Otto, der ja schon seine schwarze Mütze trägt, lacht ebenfalls und winkt dankend ab. Stattdessen möchte er nun „tolle Handschuhe“. Heinrich, die Lippen rot, die braunen Haare schulterlang, reicht ihm schwarze Stoffhandschuhe. „Die könnten aber etwas klein sein.“ Doch Otto möchte sie genau so. Sie sollen eng sitzen, damit keine kalte Luft hineinkommt. „Ihr habt doch keine Ahnung von einem Leben auf der Straße“, sagt Otto.
In seiner Stimme klingt etwas mit. Er meint diesen Satz wohl nicht nur als Scherz. Und das, obwohl Kirsten Heinrich sich viel besser mit einem Leben auf der Straße auskennt als viele andere Menschen. Sie arbeitet in ihrer sechsten Saison beim Kältehilfebus der Johanniter in Hannover. Dort bekommen Menschen kostenlos Essen, einen Tee, Kleidung, Hygieneartikel oder Schlafsäcke. Viele, denen so geholfen wird, sind obdachlos, viele erzählen der ehemaligen Sportlehrerin von ihrem Leben. Die 74-Jährige ist auch deswegen hier. Sie will nicht zu Hause sitzen, sondern anpacken. Vor Ort sein. „Es ist eine Herzensangelegenheit“, sagt Heinrich.
Mindestens einmal die Woche ist sie für die Kleider- und Hygieneartikelausgabe des Kältehilfebusses zuständig. „Wir haben grundsätzlich unsere festen Teams und Aufgabenbereiche“, erklärt Heinrich. Sie ist eine von rund 50 Ehrenamtlichen, die immer im Wechsel montags, mittwochs und freitags beim Kältehilfebus der Johanniter helfen. Dieser hält um 18 Uhr zunächst an der Nikolaikapelle in der Nähe des Steintors, kurz vor 19 Uhr geht es dann weiter zum Kröpcke. Das Ziel: Jeder soll warmes Essen bekommen, niemand soll erfrieren. Denn im Winter sterben immer wieder Menschen in Hannover – im vergangenen Jahr waren es vier.
Ein Gesamtkonzept der Stadt Hannover zum Schutz von obdachlosen Menschen in den kalten Monaten des Jahres soll das verhindern. Es gibt Tagestreffs oder andere Übernachtungsmöglichkeiten.
Und seit 2007 gibt es den Kältehilfebus. Auch andere Hilfsorganisationen bieten ein ähnliches Angebot an, sodass unter der Woche jeden Abend im Winter Essen und Getränke ausgeteilt werden. Von Anfang November bis Ende März verteilen die Ehrenamtlichen der Johanniter warme Mahlzeiten und heißen Tee an rund 7000 obdachlose Menschen und andere Bedürftige. Laut der Stadt Hannover würden derzeit 1299 Obdachlose in Unterkünften in Hannover untergebracht, wie viele Menschen auf der Straße leben, ist unklar.
An diesem Freitagabend, kurz nach 18 Uhr, hat sich bereits eine Schlange vor der Essensausgabe an der Seitentür des Transporters am Steintor gebildet, die wartenden Menschen sind dick eingepackt. Heute auf der Speisekarte: Nasi Goreng. Viel Gemüse, Fleisch, dazu Reis.
Das Essen dampft, als es die Ehrenamtlichen des Kältebusses aus einer speziellen Vorrichtung neben der Schiebetür des Transporters holen und auf die weißen Plastikteller füllen. 85 Portionen geben sie aus, 35 Menschen holen sich einen Nachschlag. Viele nehmen auch einen Becher mit dampfendem Pfirsichtee. Tische oder Stühle gibt es nicht. Einige verschwinden mit ihrem Essen daher in der Dunkelheit. Andere setzen sich auf die nahegelegenen Bänke, dort bilden sich Grüppchen.
Warme Kleidung und warmes Essen, das wird hier klar, sind nur ein Grund, warum der Kältebus bei jedem Halt so viele Menschen anzieht. Sie wärmen sich vor allem an dem Miteinander. Wenige Tage später. Otto sitzt in eine graue Kuscheldecke eingewickelt nahe dem Schillerdenkmal auf einer Bank. Auf dem Kopf sitzt nun doch die pinkfarbene Mütze. Sein Blick ist nach unten auf den Fußboden gerichtet. Das sieht aber eh niemand. Zahlreiche Menschen laufen an ihm vorbei – die meisten, ohne ihn anzusehen.
Otto trägt fünf Schichten, um seinen Oberkörper warmzuhalten, dazu zwei Hosen. Dank der Hilfsangebote mangele es ihm selten an Kleidung und Essen, berichtet der 44-Jährige, der seit zehn Jahren auf der Straße lebt. Noch nicht mal die kalte Jahreszeit macht ihm derzeit Angst. „Im Winter reden die Menschen zumindest aus Mitleid mit mir“, sagt Otto.
Schlimmer als Kälte sei für ihn die Einsamkeit. Otto wacht morgens unter dem Unterstand eines Sportvereins in Hainholz auf. Jeden Tag zwinge er sich aufzustehen, in die Stadt zu fahren. Kurz bevor seine Hündin vor vier Monaten starb, bekam er ein Handy. Durch dieses ist er erreichbar. „Das ist das Wertvollste, was ich besitze.“
Er hat ein paar Menschen kennengelernt, mit denen er ab und zu tagsüber an der Limmerstraße sitzt. An diesem Tag sind sie dort aber weder vor dem Rewe noch vor dem Edeka anzutreffen. Otto war an diesem Tag nicht im Tagestreff, hat sein Handy nicht aufgeladen und keinen Akku mehr. Also wird er vermutlich niemanden treffen, bis es in vier Stunden wieder zum Kältehilfebus geht.
Der gibt seinen Tagen Struktur – und die Aussicht auf Gesellschaft. Wie wichtig das für Menschen auf der Straße ist, wird häufig übersehen. So wie Otto. „Der Sommer ist am schlimmsten“, sagt Otto. „Da würdigt mich niemand eines Blickes.“ Wahrscheinlich weil die Menschen denken, dass es ihm gut gehe, er nicht frieren müsse. „Einsamkeit und Langeweile sind die härtesten Probleme auf der Straße“, sagt Otto.
„Es ist wichtig, dass wir pünktlich sind“, sagt Kirsten Heinrich vom Kältehilfebus der Johanniter. Sie weiß, dass viele auf sie warten. Auf die verlässliche Gesellschaft. Auf die Wärme. „Wir sprechen mit ihnen ohne Vorurteile“, sagt die Ehrenamtliche. Oftmals würden ihr Menschen auch fünfmal dasselbe erzählen. „Das ist aber egal, wir sind ja oft die Einzigen, die überhaupt zuhören.“
So wie Otto ist auch Manfred einer der Stammgäste am Kältehilfebus. Auch er möchte seinen Nachnamen nicht verraten. „Es sind die Blicke der Leute, als sei man Dreck“, sagt der 46-Jährige am Freitagabend unweit der Essensausgabe. Immer wieder scannt er mit seinen Augen die Umgebung. Unter seiner grauen Carhartt-Mütze schauen ein paar graue Haarsträhnen hervor. „Dieses Gefühl verfolgt einen auch.“
Häufig gehe er gegen die Einsamkeit spazieren. Und zum Kältehilfebus der Johanniter. „Es ist die Zeit mit Menschen, die einen nicht so anschauen, die einem hilft“, sagt er. Und er meint Menschen wie Kirsten Heinrich.
Mittlerweile hilft Manfred auch beim Auf- und Abbau des Kältebusses. Er ist dafür zuständig, dass die Absperrstangen, an denen das weiß-rote Flatterband befestigt ist, rund um den Wagen auf- und abgebaut werden. Nun muss er ran. Es ist kurz vor 19 Uhr. „Wir packen zusammen“, sagt Kirsten Heinrich. Auch Manfred will los. Sie wollen pünktlich am Kröpcke sein. Bei den anderen.