Neues Leben hinter den alten Horten-Kacheln
Der Unternehmer Oliver Blume hat das leere Kaufhaus zwischen Osterstraße und Hannovers Marktkirche gekauft –
und spricht erstmals über seine Ideen für die Immobilie. Der Umbau unter dem Namen „The Box“ soll noch 2026 starten.

Hinter der bekannten Fassade: Tausende Quadratmeter warten auf neue Nutzungen im Galeria-Haus am Rand von Hannovers Altstadt. Unternehmer Oliver Blume hat es erworben und startet die Umgestaltung.Fotos: Christian Behrens
Hannover. Dieses Kaufhausgebäude ist riesig. „Ich habe hier schon Besichtigungstouren gemacht und war nach 4,5 Stunden erst in der zweiten Etage“, sagt Neu-Eigentümer Oliver Blume beim Rundgang.

Etwa 50.000 Quadratmeter Innenfläche misst das alte Horten- und spätere Galeria-Gebäude zwischen Osterstraße und Hannovers Marktkirche. Zum Vergleich: Die Ernst-August-Galerie am Hauptbahnhof hat etwa 30.000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Im alten Horten-Haus ist Blume seit ein paar Tagen ganz offiziell Besitzer.

Anfang 2023 hatte der Galeria-Konzern im Zuge seiner Insolvenz diesen Standort geschlossen, nachdem 2020 schon das gläserne Karstadt-Haus am Schillerdenkmal aufgegeben worden war. Vor einigen Monaten verdichteten sich Gerüchte in der Immobilienbranche, dass der Unternehmer Oliver Blume nach dem alten Fernsehturm Telemoritz nun auch diese besondere Immobilie gekauft hat. Eine Bestätigung gab es damals nicht. „Vertraglich war Stillschweigen vereinbart“, sagt Blume.

Die Frist ist abgelaufen. Und so darf man sich nun mit Oliver Blume in dem Gebäude treffen, das für Hannovers Stadtplanung eine besondere Rolle spielt. Nicht nur wegen der typischen Horten-Fassade mit den weißen Formkacheln, die das Horten-H symbolisieren (aber hier nicht original aus Beton, sondern aus Aluminium geformt sind). Sondern vor allem wegen Lage und Größe. Das Haus markiert den Übergang von der quirligen Innenstadt zur eher beschaulichen Altstadt und spielt daher eine wichtige Rolle bei der Frage, wie man beides besser verzahnen kann.

Im Erdgeschoss sind überall noch Erinnerungen an die anderthalb Jahre zu sehen, in denen das Gebäude nach seinem Kaufhaus-Ende als „Aufhof“ genutzt wurde. Da war es angefüllt mit öffentlichen Veranstaltungen, studentischem Leben und experimentellen Eventformaten. Zwischen bunten Graffiti und dem weißen Flügel steht dort „Innovercity“ oder „Raum für Ideen“. Woanders steht: „Ich freu‘ mich drauf“. Aber das war ein Galeria-Werbespruch, das Relikt wirkt jetzt irgendwie deplatziert.

Klar ist: Im Erdgeschoss soll auf den Flächen nahe dem Eingang Osterstraße ein großes Modegeschäft einer internationalen Marke einziehen, die noch nicht in Hannover vertreten ist. Im Bereich Schmiedestraße soll es Gastronomie geben: Eine Mischung ungewöhnlicher europäischer Gastrokonzepte mit vielen Freiluft-Sitzplätzen sei geplant, sagt Blume.

„Wir wollen diesen Stadtbereich zwischen der eher auf Handel ausgerichteten Innenstadt und der charmanten Altstadt mit neuem Leben füllen“, sagt Blume. Dass er das Gebäude nicht abreißt, wie es frühere Investoren vorhatten, sondern umbauen und einer gemischten Nutzung zuführen will, hat ihm Sympathien in der Stadtverwaltung eingebracht.

Für die drei Etagen über dem Erdgeschoss laufen finale Planungen für eine große Bildungseinrichtung. Blume will modulare Raumsysteme auf die Flächen bauen, die sich als Schulraum oder Werkstatt, Aula oder Workshopflächen nutzen lassen. Tageslicht soll unter anderem über einen Aufbruch in der Gebäudemitte kommen, wo derzeit riesige Rolltreppen wie eine Skulptur im Raum stehen.

Auf dem riesigen Dachbereich will Blume zweigeschossige Loft-Wohnungen und dazu Box-Apartments vom Typ seiner Box-Hotels, die er in Göttingen und Hannover betreibt. Dazu sollen dort Teile der Dachkonstruktion abgetragen werden, die unter anderem die riesige Kaufhaus-Belüftung beherbergen.

An vielen Stellen offenbart das Haus Überraschungen. Etwa, dass sich hinter den Horten-Alukacheln an vielen Stellen balkonartige Freiluftbereiche befinden, die Blume zu einer Art Schulhofersatz erweitern will. Oder die Großzügigkeit des Glasturms über dem Haupteingang Oster-/Seilwinderstraße, der später von Kaufhof vor die Horten-Fassade gesetzt wurde.

Blume möchte ihn zu einem Medienturm umfunktionieren. Mithilfe von Videografie soll es dort ständig neue Bewegtbilder zu sehen geben. „Touristen sollen stehenbleiben und gucken und gerne auch wiederkommen, weil es immer Neues zu sehen gibt“, sagt Blume.

Erste, interne Entwürfe für eine Neufassung der Großimmobilie zeigen Teile mit Lochmetallfassaden, andere mit einer Membranhülle, ähnlich den pneumatisch vorgespannten Kissen aus Ethylen-Tetrafluorethylen-Kissen, wie sie an der Münchener Allianz-Arena eingesetzt sind: Sie sind enorm lichtdurchlässig, lassen sich aber zugleich gut mit Lichtinszenierungen bespielen.

„Meine Vision von dieser Immobilie ist mehr als nur die Funktion als Bindeglied zwischen Innen- und Altstadt. Sie soll aus sich heraus Strahlkraft entwickeln und ein neues Herz dieser Innenstadt werden“, sagt der Unternehmer.

Aktuell läuft ein Architekturwettbewerb. International bekannte Büros wie Herzog-de-Meuron (Schweiz, haben spektakuläre Projekte wie die Elbphilharmonie Hamburg entworfen oder die Tate-Gallery in London) und Hadi Teherani (Hamburg, planten etwa den „Innovationsbogen Augsburg“ und den „Flare of Frankfurt”) sind dabei. Ebenso das Büro Graft Architects (Berlin, planten unter anderem Volocopter-Landeplätze und den neuen Carl-Bechstein-Campus) sowie das lokale Büro BKSP (Hannover, planten unter anderem Wabco/ZF, VHV, Hanova am Klagesmarkt, Deloitte am Aegi und vieles mehr).

Vor Ende Februar soll die Entscheidung im Wettbewerb fallen. Parallel dazu wird das Gebäude entrümpelt und entkernt. „Das wird die nächsten Monate in Anspruch nehmen“, sagt Blume. Tausende Regale und Einrichtungselemente müssen demontiert werden, Zwischenwände fallen und alles abtransportiert werden.

Sobald die Ergebnisse des Planungswettbewerbs vorliegen, will Blume den Bauantrag einreichen. Der Unternehmer macht Tempo: „Ich will in diesem Jahr mit dem Umbau beginnen und möglichst auch schon erste Flächen übergeben können.“ Die Bildungseinrichtung solle bereits im Sommer 2027 einziehen.

Das Projekt „The Box“, wie der revitalisierte Kaufhaus-Bau heißen solle, habe absoluten Vorrang für ihn, sagt Blume. Der Umbau des Fernsehturms zum Apartmenthochhaus stehe so lange etwas zurück: „Man muss Prioritäten setzen.“

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