Fantasiewelten mit makaberem Twist
Katharina Raab baut aus Kaffeestäbchen, Kontaktlinsenbehältern und Baumarktmaterialien fantastische
Miniaturwelten mit Humor – und begeistert damit Hunderttausende Menschen in den sozialen Netzwerken.

Die Schublade im Miniaturschrank, in dem Mäuse wohnen, ist nur wenige Zentimeter groß, die Tassen auf dem Tisch sogar nur etwa einen Millimeter.
Rethen. In den Sozialen Medien ist Katharina Raab wohl Laatzens erfolgreichste Künstlerin. Ihre Videos sind millionenfach geklickt. Auf Instagram folgen der Studentin fast 500.000 Menschen, auf TikTok sind es mehr als 300.000 Follower. Wer ist die in Studentin, die mit Skalpell, Pinzette und Fräse aus Alltagsgegenständen und Baumarktmaterialien kleine Kunstwerke fertigt?

„Hi, ich bin Katharina, ich bin Miniaturkünstlerin.” So eröffnet die 27-Jährige viele ihrer Videobeiträge. Bekannt geworden ist sie mit einem Koffer, in dem sie eine Hexenvilla eingerichtet hat. „Der Koffer ist ein Dauerprojekt”, sagt Raab über das besondere Flohmarkt-Fundstück. „Ich dachte sofort, da müsste man mal eine Wohnung reinbauen.“ Seit mehr als einem Jahr arbeitet sie schon daran. Dass das Ergebnis so viele begeistern und sie damit sogar ihren Lebensunterhalt finanzieren würde, hätte sie allerdings nicht erwartet.

In ihren Videos erklärt Raab ihre Arbeitsweise und Materialien, die oftmals Alltagsgegenstände sind: Kontaktlinsenbehälter werden zu Waschbecken, Zahnstocher und Schaschlikspieße zu Geländern oder Möbeln. Aus Kaffeerührstäbchen fertig sie Parkettböden. Material nachkaufen müsse sie sehr selten. „Vieles ist im Haushalt vorhanden.“ Das fasziniert offenbar viele.

Manche Eltern schauten die Videos mit ihren Kindern, andere würden selbst kreativ. „Ich finde es schön, dass das, was ich hier in meinem kleinen Kämmerchen mache, in der echten Welt Menschen bewegt“, sagt Raab. „Es ist für mich das Allergrößte, wenn ich Menschen irgendwie inspirieren kann.“

Die Künstlerin erschafft winzige Welten, in denen es viel zu entdecken gibt: In der Hexenvilla sitzt eine Krake in der Badewanne, unter einem Bett schaut ein Monster mit Spielkarten hervor. Im Regal der Bibliothek stehen rund 700 Bücher. Für Treppengeländer oder Tischbeine hat Raab Holzspieße mit einem Skalpell bearbeitet. Jedes Detail ist Hand gefertigt: im Maßstab 1:33. Wie sie dabei vorgeht, erklärt sie in ihren Videos.

In die Schublade eines Schränkchens hat sie eine Mäusewohnung gezaubert: mit Tassen kleiner als ein Reiskorn. „Die ganz kleinen Sachen machen mich schon ein bisschen fertig“, gesteht Raab, doch sie habe viel Geduld. „Wenn etwas nicht klappt, mache ich es halt nochmal.“ Schlimmer sei es, wenn der Leim spät trocknet. „Untätig warten kann ich gar nicht“, sagt sie lachend.

Viele ihrer Miniaturen haben einen morbiden Unterton: In eine Guillotine mit beweglichem Fallbeil hat sie eine herzförmige Öffnung eingelassen. „Es ist auf eine etwas makabere Weise lustig“, meint die Studentin. „So etwas fasziniert mich.“ Und so könne sie Geschichten aufbauen. Raab vergleicht dies mit Märchen. „Bei Schneewittchen muss sich die böse Königin am Ende mit glühenden Schuhen zu Tode tanzen.“

Die Beschäftigung damit sei „ein kontrollierter Rahmen, sich mit den Abgründen in einem selbst und in der Welt auseinanderzusetzen“. Aktuell arbeitet Raab unter anderem an einem Regal voller winziger Knochen und Schädel. Eine Wirbelsäule hat sie aus Papier, Zahnstocherspitzen und Reparaturspachtelmasse gebastelt. Das Arbeiten an kleinen Details empfindet sie als guten Gegenpol zur heutigen schnelllebigen Zeit.

Inspiration findet Raab unter anderem in Büchern von Walter Moers und Michael Ende. „Beim Koffer hatte ich anfangs kein genaues Bild im Kopf“, sagt die Künstlerin. „Ich mache keine Skizzen und Pläne, ich baue einfach drauflos und gucke, worauf habe ich Lust habe.“ Manchmal müsse sie daher Dinge auch wieder entfernen. Im Koffer versetzte sie schon mehrfach Wände.

Die Miniaturkünstlerin arbeitet an mehreren Dingen parallel. „Es macht mich unglücklich, wenn ich abwarten muss, bis ein Projekt fertig ist.“

Oft entdecke sie Objekte zufällig, die sie dann weiterverwertet und umgestaltet: Bei einem kitschigen Weihnachtskarussell habe sie „die fröhlichen Karusselltiere erbarmungslos abgetrennt“ und durch Monster ersetzt. „Jetzt finde ich es richtig gut.“

Früher habe sie noch Auftragsarbeiten angefertigt - wie eine Bibliothek mit mehr als 1500 Büchern. „Davon habe ich Videos auf TikTok geteilt, das kam total gut an.“ Mittlerweile nehme sie aber keine Aufträge mehr an. Bei eigenen Arbeiten könne sie sich kreativer ausleben. „Ich mache lieber Videos davon und teile sie mit anderen Menschen.“

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Von den Einnahmen, die sie über Social-Media-Klicks generiert, könne sie inzwischen leben, sagt Raab, die Bühnenbild an der Hochschule Hannover studiert. Aktuell erstelle sie auf Grundlage von Anton Tschechows Drama „Die Möwe“ einen Stop-Motion-Kurzfilm mit selbstgebauten Puppen. Auf ähnliche Weise entstünden zurzeit Filmsequenzen für das Bühnenbild eines Theaterprojektes in München. „Das Stück geht in Richtung Horrorpsychothriller.“ Die Videos öffneten eine weitere Psychoebene.

Für ihr Studium zog die gebürtige Garmisch-Partenkirchenerin 2022 nach Hannover, Anfang des Jahres dann mit ihrem Mitbewohner und dessen Partner nach Rethen. „Die wollten zusammenziehen, aber nicht ohne mich“, sagt sie lachend. „Und ich wollte nicht ohne die beiden und unsere Katzen leben.“

Die Ideen kämen bei ihr blitzschnell, „wie in einem Fiebertraum“: Letztens dachte ich, ein tragbares Haus zu benötigen. Also bastelte sie aus Umzugskartons und Pappmaché einen Hexenhaus-Hut samt Beleuchtung. Es gehe nicht wirklich ums Tragen. „Wir werden vielleicht mal ein lustiges Fotoshooting machen.“

In gewisser Weise baue sie ihr eigenes Traumhaus, sagt Raab: „Ich bin ein bisschen neidisch, dass Schnecken immer ein kleines Haus dabei haben, in das sie sich einigeln können.“ Tatsächlich sammelt sie auch Schneckenhäuser, darunter an den Koldinger Seen - für ihre Zauberbrunnen. „Ich will eine kitschige Fantasiewelt bauen, aber mit einem makaberen Twist.“

Mitunter gestaltet sie dafür einen alten Zimmerbrunnen um und dekoriert ihn mit Wasserfällen, verrückten Pflanzen, Treppen, Brücken und Türmen. Die Schneckenhäuser dienen als Dächer. „Ich stehe auf überladene Dinge, wo es viel zu entdecken gibt.“

Ein weiteres Projekt sei ihr Miniatur-Tagebuch. In einem Setzkasten sammelt sie Traumszenen, Erlebnissen und Ideen. Kürzlich baute sie einen Bienenstock - weil sie geräumt hatte, ein Bienenvolk transportieren zu müssen.

Miniaturen baut Raab seit 2020. „Das war die Coronazeit, da war mir ein bisschen langweilig.“ Auf YouTube entdeckte sie ein Video, in dem eine Frau die Winkelgasse aus Harry Potter nachgebaut hatte. „Das fand ich sehr cool.“ So habe sie selbst angefangen und sei nicht mehr davon losgekommen.

„Ich fand diese kleinen Welten schon als Kind ganz toll“, sagt Raab. „Unser Opa hat uns früher eine tolle Ritterburg aus Holz gebaut, damit konnte ich stundenlang spielen.“ Sie fand es spannend, sich auszudenken, was darin passiert und habe später viel gemalt, gezeichnet und fotografiert.

Mehrere Fernsehsender haben schon über die Miniaturkünstlerin berichtet. Im Mai war Raab Gast in der NDR-Talkshow. Mitunter werde sie auch schon in der Öffentlichkeit erkannt und angesprochen. „Das sind meist tolle Begegnungen, ich weiß aber überhaupt nicht, wie ich reagieren soll.“ Als die 27-Jährige kürzlich beim Internationalen Museumstag im Schlossmuseum Arnstadt vor Ort live bastelte, hätten sie die Kinder dort erfreut. „Die waren cool, kreativ und lustig – das macht mir Hoffnung für die Zukunft.“

Wann ihr Hexenkoffer fertig wird, weiß Raab nicht. Sie wolle ein Wimmelbild erschaffen, in dem man sich beim Betrachten komplett verlieren kann, sagt sie – und noch sei es nicht so weit.

Info: Wer mehr über die Künstlerin erfahren möchte, findet Katharina Raab bei Instagram, TikTok und YouTube unter dem Namen @katharinahandmade.





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