spalt“.

Eine Schlange kriecht darin bedrohlich aus einer Ritze. Menschen mit stumpfen Blicken sitzen vereinzelt an einem Tisch. Apathische Gesichter, düstere Szenerien. Der Spalt steht hier metaphorisch auch für gesellschaftliche Zerrissenheit und Entfremdung.

Das Wilhelm-Busch-Museum bietet jetzt tiefe Einblicke in den teils surrealen Kosmos von Anke Feuchtenberger, der „Grande Dame unter den Comiczeichnerinnen“, wie Museumsdirektorin Eva Jandl-Jörg sagt.

Oft umweht eine düstere Poesie die kraftvollen Kohlezeichnungen der Künstlerin, die 1963 in Ost-Berlin geboren wurde. Teils sind ihre Werke autobiografisch geprägt – etwa „Genossin Kuckuck“, das die Enge einer Kindheit in der DDR reflektiert. Dabei scheint Unbewusstes ans Licht zu drängen. „Oft habe ich das Gefühl, die Zeichnerin ist klüger als ich“, sagte Feuchtenberger bei der Präsentation der Ausstellung „Ich sehe was, was du nicht siehst!“.

Mit Geschlechtsrollen, Körperlichkeit und gesellschaftlichen Abgründen beschäftigen sich auch die Werke von Ulli Lust. Wie Anke Feuchtenberger zählt die gebürtige Österreicherin zu den prägenden Comiczeichnerinnen unserer Zeit. Dabei haben beide Künstlerinnen erst mit etwa 30 Jahren die Comickunst für sich entdeckt.

In ihrer Graphic Novel „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ erzählt Lust, deren Werke das Busch-Museum ebenfalls in einer eigenen Ausstellung zeigt, von einer Reise, die sie als unbedarfte 17-Jährige nach Italien unternahm – und die sie viel über die von Männern dominierte Welt lehrte. Eine Geschichte über Freiheit, Selbstbestimmung und Sexualität.

Z um Bestseller wurde auch Lusts Werk „Die Frau als Mensch“, das 2025 den Deutschen Sachbuchpreis erhielt. Der Band setzt ganz neue Maßstäbe, was den Comic als Medium der Wissenschaftsvermittlung anbelangt: Auf Grundlage archäologischer Erkenntnisse erzählt Lust, die als Professorin für illustrative Gestaltung an der Hochschule Hannover lehrt, die Geschichte der frühen Menschen. Dabei hinterfragt sie die üblichen Klischees von Geschlechterrollen.

Im Nachfolgeband „Die Frau als Mensch – Schamaninnen“ geht es ebenfalls um Jagd, Sex und Naturgewalten aus weiblicher Perspektive. Quintessenz: Nicht die (oft männliche) Gewalt, sondern die (oft weibliche) Fähigkeit zur Kooperation sicherten der steinzeitlichen Bevölkerung das Überleben.

Auch zwei weitere, kleinere Ausstellungen nehmen die Welt aus weiblicher Sicht in den Blick: Im Wilhelm-Busch-Kabinett, wo das Museum Werke seines Namenspatrons zeigt, präsentiert Michaela Konrad ihre Plakate im US-Comicstil. Es geht um Konsumkritik und um eine Ethik des Verzichts, um Landleben und Kindheitsszenen. Oft ergeben sich dabei überraschende Berührungspunkte mit den Werken Buschs.

Die Comickünstlerin Katharina Greve hat ganz wunderbare, kinderkompatible Mädchengeschichten erschaffen. Ihre „Mutter und Tochter“-Zeichnungen sind die weibliche Antwort auf die berühmten „Vater und Sohn”-Bildergeschichten von e.o. Plauen.

Ihre Comicheldin Prinzessin Petronia, die Mathe liebt und die Farbe Rosa hasst, ist die Cousine des Kleinen Prinzen. Anders als ihr Cousin setzt die rationale Prinzessin allerdings auf Logik statt auf Schwärmereien: „Mit der Lupe sieht man besser als mit dem Herzen.“ Eine sehr bodenständige Sicht der Dinge.

Das „Deutsche Museum für Karikatur und Zeichenkunst Wilhelm Busch” zeigt die Werke von Ulli Lust und Anke Feuchtenberger bis zum 14. Juni, die von Michaela Konrad bis zum 17. Mai und die von Katharina Greve bis zum 2. August.
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