Die riesigen weißen Stahlräder rollen behutsam von der einen Hallenseite zur anderen. Was inmitten der Räder vonstattengeht, ist allerdings alles andere als sachte. Mit viel Geschick schlängeln und balancieren sich die jungen Mädchen durch die gebogenen Röhren. Springen von einer Sprosse zur anderen, nutzen den Schwung des Rhönrades. Mal innen, mal außen, mal im Spagat.
Antonia (12) und Freda (11) stehen mit abgespreizten Armen und Beinen sternförmig in ihren Rädern. Sie heben den linken Fuß leicht an, verlagern ihr Gewicht auf die rechte Seite und bewegen sich in exakt gleicher Geschwindigkeit vorwärts. „Wow! Wie synchron ist das denn? Alter Schwede“, ruft Trainerin Tine Brokamp, als die beiden gerade kopfüber stehen. Die beiden Mädchen können sich ein Lächeln nicht verkneifen. Das war perfektes Timing. Dehnübungen im Kreis, ein paar Liegestütze, den Kreislauf in Schwung bringen. Nach der kurzen Aufwärmphase verteilen sich die 15 Mädchen auf die Rhönräder. Immer zu zweit und der Größe nach. Die Turnerinnen der TSV Burgdorf coachen ein-ander. „Das bringen wir ihnen von Anfang an bei“, sagt Brokamp.
Trotzdem wuseln die Mädchen immer um ihre Trainerin herum. Und die hat mit Anweisungen alle Hände voll zu tun. „Merle, das Rad beißt nicht!“, „Du hattest zu viel Schwung“, oder: „Vergiss das Atmen nicht. Du atmest doch, oder?“ Aus der aktuellen Gruppe hat nur eine Turnerin bereits Erfahrungen gesammelt. Alle anderen sind blutige Anfängerinnen. „Für mich ist es eine absolute Ehre, diesen Kurs zu leiten“, sagt Brokamp. „Es ist ein Traum in Erfüllung gegangen.“ Nach den ersten neun Monaten ist eine von vielen Erkenntnissen der Turnerinnen: So ganz ungefährlich ist das Rhönrad nicht. „Wir müssen bei manchen Figuren aufpassen, dass wir uns nicht über die Finger fahren“, erzählt Antonia (12). Ganz zu vermeiden ist das aber nicht. Sie haben sich alle schonmal den ein oder anderen Finger eingequetscht. Ob’s weh tut? Ein einstimmiges „Ja!“ von Antonia, Lia (11) und Freda (12). Das nehmen sie aber gerne hin. „Das wird dann nur ein bisschen blau“, sagt Freda. „Das gehört einfach dazu, manchmal rollt man sich über die Finger oder dengelt sich den Kopf“, sagt Brokamp. Größere Verletzungen gab es bislang nicht.
Zum 100-jährigen Bestehen der TSV Burgdorf hat sich die Rhönrad-Abteilung Ende 2024 neu gegründet. Alle zwölf Rhönräder wurden individuell vom einzigen Rhönrad-Bauer Deutschlands angefertigt. Preislich für die Turnsparte des TSV nicht zu stemmen. Ein Fall für NP-Sportstiftung! Wir unterstützen mit 2800 Euro und finanzieren damit zwei der kleineren Rhönräder für die jungen Turnerinnen.
Und die Sparte wächst. „Wir planen im nächsten Jahr zusätzlich eine Anfängergruppe zu machen. Die bekommen dann einen Übungskatalog, den sie können sollten, um in die große Gruppe zu gehen“, sagt Brokamp. „Außerdem planen wir auch schon ein Angebot für Erwachsene“, ergänzt Turn-Spartenleiterin Nicole Mewis.
Ob die Rhönrad-Neulinge auch schon bereit für Wettkämpfe sind? Das ist vorerst hinten angestellt. „Wir wollten erstmal den Kindern das Sportgerät näher bringen. Wenn sich daraus entwickelt, dass die Mädels Bock auf Wettkampf haben, bin ich dabei“, sagt Brokamp. Das Rhönradturnen ist in Burgdorf ins Rollen geraten.