Staunen, Poesie und Humor
Eine große Aufgabe: Seit 100 Tagen ist Desimo künstlerischer Leiter des Kleinen Fests im Großen Garten

Desimo, der künstlerische Leiter des Kleinen Fests, und sein Berater Carsten Dapper (links).Foto: Jonas Dengler
Hannover. „Ich ahnte ja, dass es viel Arbeit werden wird”, sagt Detlef Simon alias Desimo. „Aber es ist noch mehr.“ Seit Anfang Februar ist er 100 Tage der neue künstlerische Leiter des Kleinen Fests im Großen Garten. Viel ist schon geschafft für die Neuausrichtung der renommierten Kleinkunstveranstaltung. Vieles ist noch zu schaffen.

Es ist ja nicht so, dass Desimo keine Erfahrung in dem Bereich hätte. Im Gegenteil, mit seiner Vorgeschichte gilt er für viele als Idealbesetzung. Seit Kindesbeinen ist er als Zauberkünstler, Entertainer und Moderator unterwegs. Seit bald 25 Jahren veranstaltet er mit seinem Spezial-Club selber erfolgreich Kleinkunst. Dennoch stand am Anfang seiner künstlerischen Leitung der städtischen Veranstaltung erst einmal ein Lernprozess für ihn als jemanden, der aus der freien Szene kommt. „Es ist wirklich eine andere Welt”, sagt Desimo.

Wenn man in der freien Szene einen Künstler buchen möchte, ruft man diesen an, schließt einen Vertrag und bucht eine Unterkunft. Bei der Stadt muss jedes Schriftstück durch mehrere Hände gehen, und eine Hotelbuchung muss ebenso ausgeschrieben werden wie die Aufträge auf dem Festivalgelände – vom Klohäuschen bis zu den technischen Dienstleistern.

„Wir haben zum Glück ein tolles Team, das teilweise aus der Stadtverwaltung kommt, teilweise aus der freien Szene”, sagt Desimo. „Wir müssen jetzt diesen Spagat leben.“ Der 59-Jährige hat sich Beratung geholt, seinen eigenen Manager, den Künstleragenten und Veranstalter Carsten Dapper aus Celle. Er ist Teil des Teams, Jobbeschreibung: „Leiter Festivalentwickung“, und sagt: „Wir wurden prima aufgenommen und haben ein Miteinander mit dem Team gefunden; dafür sind wir sehr dankbar.“

Der Auftrag ist eine Rettungsmission. Das Kleine Fest, 1986 erfunden und lange Jahre geleitet vom früheren Kulturdezernenten Harald Böhlmann, verzeichnete in den vergangenen zwei Jahren unter Böhlmanns Nachfolger Casper de Vries einen massiven Publikumsschwund. Desimo wurde sehr kurzfristig für seine jetzige Position verpflichtet.

„Die Aufgabe ist erst einmal, den Abwärtstrend zu stoppen“, sagt Desimo. „Im nächsten Jahr geht es darum, die Zuschauerzahl zu steigern. Und erst im übernächsten Jahr kann man sagen: Die eigene Handschrift ist da.“ Immerhin: Der Vorverkauf, der erstmals schon im Vorjahr und damit zum Weihnachtsgeschäft startete, ist gut angelaufen. Fast die Hälfte der Karten sind schon weg, erste Tage ausverkauft.

Das bedeutet auch einen Vertrauensvorschuss, denn noch sind nur wenige Acts bekannt gegeben worden: eine verzauberte Kutsche der Gruppe Italento, Puppenspieler Detlef Wutschik mit seiner Figur Werner Momsen, der Illustrator Claus Dorsch, die Gruppen Teatro Pavana und Traumtanztheater mit ihren Walkacts. Erst seit ein paar Tagen ist bekannt, dass auch der Blockflötenkomödiant Gabor Vosteen dabei sein wird.

Das Kleine Fest ist in diesem Jahr um eine Woche verkürzt und findet vom 2. bis 16. Juli in Herrenhausen statt – auch um nicht mit anderen Großveranstaltungen wie den Finals und dem Maschseefest konkurrieren zu müssen. Die Verkürzung generiert auch weniger Einnahmen. Dennoch wird es bei einer ähnlichen Größenordnung von Künstlerinnen und Künstlern bleiben, etwa 100. „Tatsächlich war der Gedanke, ein wenig kleiner zu werden”, sagt Desimo. „Das geht aber gar nicht, damit niemand bei Pausen auf den Bühnen ins Leere läuft.“ Wer genau alles auftreten wird, soll in Kürze bekannt gegeben werden.

Allerdings werde man „in diesem Jahr nicht ganz so international sein wie zuvor, einfach um ein paar Kosten zu sparen“, sagt Desimo. Er wolle das Erbe seiner beiden Vorgänger würdigen: „Wir wollen einerseits diejenigen erreichen, die wollen, dass das Kleine Fest so ist, wie sie es 37 Jahre lang kannten, andererseits aber auch diejenigen halten, die es die vergangenen zwei Jahre toll fanden.“

Von Böhlmann hat er sich zum Beispiel die internationale Begrüßung abgeguckt, die es wieder geben soll. Aus der Zeit von Casper de Vries kehrt die Fontänenbar zurück. Desimo sagt: „Ich habe allergrößten Respekt vor dem Lebenswerk von Harald Böhlmann, und ich habe auch größten Respekt davor, wie Casper de Vries Neuheiten eingebaut und das Fest künstlerisch auf ein anderes Tablett gelegt hat.“

Für 2026 gehe es jetzt vor allem um Details. Desimo zählt auf: „Die Wegeführung, wann geht wer wohin? Wo sind die Garderoben? Wer kann auch im Nieselregen spielen? Es ist noch wahnsinnig viel zu tun.“ Und Dapper sucht zur finanziellen Absicherung Sponsoren, ohne das Fest zu kommerzialisieren. „Dessen besonderer Charakter muss bewahrt werden.“

Und wie beschreiben die beiden diesen Charakter? „Was das Kleine Fest ausmacht, ist nicht mathematisch zu berechnen. Es ist ein Gefühl“, sagt Desimo. Dapper formuliert es so: „Am Ende geht es um das Zusammenkommen von Staunen, Poesie und Humor. Das ist die Essenz des Kleinen Fests, und für alles drei ist Desimo Experte.“

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