Mit Schirm, Charme – und Museum?
Hannover 96 gewährt einen „Blick ins Archiv“ – doch die beiden Archivare Christoph Lahner und Jannis Busse haben eine größere Vision.

Verschieden Plakate und Fanartikel aus den 1950er und 1960er Jahren.

Donnerstagabend, Niki-Passage unter dem Bahnhof. Vor einem länglichen Ladenlokal neben einem Nagelstudio drängeln sich Menschen, viele in Daunenjacken und Sneakern, vor einer ungewöhnlichen Fensterfront. Keine Waren sind hinter den Scheiben ausgestellt, es gibt auch kein Fastfood, sondern betagte Fotos, Plakate, sehr alte Handschuhe, eine Mütze und einen Schirm. Altes Zeug, sagen die einen. Für Jannis Busse und Christoph Lahner ist es ein echter Schatz.

Es geht um Hannover 96, und einen „Blick ins Archiv“, wie in großen Lettern über dem Fenstern steht. Busse und Lahner betreuen diesen Archivschatz, und zum 130-jährigen Jubiläum des hannoverschen Vorzeigeclubs soll hier bis zum Sommer „ein bisschen was“ ausgestellt werden, wie Vereinschef Sebastian Kramer drinnen verkündet.

Für die beiden Archivare ist das bisschen tatsächlich nur ein winziger Ausschnitt aus ihrem Repertoire, andererseits ist es eine ganze Menge, denn einen permanenten Schauraum dafür hat Hannover 96 nicht. Aber die Gelegenheit ist günstig, viele Leute sind bei dieser Eröffnung, ehemalige Spieler wie Jörg Sievers und Altin Lala, auch der wahlkämpfende Oberbürgermeister Belit Onay und sein Kontrahent, Stadtkämmerer Axel von der Ohe, lauschen fröstelnd. Und so nimmt Busse bei seiner kurzen Ansprache auch das entscheidende Wort in den Mund: „Museum“. Für ihn und Lahner ein Wunschtraum, eine Sehnsuchtsvorstellung. Viele Vereine haben einen solchen Ort, auch im Norden. Hannover 96 nicht.

Ortswechsel, ein fensterloser Keller im hannoverschen Norden. Busse und Lahner sitzen inmitten ihres Schatzes. Busse sagt: „Wir könnten zwei Museen füllen.“ Und Lahner ergänzt: „Im deutschsprachigen Raum müssen wir uns mit dem, was wir haben, vor keinem Verein verstecken.“ Die beiden haben das Archiv vor vier Jahren von Sebastian Kurbach übernommen, sie machen das nebenberuflich, aber „wir verbringen eigentlich jede freie Minute hier“.

In den Wandregalen der niedrigen, neonbeleuchteten Räume stapeln sich Ordner und Kisten mit Urkunden, Zeitungsausschnitten, Pokalen, Aufklebern, Fanartikeln. Auf Kleiderstangen hängen alte Trikots. Archivarbeit ist auch Sortierarbeit. Es gibt viel zu tun, hier im Verborgenen.

Große Aufmerksamkeit erregte im vergangenen Jahr ein elfminütiger Film vom Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1954, das Hannover 96 gegen den hoch favorisierten 1. FC Kaiserslautern um Fritz Walter mit 5:1 gewann. Der Film galt als verschollen, ein Händler bot ihn an, Busse ersteigerte ihn nachts mit seinem privaten Geld. Mittlerweile haben sie ihn schon mehrfach gezeigt, das Interesse war und ist riesig. Wie ohnehin das Interesse an Hannover 96 in der Stadt und im Umland nicht nur bei Heimspielen der Profimannschaft riesig ist.

Doch der Fanshop am Kröpcke ist vor ein paar Jahren aufgegeben worden. Im Fanshop am Stadion stehen in einer Vitrine die Repliken der Meisterschale und des DFB-Pokals, ansonsten geht der öffentliche Blick in die 96-Historie schon weit zurück zu Ausstellungen im Historischen Museum und in Burgdorf.

Mit der Schau unterm Bahnhof soll der Club nun für einen begrenzten Zeitraum wieder präsenter sein in der Stadt. Mitgliederwerbung, Table-Quiz, Vorträge, Sponsorentreffen drinnen, und von draußen die Erinnerungen an alte Zeiten. Lahner hofft, dass vielleicht damit auch ein Stein ins Rollen gebracht wird in Richtung des ersehnten Museums, obwohl das offiziell bei Hannover 96 momentan kein Thema ist.

„Es geht um Räumlichkeiten, und es geht natürlich auch um Geld“, sagt Lahner. „Da müsste man mal ein Gesamtkonzept machen, das kann man ja zum Beispiel auch im Verbund mit Stadionführungen und Fanshop machen. Da ist vieles denkbar – denn es kommt ja auch was zurück. Es geht schließlich auch um Identität.“ In einer Dauerausstellung könne man auch auf Ereignisse und Themen reagieren wie jüdische Mitglieder im Verein oder die Arbeit der Robert-Enke-Stiftung. Eine Autostunde nördlich hat man diese Findungsphase längst hinter sich. Das „Wuseum“, wie die Ausstellungsräume von Werder Bremen heißen, gibt es direkt am Weserstadion seit 2004. Rund 50.000 Besucher kommen jedes Jahr, um auf 350 Quadratmetern Fläche in die Geschichte des mehrfachen Deutschen Meisters und Pokalsiegers einzutauchen und auch das heimliche Prunkstück der Sammlung zu bestaunen: eine faustgroße Papierkugel, die 2009 in einem Europapokal-Halbfinalspiel gegen den Erzrivalen Hamburger SV den Ball entscheidend ablenkte und damit Sieg und Finaleinzug der Bremer sicherte.

Marika Diesing kümmert sich als eine von drei Festangestellten um die Sammlung, die von der – wie in Hannover ausgelagerten – Fußballprofisparte getragen wird. Die Traditionspflegerin und Archivarin betreut unter anderem mehr als 30 Minijobber, eine Mannschaft, die sich die Arbeit im Wuseum aufteilt und unter anderem Stadionführungen anbietet, die einen Besuch im Wuseum beinhalten. „Seit Corona sind die Besucherzahlen gestiegen“, sagt Diesing, die den Kollegen in Hannover die Daumen drückt. In Bremen sei der Stadionbesuch auch jenseits der Spieltage längst zu einem wichtigen Tourismusfaktor geworden – mit dem Wuseum als festem Bestandteil.

So weit sind die 96-Archivare noch nicht. Aber sie ergreifen jede Gelegenheit, ihr Kellergut zu zeigen. Sei es in der Fanshop-Vitrine, im Schaufenster unterm Bahnhof oder im Frühjahr bei einer Fotoausstellung in der Südstädter Galerie für Fotografie zum 130. Geburtstag des Vereins. Auf dass ein Stein ins Rollen komme. Oder wie Jannis Busse es knapp formuliert: „Wir sind bereit.“



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