Ein Ort für die Menschen
Das Kulturzentrum Faust feiert sein 35-jähriges Bestehen –
und präsentiert sich trotz Krisen, Kürzungen und Generationenwechsel lebendiger denn je

Im Biergarten Gretchenhat das Kulturzentrum Faust, das in diesem Jahr sein35-jähriges Jubiläum feiert, einige Highlights aus seinem Veranstaltungsprogramm präsentiert. Obere Reihe: Jörg Smotlacha (Faust-Pressesprecher), Matti Linke (SLAM 2026), Cara Rother (Tanznetz Niedersachsen). Untere Reihe: CosmaJo Gagelmann (Faust-Booking-Team), Luna Jurado (Faust-Geschäftsführerin) und Nina Lehmann(KiezKultur-Festival)Foto: Angry Beard Design
Hannover. Als Luna Jurado an diesem Frühlingstag im Biergarten Gretchen über die vergangenen Jahre des Kulturzentrums Faust sprach, klang das nicht nach routinierter Jubiläumsprosa. Eher nach Erleichterung. Nach Trotz. Nach Aufbruch. „Wir haben einen großen Generationenwechsel vollzogen und mit der Pandemie und den finanziellen Kürzungen einige schwere Phasen gehabt“, sagte die Geschäftsführerin. Und dann dieser Satz, der über der gesamten Pressekonferenz zu schweben schien: „Vor allem aber feiern wir uns auch für das, was wir immer schon waren: ein offenes Haus für alle Menschen.“ Und vielleicht beschreibt dieser Satz am besten, warum die Faust über Jahrzehnte hinweg für so viele Menschen wichtig geblieben ist. Denn während Kulturorte andernorts schließen, Freiräume verschwinden und öffentliche Debatten rauer werden, hält die Faust an einer Idee fest: Kultur soll zugänglich sein, unbequem sein dürfen und Menschen zusammenbringen.

35 Jahre wird die Faust in diesem Jahr alt. Und wer an diesem sonnigen Vormittag zwischen Bierbänken, Backsteingebäuden und dem leicht anarchischen Charme des Geländes sitzt, merkt schnell: Dieses Kulturzentrum feiert sich nicht nostalgisch. Es feiert sich als lebendiger Organismus. Als Ort, der sich immer wieder neu erfinden musste – und genau daraus offenbar seine Kraft zieht.

Das große Jubiläum soll deshalb auch kein klassischer Festakt werden. Stattdessen plant die Faust für Sonnabend, 12. September, ein „All Areas“-Festival auf dem gesamten Gelände. Konzerte, Kultur, Begegnungen – möglichst viele Räume gleichzeitig geöffnet. „Wir feiern so, wie es unseren Stärken entspricht: mit ganz viel Kultur“, sagte Jurado.

Wer die Geschichte der Faust kennt, weiß, warum dieser Satz mehr bedeutet als eine Programmankündigung. Seit ihrer Gründung Anfang der 1990er-Jahre gehört die ehemalige Bettfedernfabrik in Linden zu jenen Orten in Hannover, die weit über Konzertbetrieb oder Nachtleben hinausreichen. Die Faust war immer auch politischer Raum, Treffpunkt, Schutzraum, Experimentierfeld und Bühne für Szenen, die anderswo oft keinen Platz fanden.

Genau dieses Selbstverständnis zieht sich durch die Planungen für das Jubiläumsjahr. Besonders sichtbar wird das beim KiezKultur-Festival, das sich in nur fünf Jahren zu einem der spannendsten Musikformate der Stadt entwickelt hat. Am Freitag und Sonnabend, 9. und 10. Oktober, sollen insgesamt 56 Konzerte stattfinden – ergänzt durch Lesungen, Workshops, Podcasts, Diskussionen und sogar eine eigens eingerichtete Fähre zwischen Faust und Glocksee.

Nina Lehmann vom Festivalteam beschrieb das Konzept mit einem überraschenden Vergleich: „Wir versuchen, ein bisschen das Reeperbahn-Festival Hannovers zu sein.“ Tatsächlich geht es längst nicht mehr nur um lokale Nachwuchsbands. Das Festival versteht sich zunehmend als Schnittstelle zwischen regionaler Szene und überregionaler Musikbranche – mit Künstlerinnen und Künstlern, die möglicherweise wenige Jahre später auf deutlich größeren Bühnen stehen.

Wenige Wochen zuvor wird die Faust außerdem zum Zentrum der deutschsprachigen Poetry-Slam-Szene. Von Mittwoch bis Sonnabend, 23. bis 26. September, finden dort die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam statt. Spielstätten wie die Warenannahme, die 60er-Jahre-Halle oder das Tango Milieu werden dann nicht nur Bühnen, sondern auch Treffpunkte für Workshops, Diskussionen und nächtelange Begegnungen.

Wie eng viele Künstler mit der Faust verbunden sind, zeigte dabei die persönliche Geschichte von Mitorganisator Matti Linke. „Vom feiernden Teenager zum Bühnenkünstler und nun zum Organisator von Kulturveranstaltungen: Die Faust hat mich immer begleitet“, sagte der amtierende niedersächsisch-bremische Poetry-Slam-Meister. Ein Satz, der vermutlich auf erstaunlich viele Menschen in Hannover zutrifft.

Vielleicht ist genau das das eigentliche Geheimnis dieses Ortes: dass hier Generationen nicht einfach wechseln, sondern ineinander übergehen. Viele Menschen kommen als Besucher – und bleiben irgendwann als Mitgestalter.

Besonders deutlich wird dieser Gedanke auch im neuen tanzRAUM der Faust. Das Projekt liegt Jurado sichtbar am Herzen. Gemeinsam mit dem Tanznetz Niedersachsen und weiteren Partnern soll dort künftig ein Ort entstehen, an dem freie Tanzschaffende proben, arbeiten und sich vernetzen können. Geplant sind Residenzen, Workshops, Gastspiele und professionelles Training. Für die freie Szene in Hannover ist das mehr als nur ein zusätzlicher Raum. Es ist eine seltene Infrastruktur in einer Zeit, in der kulturelle Freiräume vielerorts verschwinden. Gleichzeitig wagt die Faust erneut neue Wege. So übernimmt das Kulturzentrum künftig wieder selbst die Gastronomie im Cafébereich. Einen klassischen Tagesbetrieb soll es zwar nicht geben, dafür aber Veranstaltungen in kleinerem Rahmen – von Lesungen über Kunstabende bis zu Trash-TV-Quizformaten. Der neue Name: „Lieschen“. Wie Gretchen und Mephisto natürlich eine weitere Figur aus Goethes „Faust“.

Dass Kultur hier immer auch gesellschaftspolitisch verstanden wird, machte die Pressekonferenz ebenfalls deutlich. Die Faust bleibt Teil des Bündnisses „Investieren statt kaputtsparen“ und positioniert sich offen gegen weitere Kürzungen im sozialen und kulturellen Bereich. Für Pressesprecher Jörg Smotlacha hängen Kultur, Bildung und soziale Arbeit unmittelbar zusammen.

Gerade vor dem anstehenden Oberbürgermeisterwahlkampf wolle man diese Debatten sichtbar machen.

Sichtbar wurde dieses Selbstverständnis bereits beim diesjährigen 1.-Mai-Festival auf dem Faust-Gelände. Neben Konzerten und Kinderprogramm setzte das Kulturzentrum dort auch auf Workshops gegen Desinformation, Angebote für FLINTA-DJs, Graffiti-Projekte und Awareness-Formate. Die Faust präsentierte sich damit erneut bewusst nicht nur als Veranstaltungsort, sondern als gesellschaftlicher Raum.

Vielleicht erklärt das auch, warum dieses Kulturzentrum nach 35 Jahren noch immer so relevant wirkt. Die Faust ist längst nicht mehr nur Subkultur im klassischen Sinn. Sie ist für viele Menschen ein Stück Stadtidentität geworden. Ein Ort, an dem ausprobiert werden darf. An dem Widerspruch Platz hat. Und an dem Kultur nie bloß Dekoration ist, sondern immer auch Haltung.

Oder, wie Luna Jurado es zum Abschluss formulierte: „Wir sind auch nach 35 Jahren weit mehr als nur ein Club – wir sind ein Ort für die Menschen.“ R/HR
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