Anreize statt Verbote?
Forschende aus Hannover untersuchen, unter welchen Bedingungen die Menschen ihr Verhalten in der Mobilität verändern

Forschen und setzen neue Erkenntnisse im Alltag um (von links): Stefanie Mittrach, Oskar Wage, Johanna Johannsen und Jonas Koch glauben an digitale und nachhaltige Mobilität.Foto: Katrin Kutter

Weniger Verbote, mehr Anreize und gern auch ein Wettstreit unter Teilnehmern: So lautet nach Einschätzung von Forschenden der Leibniz Universität (LUH) die Formel für eine erfolgreiche Mobilitätswende. Denn: „Menschen reagieren eher ablehnend auf Verbote“, sagt Oskar Wage, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Kartographie und Geoinformatik.

Deshalb testen Wage und ein interdisziplinäres Team von drei Hochschulen und vom Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften und Universitätsbibliothek (TIB) seit zwei Jahren andere Wege. Sie befragen rund 70.000 Studierende, Forschende und Beschäftigte der Verwaltungen und analysieren Ergebnisse. Für Wage geht es vor allem um die Frage: Wie lassen sich Fahrten effektiver gestalten?

Eine Möglichkeit, sagt Stephanie Mittrach, Leiterin des Green Office in der LUH und damit zuständig für das Themengebiet Nachhaltigkeit, sei das Carsharing. Also die Nutzung eines Fahrzeugpools, damit weniger Autos vorgehalten werden müssten.

Die andere Möglichkeit sei das sogenannte Ridepooling. Das organisiert und erforscht Wage mit der Initiative Fahrgemeinschaft. „Eigentlich“, sagt er, „möchte jeder Mensch nachhaltig sein.“ Doch äußere Zwänge wie die familiäre Situation mit Kita- und Schulkindern oder mit dem Wohnort sorgten dafür, dass längst nicht jede Familie in Stadt und Umland auf ein Auto verzichten könne.

Etwa jeder vierte Beschäftigte der vier Kooperationspartner nutze für den Arbeitsweg das eigene Fahrzeug, ergänzt Johanna Johannsen, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Soziologie. Jeder zweite kommt mit dem Fahrrad, jeder fünfte mit Bus und Bahn. Angesichts dieser Zahlen entwickelt Wage ein Konzept, wie sich Fahrgemeinschaften mit dem Ziel etablieren lassen, die Fahrten der Verwaltungsangestellten und der wissenschaftlichen Mitarbeiter mit dem eigenen Auto zu reduzieren.

Wage dockt mit seinem Projekt an eine bestehende App an, die die Fahrgemeinschaften aller Kooperationspartner filtert und organisiert. Der Verbund helfe in diesem Fall besonders: „Wir brauchen eine kritische Masse von Teilnehmenden, damit sich überhaupt Fahrgemeinschaften finden können.“ Je mehr Akteure, desto größer die Chance auf eine gemeinsame Tour.

Die zweite These: Mit Speck fängt man Mäuse, mit Anreizen also neue Interessierte für das Projekt. „Natürlich geht es um Nachhaltigkeit, wenn wir die Autofahrten verringern“, sagt Wage. Für jeden Einzelnen gehe es aber auch um eine Entlastung im Portemonnaie, wenn sich mehrere Teilnehmende die Kosten für Sprit teilen könnten. Doch richtig interessant werde es für so manchen erst dann, wenn er sein Auto plötzlich auf einem reservierten Parkplatz an der Universität oder TIB abstellen könne – nur weil er eben eine Fahrgemeinschaft bilde.

Das Prinzip, sagt Projektkoordinator Jonas Koch, orientiere sich an bekannten Stellplätzen für E-Autos oder Carsharing. In diesem Fall signalisieren die Schilder klar, dass die Reservierung nur für die Autos gilt, in denen sich mehrere Personen für eine Fahrgemeinschaft zusammengefunden haben. Ihnen stehen ausgewählte Parkplätze exklusiv und mit kurzen Wegen zur Verfügung.

Und die dritte These: Menschen schätzen den Wettstreit. Deshalb wirbt Wage nicht nur mit E-Mails oder Flyern für die Fahrgemeinschaften, sondern plant auch eine Siegerehrung für die Gruppen, die bis Weihnachten die meisten Kilometer gemeinsam zurückgelegt haben. Gamification – die Integration einer Spielidee – lautet das Schlagwort der Forschenden. Sie untersuchen anhand weiterer Umfragen, inwieweit Elemente wie Punkte, Ranglisten, Belohnungen und Levels zu einer Verhaltensänderung beitragen können.

Daran beteiligt sich auch das Institut für angewandte Informatik: Forschende untersuchen, ob sich Interessierte beispielsweise eher von einem Schrittzähler auf dem Handy oder Geräuschen im Kopfhörer zu mehr Bewegung motivieren lassen. Über die App „Bike Citizens“, die die Region Hannover kostenfrei zur Verfügung stellt, laufen Radfahr-Wettstreite unter wissenschaftlicher Begleitung.

Eine „Heatmap“ – also eine grafische Darstellung – zeigt zudem, welche Routen die Teilnehmenden bevorzugt oder gar nicht nutzen. Laut Projektkoordinator Koch erhalten Kommunen wie Hannover so eine Übersicht darüber, an welchen Stellen sie noch mehr Anreize für den Radverkehr schaffen können.

All die Zahlen, sagt Soziologin Johannsen, würden ergänzt mit standardisierten Umfragen, aber auch mit Interviews. Dabei gehe es explizit darum, die Motivation zu erfragen, weshalb jemand sein Verhalten ändert – und diese Daten dann auszuwerten. Als „lebende Labore“ bezeichnet die Green-Office-Chefin Stephanie Mittrach die Arbeit. „Letztlich“, sagt sie, „bekommen nicht nur Hochschulen, sondern auch Kommunen damit die Chance, Mobilität neu zu gestalten.“

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