2014 hat Gigla die Firma Mashsee („to mash” ist der englische Begriff für den Vorgang der Maische) gegründet. Seine Verkaufsschlager waren Biere mit verrückten Namen wie „Trainingslager“ und „Helles im Wunderland“. Erst zehn Jahre später wagte er sich an eine alkoholfreie Variante.
Die einfache Lösung ist, dem fertigen Bier den Alkohol zu entziehen. Wer ihn aber erst gar nicht entstehen lassen will, braucht Wissen in Biochemie, Temperaturkurven, Prozesssteuerung – und „die richtige Hefe, die keine Maltose vergärt“. Der 42-Jährige, der seine Ausbildung zum Brauer bei Wolters in Braunschweig gemacht hat und später auch wissenschaftlich in einem Forschungsinstitut arbeitete, tüftelte zwei Jahre am Rezept.
Vom Start weg wurde sein „Blaufrei“ beim internationalen Wettbewerb „European Beer Star“ mit einer Silbermedaille ausgezeichnet. Den Coup konnte er nun wiederholen – und hat damit Aufsehen in der Branche erregt. „Eine große Sache“, sagt Gigla über die Verteidigung der Medaille. Zumal auch der Mashsee-Brauer weiß: „Bier ist ein schrumpfender Markt.“
Laut Statistischem Bundesamt sank der Absatz im ersten Halbjahr 2025 bundesweit um 6,3 Prozent. „Die Branche ist unter Druck“, sagt auch Herrenhäuser-Geschäftsführer Christian Schulz-Hausbrand, „der Alkoholkonsum wird weniger“.
Als Gründe sieht er den demografischen Wandel, Migration und immer mehr Bevölkerungsgruppen, die auf Alkohol verzichten. Schulz-Hausbrandt betont aber auch: „Herrenhäuser liegt etwa auf Vorjahresniveau, wir haben uns gegen den Trend gestemmt.“ 105.000 Hektoliter (10,5 Millionen Liter) seien im vergangenen Jahr gebraut worden.
Ein wichtiger Baustein: „Wir haben früh erkannt, dass alkoholfreies Bier Zukunft hat.“ Die alkoholfreien Versionen von Pils und Alster kamen 2017 auf den Markt. Schon jetzt stamme jedes zehnte Bier aus diesem Segment, „eine relevante Größe, sie wird weiter wachsen“, prognostiziert der Herri-Chef. Das liege auch am Geschmack der Biere. „Über die Jahrzehnte hat sich viel getan.“
Das bestätigt auch Gilde-Chef Mike Gärtner. „Gilde Free und das alkoholfreie Radler entwickeln sich positiv. Was auch daran liegt, dass sie geschmacklich gut sind.“ Die Sorte Free wird auch offensiv mit „isotonischen Eigenschaften” für Sporttreibende beworben. Allerdings würden die beiden Sorten aktuell noch keine zehn Prozent des Absatzes ausmachen.
Wie ist die generelle Lage bei Gilde? „Auch in Hannover ist der Bierabsatz 2025 leider rückläufig gewesen. Wir haben uns zwar besser geschlagen als der Marktdurchschnitt, aber sind natürlich dennoch nicht zufrieden“, so Gärtner. „Einen so starken Marktrückgang gab es noch nie.“
Der Dry January falle da aber nicht ins Gewicht: „Dieser Trend ist ja nicht ganz neu, wird natürlich gerade durch Social Media sehr viel präsenter.“ Grundsätzlich sei der Januar nicht der stärkste Monat für den Bierabsatz. Das sieht auch Herrenhäuser-Chef Christian Schulz-Hausbrand so: „Bier hat einen starken Saisonverlauf. Im Winter läuft der Absatz auf kleinerer Flamme, die Spitzen sind im Sommer.“
Im Restaurant „Meiers Lebenslust” am Aegi stehen die glänzenden Braukessel im Gastraum – auch eine Version mit 0,5 Promille wird dort angesetzt. „Undicht“ heißt sie, wie Geschäftsführer Ralph Klemke mit einem Augenzwinkern erzählt. Im vergangenen Jahr habe man das Experiment mit 500 Litern gestartet: Es sei so gut gelaufen, dass „Undicht” nun fester Teil der Getränkekarte sei.
„Die Leute finden das wichtig. Diesen Trend kann man nicht ignorieren“, betont Klemke. Weil es immer Gäste gebe, die mit dem Auto nach Hause fahren oder am nächsten Morgen fit für die Arbeit sein wollen. „Und es wird bewusster mit dem Thema Alkohol umgegangen.“
Philipp Aulich, der zusammen mit Bruder Hannes das „Brauhaus Ernst-August“ an der Schmiedestraße betreibt, sieht im Januar fallende Umsätze – „die Leute sind satt von der Weihnachtszeit“. Seit 1986 ist das naturtrübe Hanöversch die Spezialität des Hauses, alkoholfreie Varianten gibt es nicht. „Wir sind ein Sonderfall. Zu uns kommen die Menschen, um Bier zu trinken.“ Nur 40 Prozent des Restaurantumsatzes entfalle auf Speisen.
Trotzdem steht für das Brauhaus Ernst-August für 2026 eine neue Sorte in der Agenda: „Wir wollen ein Bier mit geringem Alkoholgehalt entwickeln“, kündigt Philipp Aulich an.
Auch Kolja Gigla will sich nicht auf dem „Blaufrei“-Erfolg seiner Mashsee-Brauerei ausruhen. „Ich arbeite an einem alkoholfreien Weizen.“