Die Massenmagneten
Rekordkulissen auf den Konzertbühnen: Vierfacher Apache, fünffache Helene – und ganz viel Collins

Auf dem Zenit:Phil Collins 1994 bei einem seiner Konzerteim Niedersachsenstadion.Foto: Frank Wilde
Hannover. Viermal Apache 207. Am 18., 19., 21. und 22. Januar in der vollen ZAG Arena, der größten Halle der Stadt. Apache 207, Rapper aus Mannheim, bürgerlich Volkan Yaman, Abitur 2017, künstlerischer Durchbruch 2019, jetzt knapp 50.000 Fans – seit einem Duett mit Udo Lindenberg in allen Altersklassen –, die sich seine Konzerte allein in Hannover ansehen. Gut sechs Jahre abzüglich Pandemie. Ein Kometenaufstieg. Kaum Shootingstar, schon Superstar?

Sicherlich. Der 28-Jährige stößt in die erste Reihe der musikalischen Hallenfüller in Deutschland vor. Hannovers größte Arena bespielen die meisten Künstler nur einmal, manche zweimal hintereinander, wenige wie Hannovers Indierocker Fury in the Slaughterhouse 2017 oder Ende 2025 Sängerin und Entertainerin Ayliva (erst krankheitsbedingt ausgefallen, kurz darauf nachgeholt) schafften die ZAG Arena dreimal am Stück zu füllen.

An der Spitze dieser Liste rangiert wenig verwunderlich die Schlagerkönigin Helene Fischer, die Publikumsrekorde zu sammeln scheint und 2023 gleich an fünf Abenden in der ZAG Arena spielte. Ein Gastspiel, das auch wegen ihres Unfalls bei einer Akrobatiknummer für überregionales Aufsehen sorgte.

Läuft also doch, das Konzertgeschäft. Totgesagte leben bekanntlich länger. Die Live-Musik lag schon oft in der Kiste: als die Schallplatte kam, als das Internet kam, und bei Corona war sogar der Deckel schon drauf. Doch Live lebt, denn gestorben ist letztlich etwas anderes: die Tonträgerindustrie – und damit eine für Künstlerinnen und Künstler eminent wichtige Einnahmequelle – ist von den Streamingplattformen plattgemacht worden. Verdienstmöglichkeiten jenseits weniger Superstars: Wer von Musik leben will, muss unterwegs sein.

Und an dieser Stelle zeigt sich die Kehrseite des Live-Booms, denn die Zahlen werden vor allem von großen Künstlern getrieben, die meisten Veranstaltungen sind jedoch klein: 91 Prozent der rund 250.000 Konzerte im Jahr 2024 gingen laut der Verwertungsgesellschaft Gema in Läden mit maximal 500 Plätzen über die Bühne – mit einer Durchschnittsauslastung von 122 Fans. Das ist wirtschaftlich in den meisten Fällen nicht tragfähig – und der Bereitschaft der Veranstalter, auf Newcomer zu setzen, sicher nicht förderlich.

Der Druck ist größer geworden – auf allen Ebenen. Wer früher, als Musik noch nicht verschleudert wurde, von einer Plattenfirma mit einem guten Vertrag ausgestattet wurde, war nicht zum sofortigen Erfolg verdammt, sondern bekam Entwicklungszeit. Um sich vor Publikum, ob am Radio oder im Live-Konzert, auszuprobieren, das eigene künstlerische Profil zu schärfen oder auch überhaupt erst zu finden. Manche hatten diese Zeit auch bitternötig. Man höre sich nur die ersten Alben von Marius Müller-Westernhagen oder Herbert Grönemeyer an, die später ausverkaufte Stadien besangen und dabei ihre ersten musikalischen Gehversuche dezent und nicht ganz zu Unrecht unter den Teppich schoben.

Westernhagen zum Beispiel arbeitete sich über das Theater am Aegi bis ins Niedersachsenstadion hoch, in dem er in den Neunzigerjahren Stammgast war, 1995 sogar dreimal hintereinander. Das hannoversche Stadion eroberte Grönemeyer erst später, dafür aber nachhaltiger. 2027 tritt er wieder in der heutigen Heinz von Heiden Arena auf.

Ungekrönter König der hannoverschen Großkonzert-Geschichte ist aber Phil Collins, der mit Genesis und als Solokünstler insgesamt 13 Shows im 96-Stadion spielte. Sein Gastspiel im Sommer 1994, als er die Schüssel viermal mit jeweils 60.000 Fans füllte, galt seinerzeit als Weltrekord für Stadionshows – und ist für Hannover bis heute die Bestmarke. Auch wenn AC/DC, Guns N’Roses, Eminem oder Ed Sheeran auf dem Messegelände bei Einzelkonzerten jeweils 70.000 oder mehr Fans zusammenbrachten.

Die Zeiten haben sich geändert. Musikdistribution ist einfacher geworden, jeder ist sein eigener Verleger, kann Songs machen und sie selbst über Streamingplattformen oder Social Media unter die Leute bringen. Oft brotlos, gelegentlich mit überragendem Erfolg abseits ausgetretener Pfade.

Für solche Quereinsteiger ist die Erfolgstreppe Club-kleine Halle-große Halle und als quantitative Krönung ein Massen-Open-Air heute nicht mehr zwingend der vorgezeichnete Weg. Dank Social Media entwickeln bestimmte Genres beim Publikumsinteresse eine beeindruckende Dynamik – vor allem eines: unglaubliche 73 Prozent der deutschen Spotify-Charts sind im Genre Rap/Hip-Hop einzusortieren, die Musiker, die im Januar die ZAG Arena gebucht haben, sind alles Deutsch-Rapper: Bushido (am 14.), Reezy (am 27.) und eben Apache 207.

Der Mannheimer hat mit seinem Viererpack schon das Zuschauerpotenzial fürs Stadion, aber eine Tour im Januar ist dann in der Halle doch wärmer für alle. Wenn er in einem der nächsten Sommer wiederkommen sollte, dürfte die Hütte voll werden. Er wäre übrigens der erste Rapper, der das 96-Stadion ausverkauft.







Druckansicht