Auch bei der Amsel gibt es in Niedersachsen vorsichtig erfreuliche Nachrichten. Nachdem die Art im vergangenen Jahr durch das Usutu Virus vielerorts deutlich seltener gemeldet wurde, liegt sie nun 7 Prozent über dem Vorjahreswert. „Viele Menschen haben im vergangenen Jahr gemerkt, dass der vertraute Amselgesang in manchen Gärten leiser geworden ist“, so Neffati. „Das leichte Plus in diesem Jahr zeigt, dass sich die Bestände offenbar etwas erholen konnten.“ Eine vollständige Entwarnung ist das aber noch nicht. Die weitere Entwicklung muss aufmerksam beobachtet werden.
Weniger erfreulich fällt der Blick auf den Haussperling aus. Der Spatz bleibt zwar die Nummer eins unter den gemeldeten Gartenvögeln in Niedersachsen, wurde aber um 6 Prozent seltener gezählt als im Vorjahr. „Der Haussperling gehört für viele Menschen ganz selbstverständlich zum Alltag. Genau deshalb ist sein Rückgang so alarmierend“, betont Neffati. Wenn eine so häufige Art über Jahre hinweg kontinuierlich abnimmt, ist das ein Warnsignal für den Zustand der Natur in Städten und Dörfern. Dem Haussperling fehlen vielerorts Nistplätze an Gebäuden und ausreichend Insekten, die besonders für die Aufzucht der Jungvögel wichtig sind.
Besonders deutlich ist der Rückgang beim Mauersegler. Die eleganten Sommerboten wurden in Niedersachsen um 38 Prozent seltener gemeldet. Auch die Mehlschwalbe liegt mit einem Minus von 9 Prozent unter dem Vorjahreswert. Beide Arten brüten an Gebäuden und sind auf Insekten als Nahrung angewiesen. „Wenn Mauersegler und Mehlschwalben seltener werden, schauen wir nicht nur auf einzelne Vogelarten, sondern auch auf Lebensräume, die verschwinden“, erklärt Neffati. Sanierungen ohne Ersatzquartiere, verschlossene Nischen an Gebäuden und der Rückgang von Insekten könnten den Arten zusetzen. Hinzu komme, dass einige Tiere möglicherweise später aus ihren Winterquartieren zurückgekehrt sind und deshalb am Zählwochenende noch nicht in gewohnter Zahl zu sehen waren.
Ein besonderer Lichtblick ist die Mönchsgrasmücke. Sie wurde in Niedersachsen um 28 Prozent häufiger gemeldet. Die unscheinbare Sängerin fühlt sich dort wohl, wo Gärten nicht zu aufgeräumt sind: in dichten Hecken, Sträuchern und bodennaher Vegetation. „Die Mönchsgrasmücke zeigt, wie viel ein naturnaher Garten bewirken kann“, so Neffati. „Wer heimische Sträucher pflanzt, wilde Ecken stehen lässt und nicht jeden Winkel sofort aufräumt, schafft wertvollen Lebensraum direkt vor der Haustür.“
Die Ergebnisse der „Stunde der Gartenvögel“ machen deutlich: Unsere Gärten und Siedlungen sind für viele Vogelarten längst wichtige Rückzugsräume. Doch sie müssen auch etwas bieten. Heimische Pflanzen, unversiegelte Flächen, Hecken, Wasserstellen, Nisthilfen und der Verzicht auf Pestizide helfen nicht nur Vögeln, sondern auch Insekten und vielen anderen Tieren. Ebenso wichtig sind vogelfreundliche Gebäudesanierungen. Gerade Mauersegler, Mehlschwalben und Haussperlinge sind auf Nischen, Spalten und geschützte Brutplätze an Häusern angewiesen. Werden diese bei Sanierungen verschlossen, ohne Ersatz zu schaffen, verlieren die Tiere oft unbemerkt ihre Lebensgrundlage. Wer Gebäude modernisiert, sollte Brutplätze deshalb erhalten oder durch geeignete Nisthilfen ersetzen.Insgesamt haben niedersachsenweit rund 6300 Menschen bei der Vogelzählung mitgemacht und aus mehr als 4400 Gärten mehr als 137.500 Vögel gemeldet. Die „Stunde der Gartenvögel“ ist eine Mitmachaktion von NABU und seinem bayerischen Partner LBV (Landesbund für Vogel- und Naturschutz). Die nächste Vogelzählung ist die „Stunde der Wintervögel“ vom 8. bis 10. Januar 2027 statt.