Linien innerer Kraft
Vernissage „Kraftlinien“: Die GlowArt Gallery zeigt Arbeiten von sechs Künstlerinnen

Die Künstlerin Sonja Pelkowski lässt aus Rissen Kraftlinien entstehen.
Laatzen. Eine aufgebrochene Fläche trifft auf leuchtendes Blau, goldene Schichten verändern sich im Licht, Wasser trägt Pigmente über das Papier. In der Ausstellung „Kraftlinien“ kommen sechs Künstlerinnen zusammen, die mit sehr unterschiedlichen Techniken von Wandel, Verletzlichkeit und neuer Stärke erzählen. Die GlowArt Gallery im Leine-Center Laatzen eröffnet die Ausstellung am Sonnabend, 15. August, mit einer Vernissage von 16 bis 19 Uhr.

Anita Franz, Regina Reichenbach, Sonja Pelkowski, Tatjana Hartmann, die unter dem Namen Thana arbeitet, Vivien Kunte und Kordula Bode nähern sich dem Thema auf jeweils eigene Weise. Ihre Werke reichen von Öl- und Aquarellmalerei über abstrakte Acrylbilder bis zu reliefartigen Mixed-Media-Arbeiten. Gemeinsam ist ihnen der Blick auf Veränderungen, die nicht verborgen oder geglättet werden. Risse, Schichten, offene Stellen und fließende Farben werden vielmehr zu sichtbaren Spuren persönlicher und künstlerischer Entwicklungen.

Besonders körperlich tritt das Thema in den Arbeiten von Sonja Pelkowski hervor. Die frühere Sonderschulpädagogin, Schulleiterin und Ausbilderin angehender Lehrkräfte verbindet auf Holzmalgründen unter anderem Acrylfarbe, Kalk, Marmormehl, Sand, Pigmente und Fasern. Viele ihrer Strukturmaterialien stellt sie selbst her. Glänzendes Resin legt sich stellenweise über raue, mineralisch wirkende Flächen. Harte Kanten und tiefe Risse bleiben bewusst erhalten.

Pelkowski lebt mit einer schweren chronischen Erkrankung. Nach mehreren Jahren, in denen sie zeitweise bettlägerig und auf einen Rollstuhl angewiesen war, entwickelte sie ihre künstlerische Arbeit immer konsequenter weiter. Ihre Bilder sind dennoch keine unmittelbaren Krankheitsberichte. Werke wie „Was die Zeit zurücklässt“, „Aqua Terra“ oder „Atem der Erde“ verwandeln persönliche Erfahrungen in Farbräume, in denen Verletzlichkeit und Widerstand zugleich bestehen können. Brüche erscheinen dabei nicht als Endpunkte, sondern als Ausgangslinien für Veränderungen.

Auch Vivien Kunte lässt ihre Bildoberflächen Widerstand leisten. Die 1968 in Düsseldorf geborene Künstlerin kombiniert Acrylfarbe mit Blüten, Rinde, Blättern oder Erde. Grobe Spachtelspuren stehen neben feineren Zeichnungen und mit Ölkreide bearbeiteten Partien. Belastende Erfahrungen aus den Jahren 2019 und 2020 fließen in ihre Kunst ein, ohne dort als konkrete Szenen aufzutauchen. Statt einer eindeutigen Erzählung entstehen Verdichtungen, Kontraste und offene Stellen. Kunte, die heute in der Kinderbetreuung arbeitet sowie Kunstkurse für Kinder und Erwachsene anbietet, überlässt es dem Publikum, in den vieldeutigen Flächen eigene Zusammenhänge zu entdecken.Das Wasser bestimmt dagegen die Werkserie „Ocean“ von Anita Franz. Die 1965 in Gifhorn geborene Künstlerin arbeitet mit Acryl, Spachtel, Epoxidharz und Holz. In ihren Bildern erscheint das Meer zugleich als Ort der Freiheit, der Bedrohung, der Ruhe und des Aufbruchs. Fließende Farben und übereinanderliegende Strukturen halten Kontrolle und Loslassen in einem Spannungsverhältnis.

Wie eng Scheitern und Weiterarbeiten dabei verbunden sein können, zeigt die Entstehung von „Mirror of the Soul“. Franz hatte eine mehrfach bearbeitete Leinwand zunächst beiseitegestellt. Erst nachdem sie alte Schichten mit dem Spachtel weitgehend entfernt hatte, fand sie den Ausgangspunkt für das neue Werk. Andere Arbeiten wie „Wave“, „Freedom“ oder „Peace of Mind“ greifen persönliche Umbrüche, Erinnerungen und die wechselnden Zustände des Wassers auf.

Regina Reichenbachs Bilder erzählen von einer langsamen Rückkehr zur Farbe. Die 1961 in Berlin geborene und heute in Töpchin lebende Künstlerin hatte die Malerei über viele Jahre hinter Familie und Beruf zurückgestellt. Nach einer chronischen Depression begann sie 2022 erneut, regelmäßig mit Ölfarben zu arbeiten. Anfangs konnte sie sich nach eigener Darstellung nur wenige Minuten auf ein Bild konzentrieren. Aus dieser kurzen täglichen Übung entwickelte sich allmählich eine beständige künstlerische Praxis.

Die Veränderung lässt sich an ihren Gemälden ablesen. Auf zunächst beinahe schwarze Arbeiten folgten farbintensive Landschaften mit Licht und räumlicher Tiefe. Ostsee, Sonnenaufgänge, Flieder, Birken und eine Holzbrücke im Harz werden zu Orten, an denen Naturbeobachtung und innere Empfindung zusammentreffen. Reichenbach arbeitet gegenständlich, nutzt die Motive jedoch nicht zur bloßen Wiedergabe. Entscheidend ist für sie die emotionale Wirkung der Farbe.

Bei Kordula Bode übernimmt das Wasser nicht nur eine motivische, sondern auch eine gestalterische Rolle. Die 1962 in Hannover geborene Aquarellmalerin findet ihre Anregungen auf Spaziergängen. Landschaften, Bäume, Himmel, Blüten und bergartige Formen bleiben in ihren Arbeiten erkennbar, lösen sich an den Rändern jedoch häufig in fließende Übergänge auf. Pigmente verdichten sich oder verlieren ihre Konturen. Bode gibt ihren Motiven damit eine Richtung, legt ihre Bedeutung aber nicht vollständig fest. Die Bilder bleiben offen für Erinnerungen und Vorstellungen der Betrachtenden.

Tatjana Hartmann alias Thana verbindet schließlich Porträts, Tiere, Blüten, Naturformen und geometrische Ornamente. Ihre Mixed-Media-Arbeiten entstehen aus leuchtenden Farben, reliefartigen Oberflächen sowie goldenen und silbernen Schichten. Je nach Lichteinfall treten andere Einzelheiten hervor. Häufig zeigen die Bilder Gesichter mit geschlossenen Augen. Die Figuren wirken nicht abgewandt, sondern gesammelt und präsent. Auch Elefanten, Tiger, Schmetterlinge und symbolhafte Formen gehören zu ihrem Motivkreis. Ruhe und Kraft erscheinen hier nicht als Gegensätze, sondern als zwei Seiten derselben Bewegung.

Gerade die Unterschiede zwischen den sechs Positionen bestimmen den Charakter der Ausstellung. Mal wird Veränderung durch abgetragene Schichten sichtbar, mal durch fließende Farbe, schroffe Materialkanten oder eine Landschaft, die sich erst beim längeren Betrachten öffnet. Der Titel „Kraftlinien“ bezeichnet dabei keine einheitliche Stilrichtung. Er verbindet künstlerische Wege, auf denen Erfahrungen aufgenommen, verwandelt und in eine eigenständige Form überführt werden.

Die Vernissage beginnt am Sonnabend, 15. August, um 16 Uhr in der GlowArt Gallery im Obergeschoss des Leine-Centers, Albert-Schweitzer-Straße 10. Die Ausstellung ist bis Sonnabend, 26. September, zu sehen. Der Eintritt ist frei. RED Nähere Informationen:
glowart-gallery.com

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