Das Vorbild? Wie so oft Berlin. „Damals gab es eine Wasser- und Gemüseschlacht zwischen Friedrichshain und Kreuzberg auf der Oberbaumbrücke“, erinnert sich Atze. „Da haben wir gesagt: Das können wir auch.“
Atze sitzt mit drei Mitstreitern im „Café Safran“ in der Calenberger Neustadt – neutraler Boden. Atze (54), Engelgert (54), Lucky (51, beide Team Linden) und Tommy (40, Team Nordstadt) gehörten zu den Mitbegründern der Gemüseschlacht. Sie nennen sich bei ihren „Kampfnamen“. Das farbenfrohe und geruchsintensive Spektakel ist nicht nur ein kurioses Stück Stadtgeschichte. Es erzählt auch von der besonderen Beziehung der ehemaligen Arbeiterviertel. Linden und die Nordstadt sind Hannovers Szenekieze. Hier pulsiert das Nachtleben, hier atmen Kultur, Subkultur und Aktivismus.
Die beiden Viertel verbindet mehr, als sie trennt. Sie teilen eine humorvolle Hassliebe – keine feindselige wie zwischen Hannover und Braunschweig, sondern eine neckische, die Identität stiftet. Für Nordstädter ist die Nordstadt der Nabel Hannovers, für Lindener ist es Linden.
„Wir haben den Konflikt ja eher künstlich produziert und eskaliert“, sagt Tommy, der damals für die Nordstadt „kämpfte“. Die Gemüseschlacht atmete einen anarchischen, punkigen Freigeist. Schon das Vorgeplänkel war spektakulär: Demonstrationszüge, Schmähgraffiti, inszenierte Aktionen, selbst gebaute Schutzschilde und Katapulte. Wer am Ende auf welcher Seite der Brücke stand, war dann fast egal. „Es war schräg, aber liebevoll“, sagt Lucky. „Man hat sich ja nicht gehasst, das war eine drollige Rivalität.“Und heute? Gibt es diese Rivalität noch? „Schon, aber mit ironischer Note“, sagt Basti (26), der auf einer Bank vor der Faust Warenannahme sitzt. Er wohnt in Linden, ist aber regelmäßig in der Nordstadt, vor allem abends. „Da gibt’s die besseren Clubs und Kneipen“, sagt er grinsend.
Hier würde so mancher Ur-Lindener wohl lautstark protestieren. Oder? Bastis Kollegin Franzi (23), die sich dazugesetzt hat, schaltet sich ein. „Wer das zu ernst nimmt und wirklich stolz auf seine Herkunft ist, hat ein Problem. Das ist ja eher ein Necken.“ Eine Bekannte schiebt ihr Fahrrad vorbei. „Julia, wo wohnst du?“, ruft Franzi. „Mitte, Cali oder Nordi?“ Die Antwort: „Die Postleitzahl ist Mitte …“ Echte Identifikation klingt anders. Mit Linden und der Nordstadt schmückt man sich lieber.
Zwei Straßen weiter, auf dem Pfarrlandplatz, wartet Lennart an einer Tischtennisplatte. Der 21-Jährige trägt schwarze Handschuhe, blonde Locken und hat einen Energydrink in der Hand. Er ist in Linden geboren und aufgewachsen. Spürt er eine Hassliebe zwischen den Vierteln? „Das würde ich nicht sagen“, meint er. „Sind halt zwei coole Stadtteile.“ Linden sei aber schon die Nummer eins – die Nordstadt komme knapp dahinter.
Kurz darauf laufen zwei junge Männer vorbei, für ein Gespräch haben sie es zu eilig. Einer dreht sich um und ruft: „Aber Linden ist cooler! Und ich habe auch in der Nordstadt gewohnt, ich weiß es also.“ Der kleine Wettstreit lebt noch, auch wenn er leiser geworden ist.
Schwenk in die Nordstadt. Ruben Bertram sitzt mit seiner Freundin Alin vor dem „Dinky Café“ an der Lutherkirche. Sie seien beide in Linden aufgewachsen, sagt der 28-Jährige. Was er kennt: das Klischee, dass Lindener ihren Kiez nur in Notfällen verlassen. „Letztens habe ich einen Kumpel in der Nordstadt gesehen und gestichelt, was er denn hier mache“, sagt er und lacht.Insgesamt, da sind sich beide einig, sehen sich die Stadtteile eher als Einheit, gerade politisch. „Die Viertel sind die linksten in Hannover“, sagt Alin. „Da solidarisiert man sich eher, als sich abzugrenzen.“
Wann die letzte Gemüseschlacht stattfand, weiß niemand so genau. Im September 2025 gab es ein symbolisches Duell mit Plüschtomaten und Tauziehen, ein gemeinsames Werben von Kulturinstitutionen für mehr Zusammenhalt. Der Unterschied zu früher war nicht nur, dass es sauberer und geruchsneutraler war. Es gab eine klare politische Forderung und ein deutliches Signal für ein Miteinander.
Vielleicht ist die Zeit für anarchischen Spaß vorbei. Vielleicht täte er gerade gut. Gespräche mit Bewohnern beider Viertel gleiten schnell zu gemeinsamen Sorgen: steigende Mieten, Gentrifizierung, das Kneipen- und Clubsterben, ein unheimlicher Rechtsruck.
„Es ist traurig zu sehen, wie die Viertel, die man liebt, kaputtgehen“, sagt Lucky. Doch in einem Punkt sind sich die Männer im „Café Safran“ einig: „Wenn man in Hannover ausgehen will, dann nur in Linden oder der Nordstadt“, sagt Engelgert, der Ur-Lindener.
Nach kurzem Zögern fügt er hinzu: „Ich mag die Nordstadt. Jetzt ist es raus.“ Alle lachen.