Wo Roboter-Tanz auf Sauerteig trifft
KunstFestSpiele Herrenhausen setzen auf Clubkultur, Familienformate und Aktionen zum Mitmachen

Das Künstlerduo Post uit Hessdalen zeigt mit „Ballroom“ eine Show aus poetischem Zirkus und magischer Jonglage.Foto: Post uit Hessdalen
Hannover. Zwischen barockem Garten und digitalem Rauschen, zwischen Konzertflügel und Elektroschrott, zwischen philosophischer Debatte und Sauerteigglas: Die KunstFestSpiele Herrenhausen starten 2026 in eine neue Ära. Und selten hat ein Festivalprogramm so deutlich signalisiert, dass Kunst heute nicht mehr nur betrachtet werden will, sondern erlebt, ausprobiert, angefasst und mitgestaltet. Die neue Intendantin Brigitta Muntendorf versteht Kunst nicht als abgeschlossenen Hochkulturraum, sondern als Begegnungszone zwischen Technologie, Wissenschaft, Alltag und Gesellschaft. Das klingt zunächst abstrakt. Tatsächlich aber dürfte sich das Festival in diesem Jahr für viele Besucherinnen und Besucher greifbarer anfühlen als je zuvor.

Denn die 17. KunstFestSpiele Herrenhausen verwandeln Hannover vom Freitag, 22. Mai, bis Sonntag, 7. Juni, in einen großen Parcours für Neugierige. Rund 100 Veranstaltungen mit etwa 700 beteiligten Künstlerinnen und Künstlern reichen von Musiktheater und Installationen über Clubformate bis zu Workshops, Maker-Spaces und Familienangeboten. Auffällig ist dabei vor allem die neue Lust am Mitmachen. Wer bislang glaubte, Gegenwartskunst müsse vor allem betrachtet und entschlüsselt werden, könnte in Herrenhausen nun plötzlich selbst Sauerteig ansetzen, Elektroschrott zerlegen oder an kollektiven Druckprojekten mitarbeiten.

In der neuen SpektakelAkademie wird dieser Ansatz greifbar. Sie bildet gewissermaßen das intellektuelle Rückgrat des Festivals und folgt einer Idee, die auf Gottfried Wilhelm Leibniz zurückgeht: einer „Académie des représentations“, also einem Ort, an dem Maschinen, Wissenschaft, Kunst und öffentliche Debatte ineinandergreifen. Hinter diesem etwas sperrigen Begriff steckt letztlich ein erstaunlich zeitgemäßer Gedanke. Kunst soll nicht nur präsentiert, sondern gemeinsam erlebt, hinterfragt und ausprobiert werden.

Besonders klug wirkt dabei die Entscheidung, gerade Alltagspraktiken zum Teil des Festivalgeschehens zu machen. Das Kollektiv freitagsküche, das ohnehin das Festivalzentrum kulinarisch bespielt, erweitert seine Rolle 2026 um eine Reihe von Workshops. Dort wird fermentiert (Sonntag, 31. Mai, ab 12 Uhr) und Sauerteig angesetzt (Mittwoch, 27. Mai, ab 17 Uhr). Ergänzt wird das Programm durch Siebdruck-Workshops und botanische Drucktechniken auf Textilien. Die Teilnahme kostet jeweils 20 Euro, buchbar unter kunstfestspiele.de. Das klingt zunächst nach Handarbeitsnachmittag, entfaltet im Kontext der KunstFestSpiele aber eine größere Idee: Kunst entsteht nicht nur auf Bühnen, sondern auch beim gemeinsamen Tun. Wer Brot backt, Stoff bedruckt oder Gemüse fermentiert, beschäftigt sich plötzlich mit Zeit, Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und Wissenstraditionen. Die Grenze zwischen Alltag und Kunst löst sich auf wie Hefe im warmen Wasserbad.

Gerade diese niederschwellige Form dürfte Menschen ansprechen, die sonst vielleicht Berührungsängste mit zeitgenössischer Kunst haben. Man muss keine kunsttheoretischen Texte gelesen haben, um Freude daran zu entwickeln, gemeinsam Drucke herzustellen oder ein textiles Gemeinschaftsprojekt wachsen zu sehen. Bemerkenswert ist, wie konsequent die KunstFestSpiele dabei die Grenze zwischen Kunstbetrieb und Alltag auflösen. Es geht nicht nur um fertige Werke, sondern um Prozesse, Austausch und gemeinsame Erfahrungen.

Das gilt auch für eines der ungewöhnlichsten Projekte des Programms: den „Weird Machine Wrekshop“ des britischen Künstlers Paul Granjon. Im Arne Jacobsen Foyer stapeln sich dafür ausrangierte Faxgeräte, CD-Player, Scanner, Toaster oder alte Computer. Aus diesem Elektroschrott entwickelt Granjon gemeinsam mit Kindern, Jugendlichen, Bastlerinnen, Nerds und neugierigen Besucherinnen skurrile Maschinen und kinetische Kunstobjekte. Die Installation ist vom Sonntag, 24. Mai, bis Sonntag, 31. Mai, bei freiem Eintritt zugänglich. Während der Öffnungszeiten darf das Publikum selbst mitbauen. Das ist weit mehr als Upcycling mit Kulturbudget. Granjons Projekt erzählt etwas über unseren Umgang mit Technologie. In einer Zeit, in der digitale Geräte immer glatter, verschlossener und undurchsichtiger werden, öffnet der Workshop alte Maschinen wieder buchstäblich. Kinder dürfen hineinschauen, Erwachsene wieder neugierig werden. Technik erscheint nicht länger als magische Blackbox, sondern als etwas, das man verändern, auseinandernehmen und neu zusammensetzen kann. Gerade für Familien dürfte das einer der charmantesten Programmpunkte des Festivals werden, weil er Technikbegeisterung und Kreativität miteinander verbindet, ohne belehrend zu wirken.

Vertieft wird das Projekt durch mehrere thematische Workshops. Beim Programmier-Workshop „Licht programmieren“ am Dienstag, 26. Mai, von 15 bis 18 Uhr lernen Teilnehmende ab zwölf Jahren ohne Vorkenntnisse, mit Licht und Elektronik zu arbeiten. Ein weiterer Workshop richtet sich am Donnerstag, 28. Mai, von 15 bis 18 Uhr gezielt an Kinder ab acht Jahren. Für ältere Bastlerinnen und Künstler bietet Granjon am Sonnabend, 30. Mai, von 13 bis 17 Uhr einen Workshop für öko-elektronische Kunst an. Die Teilnahme kostet jeweils 15 Euro, ermäßigt 7,50 Euro.

Überhaupt ziehen sich Familienfreundlichkeit und Zugänglichkeit erstaunlich konsequent durch das gesamte Programm. Das zweitägige KinderKunstSpektakel am 24. und 25. Mai verwandelt Herrenhausen in ein fantasievolles Experimentierfeld. Vorstellungen dauern oft nur 15 bis 60 Minuten und können flexibel kombiniert werden, wodurch sich der Festivalbesuch auch mit Kindern angenehm entspannt gestaltet. Viele Angebote sind kostenlos, andere beginnen bereits bei fünf Euro Eintritt. Klingende Objekte, ein außergewöhnlicher Tennisplatz und eine Upcycling-Werkstatt lassen Kunst, Wissenschaft und Spiel ineinanderfließen. Das Tech-Zirkus-Stück „Ballroom“ des Künstlerduos Post uit Hessdalen verwandelt das Innere eines umgebauten Lastwagens in ein surreal wirkendes Universum. Zwischen hunderten weißen Bällen und einem gelangweilten Jongleur geraten plötzlich die Gesetze der Schwerkraft durcheinander. Auf der Hinterbühne der Orangerie entwickelt der belgische Choreograf Ugo Dehaes in „Simple Machines“ ein eigentümliches Ballett aus selbstgebauten Robotern, die über Tische krabbeln, tanzen, taumeln oder sich wie kleine Tiere bewegen. Unterstützt von künstlicher Intelligenz entstehen dabei immer neue Bewegungsabläufe aus den Daten der laufenden Aufführungen. Das Stück erzählt mit viel Humor von einem Künstler, der sich selbst überflüssig macht und die Bühne den Maschinen überlässt. Besonders reizvoll: Nach der Vorstellung darf das Publikum den Robotern selbst neue Bewegungen beibringen.

Daneben setzt Brigitta Muntendorf programmatisch stark auf die Verbindung von Kunst und digitaler Gegenwart. Schon die Eröffnung am Freitag, 22. Mai, wirkt wie ein Statement: Philip Glass’ „Einstein on the Beach“ trifft im Neuen Rathaus auf einen eigens eingerichteten Beach Club am Maschteich. Suzanne Vega steht mit auf der Bühne, während draußen die Stadt in frühsommerliche Abendluft taucht. KunstFestSpiele bedeuteten schon immer Grenzgänge, doch Muntendorf denkt diese Idee radikal weiter. Sie kommt selbst aus der experimentellen Musikszene, arbeitet mit immersivem Theater, 3D-Audio und AI-Voice-Cloning und gehört international zu den prägenden Komponistinnen ihrer Generation. Nun bringt sie dieses Denken nach Hannover: Kunst nicht als abgeschlossenen Tempelraum, sondern als offenes Versuchslabor.

Tatsächlich entsteht der Eindruck eines Festivals, das bewusst unterschiedliche Milieus zusammenbringen möchte: Clubkultur trifft auf klassische Musik, Wissenschaft auf Performance, Familienprogramm auf Medientheorie. Diese KunstFestSpiele fragen nicht nur, was Technik mit Kunst macht. Sie fragen vor allem, wie Menschen miteinander leben, lernen und kommunizieren wollen. Und sie tun das nicht mit kulturtheoretischer Schwere, sondern oft spielerisch, neugierig und sinnlich.

Und dann sind da noch jene großen Bilder, die lange im Kopf bleiben dürften: riesige Bassboxen im Morgengrauen zwischen den Herrenhäuser Gärten. Ein Konzertflügel, der in Simon Steen-Andersens „Piano Concerto“ aus großer Höhe stürzt. Die immersive Klanginstallation „The Forty Part Motet“ von Janet Cardiff in der barocken Galerie. Oder ein Community-Picknick zum Festivalabschluss. Immer wieder arbeitet dieses Programm mit starken Kontrasten zwischen historischer Kulisse und Zukunftsästhetik. Herrenhausen wird dabei nicht bloß zur schönen Kulisse, sondern zum Resonanzraum für Fragen unserer Gegenwart.Genau darin liegt vielleicht die eigentliche Stärke dieser KunstFestSpiele: Sie versuchen gar nicht erst, Kunst elitär wirken zu lassen. Stattdessen laden sie dazu ein, gemeinsam neugierig zu sein. Auf neue Technologien. Auf andere Formen des Zusammenlebens. Auf Musik, die nicht nur gehört, sondern körperlich gespürt wird. Auf Kunst, die gleichzeitig philosophisch und verspielt sein darf. R/HRVollständiges Programm
und Kartenvorverkauf:

kunstfestspiele.de



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