Doch egal, worum es ging, immer war die Forscherin mit befristeten Verträgen an der Leibniz Universität Hannover beschäftigt. „Für viele Menschen ist das unattraktiv. Aber mich hat es viele Jahre nicht gestört“, sagt Pepelanova. Sie gab ihr Wissen gerne an Studierende weiter und motivierte sie zum kreativen Weiterdenken.
Alles änderte sich für die Wissenschaftlerin vor drei Jahren mit der Geburt ihres Kindes. „Mein Partner und ich haben lange darauf gewartet.“ Eine planbare Zukunft und ein verlässlicher Alltag wurden für das Paar unerlässlich. „Es ist jetzt wichtig, dass wir als Familie am selben Ort leben“, sagt Pepelanova. Auch ihr Partner ist hochqualifiziert. Dass beide entsprechende Arbeit in erreichbarer Nähe haben, ist schon an sich nicht selbstverständlich.
Pepelanova steht mit ihrer Entscheidung nicht allein. Vor allem Frauen geben ihre akademische Laufbahn auf, sobald die Familiengründung ansteht. Von einer „Leaky Pipeline“, einer leckenden Leitung, sprechen Fachleute: Je höher der Posten, desto mehr Forscherinnen gehen auf dem Weg dorthin verloren. Der Anteil der Professorinnen in Deutschland ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten zwar gestiegen. „Es bewegt sich, aber es geht langsam“, sagt Professorin Cornelia Lee-Thedieck, Leiterin des Instituts für Zellbiologie und Biophysik an der Leibniz Universität.
Die Biochemikerin Lee-Thedieck wünscht sich verbesserte Bedingungen für junge Wissenschaftlerinnen, die eine Familie gründen. Denn mit jeder Forscherin, die geht, verlieren die Hochschulen Wissen und hochspezialisierte Fähigkeiten. „Es ist bitter für den Forschungsstandort Hannover, ein echter Verlust, auch wenn natürlich Industriefirmen profitieren“, sagt die Professorin.
Zuletzt arbeitete Pepelanova im Forschungsverbund Matrix Evolution als Leiterin einer Projektgruppe. Wissenschaftlerinnen der Leibniz Universität und der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) entwickeln dort optimierte Biomaterialien, die als Ersatz für Gewebe und Organe dienen sollen. Speziell geht es um die Gerüststrukturen, in denen die Zellen sitzen. Die bisher verwandten Materialien bleiben hinter dem natürlich gewachsenen Gewebe noch weit zurück. Jede Verbesserung käme später betroffenen Patienten zugute.
Lee-Thedieck gehört selbst zu den leitenden Forscherinnen in dem Verbund. „Frau Pepelanova war die entscheidende Person in der Bausteinsynthese.“ Antonina Lavrentieva, ebenfalls Projektgruppenleiterin, bedauert den Weggang ihrer Kollegin. „Sie hatte viele Ideen, die noch weit in die Zukunft gereicht hätten.“ 53 Prozent der Studierenden, die bundesweit 2024 erfolgreich den Abschluss schafften, waren Frauen. Unter den Promovierten kommen Frauen noch auf einen Anteil von 46 Prozent, bei den Habilitationen liegen sie bei 36 Prozent. Professuren waren 2024 zu 29,7 Prozent von Frauen besetzt. In der höchsten Besoldungsgruppe lag ihr Anteil niedriger.
Tatsächlich erscheinen viele Bedingungen für eine Hochschulkarriere alles andere als familienfreundlich. In der Konkurrenz um eine Professur zählen Forschungsaufenthalte im Ausland, die Teilnahme an internationalen Konferenzen und ein Wechsel zwischen Hochschulen, um die eigenen Erfahrungen zu erweitern.
In der medizinisch-naturwissenschaftlichen Forschung kommen Nachtdienste in Klinik oder Labor hinzu. Experimente laufen über längere Zeiträume, Proben müssen rund um die Uhr genommen werden. „Bakterien warten nicht“, sagt Chemikerin Lavrentieva. Ihre Promotion mit kleinem Kind und später die Habilitation hätten nur geklappt, weil Vorgesetzte an der Leibniz Universität auf Notfälle immer flexibel reagiert hätten.
Es war nicht geplant, aber im Forschungsverbund Matrix Evolution leiten ausschließlich Frauen die Projektgruppen. Die meisten wurden seit 2018 berufen oder habilitiert. Diese Forscherinnen wollen andere Frauen trotz aller Herausforderungen zur Karriere ermutigen. „Alle haben ihre Erfahrungen gemacht, wie schwierig es ist, in der Wissenschaft zu bleiben, wenn die Kinder klein sind“, sagt Lee-Thedieck.
Klinikwechsel und einen Forschungsaufenthalt in den USA hatte Prof. Meike Stiesch bereits hinter sich, als sie ihre beiden Kinder bekam. „Ich bin danach seltener zu internationalen Konferenzen gefahren oder habe meine Kinder mitgenommen“, berichtet die Direktorin der MHH-Klinik für Zahnärztliche Prothetik und Biomedizinische Werkstoffkunde.
Was der Zahnmedizinerin besonders half: Die MHH bietet für Mitarbeiterkinder in ihren Betriebskitas eine Ganztagsbetreuung in der Nähe der Eltern. „Das war ganz hervorragend“, sagt Stiesch.
Lee-Thedieck dagegen hat auf Auslandsaufenthalte verzichtet, obwohl dies als „No-Go“ galt, wie die 46-Jährige sagt.
Dafür wechselte sie mehrmals Stadt und Forschungseinrichtung mit der Familie. Nach der ersten Geburt profitierte sie von einem Stipendium für junge Mütter in der Forschung. Mit dem Geld konnte sie Kinderbetreuung und Haushaltshilfe zahlen.
MHH und Leibniz Universität fördern mit verschiedenen Mitteln die Chancengleichheit. Vor der Mitarbeit in einer Berufungskommission durchlaufen die Teilnehmer etwa Schulungen, in denen sie sich über unbewusste Vorurteile klar werden sollen.
„Wenn man junge Frauen halten will, muss man Karrierewege jenseits der Norm zulassen“, betont Lee-Thedieck. Sie selbst setzte ihre Arbeitszeit mit Kind bald wieder hoch, weil ihre damalige Chefin zusicherte, dass sie bei Problemen reduzieren könne. Das gab Sicherheit. „Jetzt habe ich das Glück, dass mein Mann momentan beruflich zurücksteckt und den Haushalt stemmt.“
Lee-Thedieck profitierte damals in Baden-Württemberg von einem Programm für profilierte Frauen nach der Promotion. Ähnliches gibt es in anderen Ländern. Sie wollen damit hochqualifizierte Talente dauerhaft für die Wissenschaft gewinnen. Die Postdoc-Zeit gilt als kritische Phase, überproportional viele Frauen verlassen dann die Hochschulen.
In Niedersachsen fehlt ein solches Landesprogramm. Ein klarer Standortnachteil, meint Lee-Thedieck, denn die Mittel der Hochschulen seien begrenzt. „Wir haben so viele tolle junge Frauen hier. Wir investieren viel Zeit und Geld, und dann bleiben sie nicht.“