Das Herz der Stadt
Wo der Oberkellner einst den Namen gab: Seit 157 Jahren gibt es ein Café am Kröpcke,
nach 50 Jahren zieht sich nun „Mövenpick“ als Betreiber zurück. Ein Rückblick mit Perspektive.

Das Kröpcke in den 20er Jahren. Der Pavillon, der 1869 im arabischen Stil errichtet wurde, ist vom Architekten Otto Goetze entworfen worden.Repro: Frank Wilde

Wenn „Mövenpick“ 2027 den Standort am Kröpcke verlässt, endet in Hannover eine heute schon 50-jährige Tradition. Dabei ist die Geschichte des Cafés, das Hannovers Stadtmitte ihren heutigen Namen gab, gut 100 Jahre länger.

Und noch dazu ist die Art der Namensgebung einmalig. Welche europäische Stadt hat schon ihren zentralsten Ort nach einem beliebten Oberkellner benannt?

2500 Freiluft-Sitzplätze soll das Café Kröpcke zu Hochzeiten in der Außengastronomie gehabt haben. Der Kröpcke ist ohnehin der Mittelpunkt Hannovers, seit 157 Jahren auch gastronomisch. Oder, wie der langjährige „Mövenpick“-Direktor Dietmar Althof heute sagt: „Dieses Café ist das Herz der Stadt.“

Wobei auch der Wandel zur Kontinuität am Kröpcke gehört. Vier Bauwerke hat es dort seit dem ersten Café-Pavillon im Jahr 1869 gegeben. Alle waren architektonische Besonderheiten, wenn auch teils aus der Not geboren. Heute gibt es bei „Mövenpick“ exzellenten Kaffee, aber auch besondere Gebäckstücke und delikates Brot. Dazu im rückwärtigen Gebäudeteil Burger von Jim Block.

Fleischklopse im Weißbrotmantel: So etwas wäre um die vorige Jahrhundertwende für den Caféhauschef und Namenspatron Wilhelm Kröpcke sicherlich undenkbar gewesen. Aber Schweizer Feinkostambiente neben amerikanisch angehauchtem Hackbrötchen, das steht heute für die gastronomische Vielfalt der Innenstadt und scheint gut nebeneinander zu funktionieren. Wie sie sich am Kröpcke in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird, wenn Mövenpick geht? Aktuell ist alles offen.

1869, als alles losging, hatte das Königreich Hannover gerade kapituliert und den Preußen die Macht überlassen, die erstmals Anflüge von Demokratie und Parlamentarismus an die Leine brachten. Die Stadt blühte auf. Ein findiger Gastronom, der ehemals königliche Hofkonditor Georg Robby, ließ vom Architekten Otto Goetze einen Caféhaus-Pavillon im geschwungenen Gusseisen-Stil errichten, der an die französische Weltausstellung erinnern sollte.

Ab 1876 arbeitete Wilhelm Kröpcke dort als Oberkellner, und er muss ein charmanter, einnehmender Mensch gewesen sein, von dem Hannovers Flanier- und Kaffeetrinkszene ziemlich schnell schwärmte. 1885 wurde er Pächter, 1895 Namensgeber des Cafés. Das lag genau neben der zentralen Pferdebahn-Haltestelle. Für Besucherverkehr war also gesorgt.

Das Café florierte: mit Salonorchester und Konzertmuschel und seit 1885 auch mit einer gusseisernen Wettersäule vor der Tür, deren Nachbildung heute die grün lackierte Kröpcke-Uhr darstellt. Als Wilhelm Kröpcke 1919 starb, führte seine Frau Regina das „Café Kröpcke“ weiter. Aber nur kurz. 1922 war Schluss: Die Stadt Hannover akzeptierte keine Frau als Geschäftsinhaberin. Regina Kröpcke musste auf- und das Café in andere Hände abgeben.

1943 zerstörten Fliegerbomben im Zweiten Weltkrieg 85 Prozent der Innenstadt und damit auch den Café-Pavillon am Kröpcke. Der Gastrobetrieb ging zunächst in einem zeltartigen Provisorium weiter. 1947 erhielt der Platz den Namen Kröpcke, und Nachkriegsarchitekt Dieter Oesterlen entwarf einen geduckten Flachbau mit gerundeter Glasfront, der 1948 als Café am Kröpcke wiedereröffnet wurde.

Dann kam in den Siebzigerjahren der U-Bahnbau. Der Kröpcke verwandelte sich in ein 25 Meter tiefes Loch mit Ausmaßen, gegen die die heutigen Fernwärmebaustellen wie Miniaturen wirken. Oesterlens flacher Kaffeehausbau wurde im Oktober 1970 abgerissen. Aber 19 hannoversche Familien schlossen sich auf Initiative des Notars Arno Böx zusammen und gründeten eine Gesellschaft, die Hannovers Stadtmitte nach dem Ende der U-Bahn-Arbeiten erneut ein Kaffeehaus spendierte.

Die Rundbogenfenster mit der sternförmigen Sprossenstruktur in den Oberlichtern lehnen sich optisch an das Opernhaus an. Die markanten Dachbögen (Architekten: Matthaei und Partner aus Hamburg) prägten auch andere Bauwerke der Siebzigerjahre wie die Stadtbahnstation am Lister Platz und den damaligen Busbahnhof (ZOB) neben dem Hauptbahnhof. Als das neue „Café Kröpcke“ am 18. November 1976 eröffnet wurde, war der Baustil zwar nicht unumstritten, die Hannoveraner aber drängten sich um die Plätze im und ums Restaurant.

Dabei waren Hannovers Gastronomen anfangs nicht sehr zuversichtlich gewesen, dass das Konzept funktionieren würde. Angeblich fand sich kein lokaler Betreiber für die Location. Eine Delegation des Rates unter Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg reiste nach Zürich, um sich ein Bild davon zu machen, ob der dortige Gastro-Anbieter Mövenpick würdig genug für Hannovers Stadtmitte sein würde. Es hat wohl geschmeckt – jedenfalls war „Mövenpick“ danach willkommen.

Kurioserweise waren die Schweizer aber zum Zeitpunkt der Eröffnung am Kröpcke auch schon an anderer Stelle präsent im Raum Hannover. „Die ‚Mövenpick‘-Gastronomie im Flughafen eröffnete schon kurz vor der am Kröpcke“, erinnert sich Althof. Später waren es sogar drei Standorte: Auch die „Schlossküche Herrenhausen“ neben dem wiederaufgebauten Schloss war anfangs ein „Mövenpick“-Haus.

Das Geschäftsmodell, dass fast 20 Familien sich für ein Immobilienprojekt zusammenschließen und es 50 Jahre lang ohne größeren öffentlichen Streit gemeinsam betreiben, ist sehr ungewöhnlich. Zumal in einer Zeit, in der international mit Immobilien spekuliert wird und die Kapitalabflüsse aus Innenstadtstandorten immer öfter an anonyme Fonds in Steueroasen fließen.

„Wir bewirtschaften dieses Gebäude nicht mit der Excel-Tabelle, sondern entlang der Frage, was der Stadt an diesem Standort guttut“, sagt Thorsten Kröger. Er fungiert seit vier Jahren als Geschäftsführer der Betriebsgesellschaft, seine Frau Cosima Kröger ist Enkelin des Initiators und Mitgründers Arno Böx. Natürlich müsse solch ein Projekt insgesamt wirtschaftlich sein. Aber es gehe vorrangig nicht darum, den bestzahlenden Mieter zu finden, sondern eine gute Mischung für den Standort.

Und das bedeutet ständigen Wandel. 1997/1998 kam, kurz vor der Expo, das nach dem Sponsor Enercity benannte Expo-Café hinzu (Architekten: Pax Hadamzik). Es ist heute Beratungscenter des Energieanbieters und soll in den nächsten Jahren ebenfalls modernisiert werden.

Die Weinbar „Opus“ ist ebenso Geschichte wie der 96-Fanshop und das Juweliergeschäft von René Düe, der in den Achtzigerjahren in den Verdacht geraten war, einen spektakulären Überfall auf sein Geschäft fingiert zu haben. Düe wurde am Ende freigesprochen, aber die Zweifel wurden nie völlig ausgeräumt.

Dafür gibt es inzwischen zwei große, bunt gestylte Kreativräume („Rocket Lounges“) im Haus, in denen Firmen mit ihren Beschäftigten Transformationsprozesse trainieren können. Traditions-Pralinier Trüffel-Güse ist ebenso Mieter wie die Goldschmiede Stichnoth, der Optiker Kastens und das Einrichtungsgeschäft Bockhorst.

Die Opernterrasse vor Jim Block soll nach dem Umbau wieder stärker bespielt werden, kündigt Thorsten Kröger an. Ohnehin will die Stadt die Georgstraße neben und vor der Oper vom Autodurchgangsverkehr befreien, was die Geschäftsleute ausdrücklich begrüßen. Die Immobilie selbst soll in den kommenden Jahren grundlegend modernisiert werden. Nicht nur technisch: „Auch die Nutzungen ändern sich“, sagt Kröger. Und die sind intensiv.

Von 4 Uhr morgens, wenn die ersten frischen Waren angeliefert werden, bis 2 Uhr nachts, wenn die letzten Beschäftigten das Licht ausschalten, sei fast durchgehend Dauerbetrieb im Haus, sagt Kröger. Rund 18.000 Tage seien das seit der Eröffnung am 18. November 1976 gewesen. „Weil immer am ersten Weihnachtsfeiertag geschlossen ist, dürften es seit 1976 also etwa 17.950 Öffnungstage im Haus gewesen sein.“

Bis zum Jubiläumsfest am 18. November 2026, wenn die Immobilie am Kröpcke ihren 50. Geburtstag feiert, soll schon mehr Klarheit herrschen darüber, wie es weitergeht. Was auf „Mövenpick“ folgt, wenn das Unternehmen Mitte 2027 auszieht, sei dabei noch völlig offen, sagt auch Cosima Kröger.

Auf jeden Fall werde es „spannende neue Gastronomiekonzepte“ geben, sagen sie und ihr Mann. „Die Immobilie weiterzuentwickeln, ist uns Verpflichtung.“ Und ein Versprechen gibt es für die Umbauzeit: „Vom ersten Espresso am Morgen bis zum letzten Prosecco am Abend soll es auch während der Modernisierung immer ein Angebot geben“, sagen die beiden Krögers. Das werde man am Kröpcke definitiv sicherstellen.



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